Flüchtlingsheim auf dem Gelände einer ehemaligen Kaserne in Burbach (Nordrhein-Westfalen/Symbolbild).Foto: Ina Fassbender/dpa

Osnabrück: Offener Brief der Flüchtlinge in der Limbergkaserne an die Stadt

Von 30. Juni 2017 Aktualisiert: 1. Juli 2017 6:53
In der Osnabrücker Limbergkaserne sind ca. 220 Sudanesen untergebracht, die sich am 29. Juni mit einem Offenen Brief an die Stadt wandten. Sie fordern ein Aufnahme- und Integrationskonzept, um erfolgreich Fortschritt gestalten zu können. Die Stadt sagt: "Wir werden das prüfen".

Die „Neue Osnabrücker Zeitung“ veröffentliche gestern einen Offenen Brief der Flüchtlinge, die in der Osnabrücker Limbergkaserne untergebracht sind.

In der Unterkunft sind rund 220 Sudanesen untergebracht, die Stadtbaurat Otte den offenen Brief übergaben. Frank Otte bezeichnete die Forderungen als „Klagen auf hohem Niveau“. Der Brief richtet sich an Oberbürgermeister Wolfgang Griesert, das Sozialamt, die Ausländerbehörde und die Johanniter.

Stadtrat Otte nahm den Brief stellvertretend entgegen (OB Griesert ist im Urlaub) und versprach: „Wir werden das prüfen“.

Wie die NOZ schreibt, habe ihn die Demonstration aber „sehr überrascht“. So seien „einige Kritikpunkte nicht Sache der Stadt, etwa die Entscheidungen über Asylanträge“.

„Andere Punkte sind aus unserer Sicht nicht haltbar“, sagte Otte, es gebe von den verantwortlichen Johannitern durchaus „viele Freizeitangebote für die Flüchtlinge wie Urban Gardening“.

Der Brief der Flüchtlinge an Osnabrück

Der Brief als pdf. Nachfolgend der Text:

„Eine Petition eingereicht von dem Exekutivausschuss der Geflüchteten in der Unterkunft im Ickerweg 120 in Osnabrück:

An: Den Oberbürgermeister von Osnabrück-Stadt, die Leitung der Ausländerbehörde in Osnabrück, die Direktorin der Abteilung des Fachbereiches Integration und Soziales der Stadt Osnabrück, den Direktor der Johanniter-Organisation in Osnabrück, die Direktionen der Außenstellen des BAMF in Osnabrück und Bramsche

Durch die Eigeninitiative von einer Großzahl der Bewohner der Unterkunft entstand die Idee der Einrichtung eines exekutiven Ausschusses, der aus gewählten Mitgliedern besteht, um repräsentativ für alle Bewohner die bestehenden Probleme festzustellen und mit allen Beteiligten zu lösen und um die damit verbundenen Herausforderungen zu bewältigen.

Wir hoffen, dass diese Initiative die Verbesserung der Lebenslage der Geflüchteten erzielen kann und bei der Integration in die deutsche Gesellschaft hilft. Wir hoffen auch, dass Osnabrück dadurch als Stadt des Friedens und der Toleranz in ihrem Ansehen steigt. Wir streben nach einer Entwicklung und Verbesserung der Kooperation und der Kommunikation zwischen den Behörden, Organisationen und den Geflüchteten.

Wir streben ebenso an, dass solch eine Entwicklung Anerkennung findet und vielleicht auch in anderen Städten in Deutschland entstehen könnte.

Im Namen aller Bewohner der Unterkunft möchten wir diese Gelegenheit nutzen, um Ihnen und den Osnabrückern für die tolle Aufnahme in die Stadt des Friedens Osnabrück zu danken. Osnabrück hat ihre Türen für uns als neue Heimat geöffnet, wofür wir der Osnabrücker Gesellschaft und den Behörden, den Organisationen und auch den Bewohnern große Anerkennung schenken.

Weil wir hoffen, dass eine gute Zusammenarbeit und Kooperation und die Verbesserung der Lebenslage der Geflüchteten auch in Ihrem Interesse sind, haben wir ein paar Angelegenheiten und Probleme gesammelt, die die Zukunft von Geflüchteten betreffen, und die von den Geflüchteten als Hindernisse zur Integration betrachtet werden.

Im Folgenden erwähnen wir die wichtigsten Punkte:

1. Das lange Warten auf die Rückmeldung vom BAMF bezüglich der Entscheidung über Asyl kann psychischen Druck verursachen, da es manchmal länger als ein Jahr dauert. Diese Zeit wird von Geflüchteten als eine dunkle Zeit empfunden, weil man während dieser Zeit keine Ausbildung anfangen oder arbeiten kann.

2. Die Folgen der Dublin-Verordnung, die für die Ablehnung von Asylanträgen in Deutschland beziehungsweise für die Entscheidung, Asylbewerber in das Land ihres ersten Ankommens in der EU abzuschieben verantwortlich ist, schadet vielen Geflüchteten.

Sie haben ständig Angst, von der Polizei abgeholt und abgeschoben zu werden. Außerdem überschritt die Polizei das Recht der Privatsphäre von Geflüchteten, indem sie die Tür ihrer Wohnung eingebrochen hat, nachdem beim Anklopfen keine Antwort gehört wurde.

Diese Abschiebeszenarien führen zu sehr großem psychischen Druck, der in den meisten Fällen in psychischer Unruhe und Depression mündet. Als einziger Ausweg aus dieser Situation erscheint für viele die Betäubung mit Alkohol, die zur Sucht führen kann.

Wir fordern die Beamten der Städte und Regionen dazu auf, unsere Kritik an dem Einsatz der Dublin-Verordnung zu hören und weiterzutragen. Diese ist Kosten-und Personalintensiv und hat entsetzliche Auswirkungen auf 90% der Geflüchteten.

3. Die Unterkunft Ickerweg 120 ist zu weit entfernt von der Stadt und an einem isolierten Ort, was es unmöglich macht, den normalen Alltag von Osnabrück zu erleben und sich mit anderen Leuten zu treffen.

Außerdem macht die Tatsache, dass diese Unterkunft von einem Zaun eingeschlossen ist, diesen Ort zu einem Gefängnis. Dies erhöht das Gefühl der Isolation. Am schlimmsten ist das Abschließen des einzigen Eingangs dieser Unterkunft nachts und am Wochenende, wodurch dem Rettungsdienst der Zugang während eines Notfalls unmöglich war, bis das Schloß aufgeknackt werden konnte. Während die Bewohner dieser Unterkunft unter diesen Umständen leben müssen, haben Geflüchtete anderer Nationalitäten jetzt eigene Wohnungen in der Innenstadt. Diese Diskriminierung stimmt mit den Prinzipien von Osnabrück, der Stadt des Friedens, nicht überein.

4. Die Geflüchteten haben es sehr schwer, einen Platz in Deutsch- und Integrationskursen zu finden, weil solche Kurse nicht genug angeboten werden. Auch hier tritt das Bevorzugen anderer Nationalitäten auf. Dies verursacht Leid und verhindert, ein neues und gutes Leben anzufangen. Außerdem ist es völlig normal, dass die Diskriminierung zu Kritik führt.

5. Die Kostenübernahme von Anwälten als eine Unterstützung des gesetzlichen Verfahrens gilt nicht für sudanesische Geflüchtete im gleichen Maße, wie es bei Geflüchteten anderer Nationalitäten möglich ist, wie zum Beispiel Syrer. Sudanesische Geflüchtete müssen Anwaltskosten aus eigener Tasche bezahlen. Die Ausschließung der sudanesischen Geflüchteten von diesem Recht ist nur ein weiteres Beispiel von denen, welches das Gefühl von Diskriminierung vertieft.

6. Während des langen Wartens auf die Antwort vom BAMF und auf einen Platz in einem Integrationskurs, leben die Geflüchteten ein leeres Leben, wobei es keine Tätigkeiten oder Veranstaltungen gibt, die die Leere füllen können. Außerdem gilt die Unterbringung der Sudanesen in Osnabrück als eines der minderwertigsten Wohnheime bezüglich der Infrastruktur und der Aktivitäten, im Vergleich zu anderen Unterbringungen von anderen Nationalitäten. Beispielsweise fehlt es im Wohnheim an einem WiFi-Zugang und alle Bewohner sind gezwungen, für eine Internetverbindung in die Stadt zum Hauptbahnhof oder ins Café Mandela zu gehen.

Internetzugang ist eine unverzichtbare Notwendigkeit für Geflüchtete, die sie nicht nur für den Kontakt mit der Familie brauchen sondern auch für das tägliche Deutschlernen über das Internet. Weiterhin gibt es keinen Fernseher zur Unterhaltung oder um Nachrichten zu sehen oder auch irgendeine andere Freizeitmöglichkeit.

Derzeit gibt es nur zwei Tage die Woche einen Deutschkurs, der von ehrenamtlichen Mitarbeitern geführt wird (zur Zeit für zwei Wochen komplett ausgesetzt) und es wurde auch ein Fitnessraum eröffnet, in dem es eine Trainingsbank und zwei Hanteln für 270 Geflüchtete gibt.

7. Wenn den Heimbewohnern die Post geliefert wird, öffnen einige Sozialmitarbeiter die Tür des Zimmers direkt und betreten es unabhängig davon, ob die Bewohner im Zimmer sind. Dies ist eine unzufriedenstellende Verletzung der Privatsphäre von Personen.

8. Die äußere Umwelt des Camps leidet unter der klaren Vernachlässigung im Hinblick auf Pflege der Pflanzen und der Grünflächen rund um das Haus. Dadurch, dass sie fast nie geschnitten wurden, stellen sie eine passende Umgebung zur Vermehrung von Mücken und anderen Insekten dar.

9. Die Geflüchteten haben große Schwierigkeiten, einen Dolmetscher für Gespräche mit den Ämtern und Behörden zu finden, wie zum Beispiel: das Jobcenter, die Ausländerbehörde und Gespräche mit Anwälten oder ein Arztbesuch. So muss man manchmal selbst für einen Übersetzer bezahlen, wenn es keine Freunde gibt, die helfen können. Die Johanniter bieten Dolmetscher nur innerhalb der Verwaltungsbüros des Camps und nicht außerhalb. Zudem stimmen viele darin überein, dass es Verständigungsprobleme mit dem Dolmetscher im Camp gibt, weil er aus Syrien kommt und der Unterschied zwischen den Dialekten riesig ist.

10. Die große Anzahl der Bewohner des Wohnheims mit über 270 Geflüchteten macht medizinische Versorgung bei Notfällen innerhalb des Camps erforderlich. Hier ist auch auf andere Camps hinzuweisen, wo diese wichtige Leistung angeboten wird. Wegen der schlechten Bedingungen bei Arztbesuchen gewinnt diese Leistung bei uns an Bedeutung. Denn für den Arztbesuch ist ein Krankenschein vom Sozialamt notwendig und dann wartet man lange auf Arzttermine.

11. Die psychische Belastung aufgrund des Traumas, das fast alle Geflüchteten auf dem Boot über das Meer erleben mussten, die Ferne von den Eltern, das Leben in einer fremden Gesellschaft, das lange Warten, die bedrohenden Folgen der Dublin-Regulierung, die Isolierung des Camps und die Leere, die an dem Mangel an Tätigkeiten und an Veranstaltungen liegt; All diese Faktoren und Andere beeinflussen zu einem sehr großen und wachsenden Teil die Individuen im Camp. Als Folge leiden sie nun unter psychischen Erkrankungen, wobei die Schwere variiert. Bei den meisten kommt es zu kritischen Zuständen.

Alkoholismus ist ein zusätzliches Problem. Die so sehr gebrauchte psychologische Beratung, innerhalb und außerhalb des Wohnheims, fehlt und es gibt keine Möglichkeiten zu einem professionellen Arzt zu gehen. Von Allgemeinmedizinern werden Betroffene zum Neurologen überwiesen, der nicht in psychiatrischen Erkrankungen spezialisiert ist.

12. Die Verwaltung des Flüchtlingscamps führt eine wöchentliche Anwesenheitsüberprüfung durch, die für alle Bewohner verpflichtend ist. Es gelten Strafen für die, die nicht geprüft werden, durch Verminderung vom Taschengeld (soziale Hilfe). Viele der Bewohner haben während ihrem Besuch in anderen Flüchtlingscamps, wo solch eine Anwesenheitsüberprüfung nicht angewendet wird, den Eindruck, belagert zu sein. Das hat eine unerwünschte kontrollierende Wirkung.

13. Alle Bewohner sind auf die öffentlichen Verkehrsmittel angewiesen und müssen die Kosten für das monatliche Ticket selber tragen. In mehreren Städten in anderen Bundesländern gilt eine Verminderung des Preises der Tickets bis um die Hälfte. Diese andauernde Gebühr belastet das sehr begrenzte Budget des Geflüchteten. Es besteht, durch Ermäßigung des Preises, die Möglichkeit die Last zu verringern.

Diese sind die Kernursachen und -probleme, die das Leiden der Geflüchteten verschlimmern. Sie verhindern ein ausgewogenes Leben, das die Grundlage ist, in einer neuen Gesellschaft anzukommen. Um den Dialog positiv zu führen nennen wir unten eine Zusammenfassung unserer Forderungen.

Wir fordern von Ihnen:

1- Die Bereitstellung von Ressourcen und die Durchführung notwendiger Maßnahmen um die Bearbeitung der Asylanträge zu beschleunigen und die Wartezeit zu verkürzen.

2- Die Ursachen und den negativen Einfluss des Dublin-Abkommens auf die Geflüchteten bei den höheren Ebenen der Entscheidungsträger auf den Tisch zu legen, damit unsere Stimme gehört wird. Weiterhin fordern wir die gewaltsame Art und Weise der Durchführung von Abschiebungen zu überprüfen und ob das natürliche Recht, die Würde und Privatsphäre der Geflüchteten gewahrt werden.

3- Eine strategische Alternative zur gegenwärtigen Unterkunft zu finden und die Bewohner in zivile Unterkünfte in der Stadt zu transferieren, um das oben genannte Problem zu lösen.

4- Die Notwendigkeit zu überprüfen, das Heim mit Zäunen in der Nacht und an Feiertagen abzuschließen, und sie stattdessen zu entfernen und den Eingang des Heims zu öffnen.

5- Erhöhen Sie die Aufnahmefähigkeit der Schulen für Integrationskurse. Entfernen Sie Prioritäten aufgrund der Nationalität und behandeln Sie alle Geflüchteten mit Chancengleichheit unabhängig von ihrer Nationalität.

6- Finanzielle Unterstützung von der Regierung um bei allen Asylverfahren unabhämgig von der Nationalität einen Anwalt bereitzustellen.

7- Bereitstellung von Übersetzern der sudanesischen Nationalität. Eine größere Anzahl an Übersetzern, außerhalb und innerhalb des Heims.

8- Die Bereitstellung von WiFi-Zugang im Camp und von einem großen Fernseher oder Projektor.

9- Sanierung und vollständige Ausstattung des Fitnessraums mit Trainingsgeräten und Tischtennisplatten.

10- Täglichen Deutschunterricht im Camp.

11- Kurse und Workshops zum Training im Umgang mit Computern.

12- Medizinische Versorgung durch ein im Camp ansässiges medizinisches Team, einschließlich der Bereitstellung von Personal, das für psychologische Beratung zuständig ist. Die Verbesserung des Überweisungssystems von Patienten zu Spezialisten, indem allgemeine Kliniken/Arztpraxen besser über psychologische Krankheitsbilder informiert werden, damit Betroffene zu Psychologen überwiesen werden können.

13- Abschaffung der Anwesenheitsüberprüfung und Befreiung der Bewohner von dieser Pflicht, genauso wie es in anderen Unterkünften der Fall ist.

14- Dass die Sozialarbeiter nicht ohne die Erlaubnis der Bewohner die Zimmer betreten. Die Post soll stattdessen unter der Tür ins Zimmer geschoben werden.

15- Regelmäßiges Mähen der Grünflächen und entsorgen des Rasens. Falls Hilfe benötigt wird, können die Bewohner des Heims gerne dabei helfen, wenn die Werkzeuge und die Maschinen zur Verfügung stehen.

16- Koordination mit den Behörden, um die Geflüchteten beim Tragen der Kosten für die öffentlichen Verkehrsmittel zu unterstützen oder Gewährung einer Ermäßigung.

In diesen Punkten haben wir unsere Probleme und vielleicht die Lösungen aus unserer Sicht benannt.

Unsere Vision eines Aufnahme- und Integrationskonzeptes, welches von den Menschen aus Osnabrück und im Geiste der Friedensstadt unterstützt wird, steht für eine ausreichende Absicherung, welche uns die Sicherheit gibt, in diesem Dialog offen diskutieren und voneinander lernen zu können. So können wir erfolgreich Fortschritt gestalten.

Wenn sie Fragen, Probleme oder Herausforderungen bei der Umsetzung Ihrer Vision eines Aufnahme- und Integrationskonzeptes haben, ist es hilfreich, sie mit uns mit der gleichen Offenheit zum Dialog zu diskutieren, die wir initiiert haben, indem wir unsere Vorstellungen mit Ihnen teilen. Wir hoffen, dass diese Angelegenheiten offen angesprochen werden und werden erfreut sein zusammenzuarbeiten um sie zu lösen und die Situation von Geflüchteten in Osnabrück zu verbessern.

Mit freundlichen Grüßen, der Exekutivausschuss der Geflüchteten in der Unterkunft im Ickerweg 120 in Osnabrück“



Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]


Ihre Epoch Times - Redaktion