Radikale Islam-Sekte oder Reformbewegung? Ahmadiyya erwartet 40.000 Gläubige in Karlsruhe

Von 5. Juli 2019 Aktualisiert: 5. Juli 2019 18:27
Es geschieht selten, dass sich islamkritische Kräfte von links und rechts mit den größten Islamverbänden des Landes in einer Frage einig sind, die den Islam anbelangt. Die Ahmaddiya-Gemeinde, die am Wochenende in Karlsruhe ihren Kongress abhalten wird, ist bei Necla Kelek und der AfD aber ebenso wenig gern gesehen wie bei Ditib oder Milli Görüs.

Am Freitagabend (5.7.) wird in der Messe in Karlsruhe der 44. Deutsche Islam Kongress beginnen. Etwa 40.000 Besucher, darunter auch 2000 Nichtmuslime, werden zu der Veranstaltung erwartet, zu der die „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ einlädt. Sogar das Oberhaupt der Bewegung, der in London als anerkannter Asylbewerber lebende Kalif Mirza Masroor Ahmad, wird anreisen. Pakistanische Radikal-Islamisten hatten vor Jahren eine Prämie von umgerechnet 250.000 US-Dollar für seine Ermordung ausgelobt.

Die in den 1880er Jahren entstandene Gemeinschaft des Gelehrten Mirza Ghulam Ahmad, der als Islam-Reformer galt, ist im damaligen Britisch-Indien gegründet worden, das 1947 in die Staaten Indien und Pakistan geteilt wurde. Ahmad galt einerseits als Islam-Reformer und seine Gemeinde fiel vor allem durch eine erheblich bessere Bildungs- und Alphabetisierungsbilanz im Vergleich zu den meisten anderen Bevölkerungsgruppen der Region auf.

„Verheißener Messias“

Andererseits stieß Ahmads Selbstverständnis, der „verheißene Messias“ und der „Mahdi der Endzeit“ zu sein, nicht allenthalben auf ungeteilte Zustimmung. Der Anspruch, selbst Prophet oder Erlösergestalt zu sein, unterscheidet den Ahmadiyya-Gründer beispielsweise von anderen Islamreformern jüngerer Zeit wie Said Nursi oder Fethullah Gülen. Manche sehen die Ahmadiyya auch als eine Art muslimisches Pendant zu Vereinigungen jüngeren Entstehungsdatums, die das Christentum mit Privatoffenbarungen vermengten und daraus von anderen Christen nicht anerkannte Gemeinschaften wie Mormonen, Zeugen Jehovas oder Adventisten formten.

Die Ahmadiyya hat schon bald nach ihrer Gründung damit begonnen, weltweit Missionen zu errichten. Heute zählt die Gemeinschaft weltweit etwa zehn Millionen Anhänger mit Schwerpunkt in Südostasien, in Deutschland sollen zwischen 35 000 und 50 000 Personen der Ahmadiyya angehören. Die Angaben sind vor allem in Bezug auf ihr ursprüngliches Herkunftsgebiet, das heutige Pakistan, ungenau, weil die Gemeinde dort seit 1974 den Zensus boykottiert. In jenem Jahr hatte die Islamische Weltliga die Ahmadiyya per Fatwa zur Irrlehre und ihre Anhänger zu Nichtmuslimen bzw. Apostaten erklärt. Seit dieser Zeit kommt es vermehrt zu Massakern an Anhängern der Vereinigung. Ahmadiyya gehört dennoch zu den am schnellsten wachsenden religiösen Gemeinschaften weltweit.

Erste islamische Gemeinde in Deutschland

In Deutschland reicht die Präsenz der Ahmadiyya-Gemeinde in Deutschland mittlerweile mehr als 100 Jahre zurück. in den 1920er Jahren, lange vor den Einwanderungsbewegungen aus dem früheren Jugoslawien und aus der Türkei ab den 1960er Jahren, wurde in Berlin-Wilmersdorf die erste Moschee samt dazugehöriger Gemeinde eröffnet.

Träger war damals die sogenannte „Lahore-Gruppe“ (Ahmadiyya Andschuman Ischat-i-Islam Lahore; AAIIL), die nach 1914 in Berlin eine Mission gegründet hatte. Sie entstand aus einer Abspaltung von der Gemeinschaft in der Zeit nach dem Tod des Gründers. Die Lahore-Gruppe lehnte das „Kalifat“ ab, das der Ahmad-Nachfolger Nuur du-Din 1908 ausgerufen hatte. Die Mehrheitsgruppe blieb als „Ahmadiyya Muslim Jamaat“ (AMJ) erhalten, diese begann erst gegen Ende des 20. Jahrhunderts auch in Deutschland eine Rolle zu spielen.

Vor 1961, dem Jahr des ersten Anwerbeabkommens mit der Türkei, beschränkte sich der Islam in Deutschland bis zum Eintreffen der ersten „Gastarbeiter“ hauptsächlich auf Diplomaten aus dem Osmanischen Reich, später auch auf frühere Kriegsgefangene oder Flüchtlinge und Exilanten aus der Zeit des Ersten Weltkriegs. Zahlenmäßig spielten sie jedoch keine Rolle. Noch Anfang der 1930er Jahre lebten in ganz Deutschland nur etwa 1000 Muslime. Ab 1930 trat die Trägergemeinschaft der Wilmersdorfer Moschee als „Deutsch-Muslimische Gesellschaft“ auf. Diese löste sich jedoch im Laufe des Zweiten Weltkriegs auf.

In Hessen und Hamburg als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt

Erst 1964 wurde die Deutsch-Muslimische Gesellschaft durch die AAIIL wiedergegründet. Als Anlaufstelle für Einwanderer aus islamischen Ländern spielte sie jedoch keine Rolle mehr. Im Gegenteil: Da die meisten Muslime die Lehren der Ahmadiyya als „Häresie“ betrachten, versuchten die mit Fortdauer der Zeit aus den türkischen und bosnischen Einwanderercommunitys gegründeten Islamvereine wie VIKZ, Ditib, IGMG oder „Islamische Gemeinschaft der Bosniaken“, die Abweichler als offizielle Ansprechpartner des Staates in Sachen Islam auszubooten.

Seit 2013 ist die Ahmadiyya dennoch in Hessen, seit 2014 in Hamburg als Körperschaft des öffentlichen Rechts anerkannt. Sie darf damit von ihren Mitgliedern Steuern erheben und Islamunterricht an Grundschulen erteilen – und das, obwohl die meisten in Deutschland lebenden Muslime in ihr keine islamische Gemeinschaft sehen.

Nicht nur vonseiten des muslimischen Mainstreams sieht die Ahmadiyya sich Gegenwind ausgesetzt. Auch Islamkritiker und Aussteiger haben die Vereinigung ins Visier genommen und bemängeln eine aus ihrer Sicht zu vorteilhafte Behandlung durch die Politik. In Thüringen setzte sich die dortige AfD an die Spitze einer Bewegung gegen die geplante Errichtung einer Moschee der Gemeinde in Erfurt. Landeschef Björn Höcke argwöhnte, bei dem Vorhaben handele es sich um ein „Landnahmeprojekt“ und er warf der Gemeinde das Praktizieren eines „Führerprinzips“ vor. Bundestags-Fraktionschefin Alice Weidel warf Ahmadiyya „verfassungsfeindliche Lehren“ vor und forderte deren Verbot.

Hingegen pflegen andere Funktionsträger der Partei sogar eine Gesprächsbasis mit der Vereinigung, so erklärte Sprecher Dawood Majoka 2016, ein „ganz angenehmes“ Gespräch mit dem heutigen AfD-Bundessprecher Jörg Meuthen geführt zu haben, den er zu den „vernünftigen Leuten“ in der Partei rechne.

Vereinigung aller Religionen im Islam?

Soziologin Necla Kelek wirft der Gemeinde vor, eine „missionierende Religion mit einer politischen Agenda“ zu sein. Ihr Glaubenskern würde sich „nicht von anderen streng konservativen islamischen Gemeinschaften“ unterscheiden, Ahmadiyya würde zudem zwischen Gläubigen und Ungläubigen unterscheiden und Männern beziehungsweise Älteren eine höhere Autorität zubilligen als Frauen und Jüngeren. Allerdings gibt es eine solche Unterscheidung auch in anderen religiösen Gemeinschaften.

Inhaltlich zeigt die Gemeinde als islamische Lehre neueren Datums synkretistische Züge: Nach Vorstellung der Ahmadiyya gelten neben Abraham und Jesus Christus, die auch der herkömmliche Islam als solche ansieht, auch Buddha und Krishna als Propheten. Dies widerspricht jedoch der ursprünglichen islamischen Lehre, die Mohammed als das „Siegel des Propheten“ betrachtet und damit ein Erscheinen späterer Propheten begriffslogisch ausschließt.

Ahmadiyya-Begründer Mirza Ghulam Ahmad verstand sich jedoch als die prophezeite Wiederkunft Jesu, Krishnas und Buddhas in einer Person. Er will die Ahmadiyya-Bewegung im göttlichen Auftrag gegründet haben, damit sich alle Religionen unter dem Banner des Islams vereinigen, was sich innerhalb von 300 Jahren erfüllen soll.

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Im Jahr 2014 geriet die Gemeinde ins Gerede, als ein Aussteiger ihr Schlepperei vorwarf. Ihm zufolge habe man Pakistanern hohe Geldsummen abgenommen, um sie in weiterer Folge in den Westen zu bringen. Die Gemeinde wies die Vorwürfe zurück.

Von 100 Moscheen blieb knapp die Hälfte

Im Jahr 1989 rief der „vierte Kalif“ und Gründerenkel Mirza Tagir Ahmad das „100-Moscheen-Projekt“ aus, das innerhalb von zehn Jahren in Deutschland umgesetzt werden solle. Da es allerdings schleppend verlief, wurde das Ziel auf vier bis sechs Moschee-Neubauten pro Jahr reduziert. Bislang wurden seit Verkündung des Projekts 47 Moscheen fertiggestellt.

Die Anhänger der Ahmadiyya betonen jedoch, loyale Bürger des Landes zu sein und ein positives Verhältnis zu Deutschland, seiner Verfassung, seiner Kultur und seiner Gesellschaft zu haben. Im Oktober 2017 führte die Jugend der Ahmadiyya in Mendig ein Treffen durch, auf dem die Mitglieder unter dem Motto „Muslime zeigen Flagge“ gemeinsam die „größte Deutschlandfahne“ nachstellen wollten.

„Die Liebe zum Heimatland, also die Liebe zu unserem Deutschland, ist auch ein Teil unseres Glaubens“, erklärte dazu Pressesprecher Iftikar Malik.

So ist es nur selbstverständlich, dass wir uns zu Deutschland bekennen und unsere Gesellschaft aktiv mitgestalten möchten.“

Gegenüber dem „Focus“ gibt auch Islamwissenschaftler Dietrich Reetz vom „Leibniz-Zentrum Moderner Orient“ in Berlin Entwarnung hinsichtlich verbreiteter Befürchtungen, Ahmadiyya könnte ein Sicherheitsrisiko oder ein Kristallisationspunkt für gesellschaftliche Parallelstruktur werden:

Die Ahmadiyya arbeitet seit ihrer Gründung Ende des 19. Jahrhunderts im britischen Indien sehr kooperativ und loyal mit dem Staat zusammen, was der Bewegung große Anerkennung in Europa verschafft hat.“

Loyal zum Staat, aber konservativ im Glauben

Ähnlich wie die Gülen-Bewegung wird der Bildung ein immens hoher Stellenwert zugeschrieben, auch bei Frauen. Unter Ahmadis gebe es einen entsprechend großen Anteil an hochqualifizierten Berufen“.

Die Gewaltfreiheit zähle zu den zentralen Säulen ihres Religionsverständnisses. Allerdings werden die Glaubensregeln selbst streng ausgelegt und befolgt. Deshalb halte man etwa an der Geschlechtertrennung beim Gebet fest.

Pressesprecher Majoka verwahrt sich entschieden gegen die Darstellung, man strebe einen Scharia-Staat an: „Es ist sogar ein islamisches Gesetz, dass jeder Moslem sich an die Regeln des Landes, in dem er lebt, halten muss“, erklärt er gegenüber dem Focus. „Für uns ist völlig selbstverständlich, dass wir uns dem Grundgesetz unterzuordnen haben.“

Allerdings gebe es in der Religion eben auch Regeln, die man als Gläubiger einzuhalten habe: „Zum Beispiel das Verbot von Alkohol oder Ehebruch. Wer dagegen verstößt, hat eine Regel gebrochen. Das ist kein Fundamentalismus.“