Steinmeier in Jerusalem: „Wir bekämpfen den Antisemitismus – Wir trotzen dem Gift des Nationalismus“

Epoch Times23. Januar 2020 Aktualisiert: 23. Januar 2020 15:16
Aus Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung des deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz sprach Steinmeier in der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem als erster Bundespräsident. Der CDU-Politiker erinnerte an die Vergangenheit und warnte gleichzeitig vor dem heutigen Antisemitismus.

In der israelischen Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem hat Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in seiner Rede die Deutschen an ihre Verantwortung zum Eintreten gegen Antisemitismus erinnert. „Ich wünschte, sagen zu können: Wir Deutsche haben für immer aus der Geschichte gelernt“, sagte Steinmeier laut Redetext zum Anlass des 75. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz. „Aber das kann ich nicht sagen, wenn Hass und Hetze sich ausbreiten“.

Das Wunder der Versöhnung

Steinmeier sprach am Donnerstag auf einer Versammlung von rund 50 Staats- und Regierungschefs in Yad Vashem, wo er als erster Bundespräsident eine Rede hielt. „Weil ich dankbar bin für das Wunder der Versöhnung, stehe ich vor Ihnen und wünschte, sagen zu können: Unser Erinnern hat uns gegen das Böse immun gemacht“, sagte er.

Ja, wir Deutsche erinnern uns. Aber manchmal scheint es mir, als verstünden wir die Vergangenheit besser als die Gegenwart.“

Steinmeier sprach in seiner Rede eine Warnung aus: „Die bösen Geister zeigen sich heute in neuem Gewand. Mehr noch: Sie präsentieren ihr antisemitisches, ihr völkisches, ihr autoritäres Denken als Antwort für die Zukunft, als neue Lösung für die Probleme unserer Zeit.“

Antisemitismus im heutigen Deutschland

Der Bundespräsident verwies auf jüdische Kinder, die in Deutschland „auf dem Schulhof bespuckt“ würden. Er beklagte, dass „unter dem Deckmantel angeblicher Kritik an israelischer Politik kruder Antisemitismus hervorbricht“. Er erwähnte auch den Synagogen-Anschlag von Halle, wo nur eine schwere Holztür verhindert habe, „dass ein Rechtsterrorist an Jom Kippur ein Blutbad anrichtet“.

Deutschland müsse seiner „historische Verantwortung“ gerecht werden, mahnte der Bundespräsident. Diese laute: „Wir bekämpfen den Antisemitismus. Wir trotzen dem Gift des Nationalismus. Wir schützen jüdisches Leben. Wir stehen an der Seite Israels.“ Die „deutsche Verantwortung vergeht nicht“, sagte er vor den Gästen in Yad Vashem. „Ihr wollen wir gerecht werden. An ihr sollt Ihr uns messen.“

Steinmeier hob hervor, dass die Lage heute eine andere sei als in der Zeit des Nationalsozialismus. „Natürlich: Unsere Zeit ist nicht dieselbe Zeit. Es sind nicht dieselben Worte. Es sind nicht dieselben Täter“, sagte er. „Aber es ist dasselbe Böse. Und es bleibt die eine Antwort: Nie wieder! Niemals wieder!“

„Gepriesen sei der Herr“

Steinmeier zeigte sich dankbar für die Einladung nach Yad Vashem. „75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz stehe ich als deutscher Präsident vor Ihnen allen, beladen mit großer historischer Schuld“, sagte er. „Welche Gnade, welches Geschenk, dass ich heute hier in Yad Vashem zu Ihnen sprechen darf.“

In seiner Rede erneuerte Steinmeier das Bekenntnis zur Schuld der Deutschen: „Die Täter waren Menschen. Sie waren Deutsche. Die Mörder, die Wachleute, die Helfershelfer, die Mitläufer: Sie waren Deutsche“, sagte der Bundespräsident. „Der industrielle Massenmord an sechs Millionen Jüdinnen und Juden, das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte – es wurde von meinen Landsleuten begangen.“

An die internationale Gemeinschaft richtete Steinmeier einen Appell: „Im Erschrecken vor Auschwitz hat die Welt schon einmal Lehren gezogen und eine Friedensordnung errichtet, erbaut auf Menschenrechten und Völkerrecht.“ Deutschland stehe zu dieser Verantwortung, „und wir wollen sie mit Ihnen allen verteidigen“.

Steinmeier hielt seine Ansprache auf Englisch. Das Bundespräsidialamt legte eine offizielle Übersetzung ins Deutsche vor. Seine Rede eröffnete der Bundespräsident mit einem hebräischen Satz: „Gepriesen sei der Herr, dass er mich heute hier sein lässt.“ (afp/sza)

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