Pressekonferenz zu Hamburg-Anschlag: „Es hätte jeden von uns treffen können“ – Behörden unterschätzten radikalisierten Täter

Von 29. Juli 2017 Aktualisiert: 29. Juli 2017 17:09
Freitagnachmittag, kurz nach 15 Uhr, ging ein palästinensischer Flüchtling in einen Edeka-Markt, griff sich ein Messer aus einem Verkaufsregal und stach wie von Sinnen auf Kunden im Kassenbereich ein. Bei dem Attentat starb ein Mann, sechs weitere Personen wurden teils schwer verletzt.

Am heutigen Samstagmittag, 12 Uhr, fand die Pressekonferenz zum Hamburger Terror-Anschlag auf „Ungläubige“ in einem Edeka-Markt statt. Am Freitagnachmittag stürmte ein palästinensischer Flüchtling, der abgelehnte Asylbewerber Ahmad A. (26)

Nichts hätte sie warnen können, in einer Alltagssituation beim Einkaufen fürs Wochenende. Es hätte jeden von uns genauso treffen können. Es ist eine erbärmliche, verachtenswerte Tat, die uns umso mehr trifft, als der mutmaßliche Täter, der aus dem arabischen Raum stammt, offenbar als Schutzsuchender in unsere Stadt gekommen ist.“

(Andy Grote, Innensenator Hamburg)

Behörden erkannten Gefährlichkeit nicht

Der Innensenator dankte allen Personen, die an der schnellen Ergreifung des Täters beteiligt waren, insbesondere denjenigen Menschen, die vor der Polizei noch den Täter ergriffen: „Das war sehr mutig, sehr entschlossen und ist für uns Grund, uns zu bedanken.“ Zudem sicherte er den Opfern und deren Familien Unterstützung zu.

Grote sage in der Pressekonferenz über die Motivlage, dass es religiöse Beweggründe, islamistische Bezüge gebe, aber auch eine psychische Labilität vorliege.

Da es Hinweise auf eine Radikalisierung des Mannes gegeben habe, wurden Gespräche seitens des LKA und des Verfassungsschutzes mit ihm geführt.

Aufgrund der Erkenntnisse ist man nicht zur Einschätzung einer unmittelbaren Gefährlichkeit gelangt.“

(Innenminister Grote)

Daraufhin wurde der Mann als Islamist in die entsprechenden Systeme aufgenommen, „nicht allerdings als Dschihadist“, so der Innensenator.

Man habe derzeit keine Hinweise auf die Einbindung in Strukturen, Netzwerke, zu Hintermännern, Mittätern. Im Moment gehe man von einem Einzeltäter aus.

 

Keine Vorstrafen bekannt

Der Hamburger Generalstaatsanwalt Jörg Fröhlich konnte zur kriminellen Natur des Mannes lediglich sagen, dass er bislang nur wegen Ladendiebstahl (2014) polizeilich bekannt gewesen sei, bei dem das Verfahren wegen Geringfügigkeit eingestellt wurde. Er habe keine Vorstrafen gehabt. Hierfür gebe es derzeit auch keine Hinweise aus europäischen Nachbarstaaten.

Auf seinem Weg in Europa hatte der Täter offenbar bereits in Norwegen, Schweden und Spanien immer wieder Asylanträge gestellt. 2015 reiste Ahmad al H. dann als Flüchtling 2015 von Norwegen aus nach Dortmund, wo er sich bei den Behörden meldete. Von diesen wurde er dann nach Hamburg weiterverteilt, wo er im März 2015 ankam und zwei Monate später einen Asylantrag stellte, der im November des Folgejahres abgelehnt wurde. Seither läuft das Ausreiseverfahren, so  „Focus“.

Er habe Deutschland unbedingt verlassen wollen. Auf der Pressekonferenz bestätigte Innenminister Grote noch, dass sich der Attentäter am Freitag erkundigt habe, ob seine Papiere zur Ausreise bereits eingetroffen seien.

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

Der „NDR“ berichtet, dass Ahmad al H. keine Rechtsmittel gegen seinen negativen Asylbescheid eingelegt hatte und auch bei der Organisation von Passersatzpapieren mitgewirkt habe.

Wie der Leiter des Hamburger Verfassungsschutzes Torsten Voß erläuterte, wurde der Mann als einer von 800 in Hamburg gespeicherten Islamisten, ein Verdachtsfall, kein Dschihadist nach Behördeninformationen.

Ein Freund des Beschuldigten meldete sich bei der Polizei, weil er Veränderungen bei ihm bemerkt habe.“

(Torsten Voß, Leiter Verfassungsschutz Hamburg)

Es gab dann ein Gespräch mit dem Hinweisgeber. Er sagte auch, dass der Mann zuvor viel Alkohol getrunken und gefeiert habe, zuletzt aber nicht mehr trank und viel über den Koran sprach. Daraufhin wurde der Täter für ein Gespräch aufgesucht.

Der Beschuldigte habe „hervorragend Englisch, Schwedisch und Norwegisch“ gesprochen, aber kaum Deutsch. Nach dem Gespräch war man der Meinung, dass es sich bei dem Mann eher um eine destabilisierte, verunsicherte Persönlichkeit handle. Jedoch nahm man zu diesem Zeitpunkt keinerlei Gefährdung an.

Im weiteren wurde festgestellt, dass der Mann in Flüchtlings-Cafés in traditioneller Kleidung auftrat und lautstark Koran-Suren zitierte. Auch der Leiter der Unterkunft konnte Hinweise zu Auffälligkeiten geben, die hier jedoch nicht näher benannt wurden.

Im Zusammenarbeit mit dem Sozial-Psychopathischen Dienst wurde der Mann bewertet. Man fand eine „Mischform zwischen psychischer Instabilität und religiös motiviertem Radikalisierungsprozess.

Wie der Staatsschützer weiter anmerkte, bestehe offenbar keine Einbindung in die islamistische Szene in Hamburg, auch gebe es keine Hinweise auf ein Netzwerk.

Der Tatablauf, wie bisher bekannt

Die Vize-Chefin des LKA erläuterte auf der Pressekonferenz den bisher bekannten Tatablauf:

Der Täter kam wegen Toastbrot in den Edeka – ob er dieses auch gekauft hat, ist derzeit nicht klar. Er hatte den Supermarkt verlassen, hatte einen Bus bestiegen, diesen aber gleich wieder verlassen. Wieder im Edeka riss er ein 20 Zentimeter langes Messer aus einer Verpackung und griff ohne Verwarnung einen 50 Jahre alten Mann an.“

(Kathrin Hennings, LKA)

Der Mann verstarb an Ort und Stelle. Dann verletzte er zwei weitere männliche Personen schwerst verletzt, darunter einen 19-Jährigen. Immer wieder stach der Attentäter auf die Kunden im Kassenbereich ein. Anschließend rannte er nach draußen, wo er kurz darauf auf zwei weitere potenzielle Opfer traf, die mit ihren Fahrrädern zu schaffen hatten.

Polizeipräsident Ralf Martin Meyer erklärte zuvor die Ereignisse aus Sicht der Einsatzkräfte, die

Von diesen verletzte er eine männliche Person mit dem Messer und eine weibliche Person anderweitig. Auf der anderen Straßenseite verletzte er einen 64-jährigen Mann schwer.

Kurz darauf begannen Augenzeugen den Täter zu verfolgen. Hierbei traf er noch auf eine weitere weibliche Person, die er attackierte, aber offenbar nicht verletzte. Bald darauf trafen Zivilfahnder beim Geschehen ein und gaben wegen der unübersichtlichen Lage zunächst Warnschüsse ab und nahmen den Täter anschließend fest.

Letzte Chance für Terror-Tat?

Der Tatablauf deutet eigentlich weniger auf eine willkürlich ausgeführte Tat an einem beliebigen Ort, wie Grote sie bezeichnete, sondern eher auf eine erfasste letzte Gelegenheit für eine Terror-Tat in Deutschland hin. Dass der Attentäter zunächst den Laden mit einem „Toastbrot“ verließ, zeigte mutmaßlich eher, dass er zunächst Angst oder einen Gewissenskonflikt hatte, den unumkehrbaren Schritt zu tun.

Dass er sich dann doch entschloss, sein blutiges Vorhaben auszuführen, zeugt daher eher von einem dschihadistischen Antrieb und dunkler Entschlossenheit als von psychischer Labilität.

Zudem versuchte sich der Täter bei seiner Flucht offenbar vor den verfolgenden, mutmaßlich muslimischen Passanten, durch „Allahu Akbar“-Rufe zu schützen oder um Sympathie zu werben, was noch durch seinen in der Videoszene zu sehenden erhobenen Zeigefinger verdeutlicht wird.

Der Attentäter selbst äußerte sich bisher nicht zur Tat, außer dass er als Einzeltäter gehandelt habe, so seine Angaben. Bei seiner Festnahme wurde der Mann verletzt. Er klagte über Kopfschmerzen.

Siehe auch:

Hamburg: Der Killer aus dem Flüchtlingsheim – Verrückter Islamist verübt tödlichen Messer-Anschlag auf Edeka-Kunden