Sylt: Die Vertreibung aus dem Paradies

Von 4. Februar 2012 Aktualisiert: 4. Februar 2012 0:52

Sylt galt als Insel der Reichen und Schönen. Da sind endlose Strände, Dünen, Heideduft, Wind und vor allem jede Menge Urlauber aus ganz Deutschland. Und wer was auf sich hält, wohnt unterm eigenen Reetdach. Ständig wird auf der Insel gebaut. Aber meist für Touristen – oder gleich für Millionäre. Das treibt nicht nur die Mieten und Immobilienpreise sondern verändert auch drastisch das soziale Gefüge auf Deutschlands nördlicher Insel. Schulen droht die Schließung, den freiwilligen Feuerwehren fehlt der Nachwuchs und die Einheimischen werden durch die astronomischen Immobilienpreise und Lebenshaltungskosten aufs Festland gedrängt. Doch nun formiert sich Widerstand unter den verbliebenen Insulanern.

Morgens halb neun am Ortsschild Hörnum auf Sylt. Der Porsche-Cayenne-Geländewagen gleitet mit aufheulendem Motor sportlich vorbei an den Kindererholungsheimen links und rechts der Straße in den kleinen Ort an der Südspitze von Deutschlands nördlicher Insel.

Heute, an einem sonnigen Samstag im Juni findet hier eine Weltpremiere statt. Der Beach Polo World Cup Sylt lockt die Prominenten aus aller Welt an. Direkt am Hafen, mit VIP-Zelt und entschlossen blickenden Security-Mitarbeitern warten Tierarzt, Polopferde und von weit angereiste Zuschauer auf den Beginn des Spektakels im tiefen Nordseesand. Der Parkplatz füllt sich rasch mit Luxuskarossen, ihnen entsteigen betont sportlich gekleidete Herren in Begleitung junger Damen oder Damen, die jung aussehen.

Im einst verschlafenen Hörnum, das bis vor wenigen Jahren geprägt war von Militär, Schulland- und Erholungsheimen, vollzieht sich nach der Eröffnung eines Luxushotels und dem vierten Golfplatz der Insel auf dem geebneten ehemaligen Kasernengelände ein Wandel besonderer Art.

Bislang ist dieses Event am heutigen Tag noch einer der wenigen Höhepunkte, mit denen es Hörnum schafft hier Deutschlands höchste Porschedichte aufzuweisen. Für die Strandbar Sansibar in den nahen Rantumer Dünen, wo im Sommer Kreuzfahrer vor Anker gehen, deren betuchte Passagiere mit bestellter Prominenz am Strand Champagnerpartys feiern und Sylts heimliche Insel- und Promihauptstadt Kampen mit den höchsten Immobilienpreisen der Republik, stellt Hörnum noch keine ernstzunehmende Konkurrenz dar, da Betuchte gerne unter Ihresgleichen verweilen. Als neues Lockmittel dient hier nun der Golfplatz mit dem 5 Sterne Wellness-Hotel „Budersand“ und unter Tierschützern umstrittene Events wie der „Beach Polo World Cup“.

Der Zug der „Sylt-Vertriebenen“

Montag halb neun am Bahnhof Westerland. Ankunft der „Sylt-Vertriebenen“. Doreen Schweikert putzt Ferienwohnungen. Auch ihr Mann pendelt in die alte Heimat – er mäht jetzt Rasen auf einem Golfplatz.

Früher haben sie selbst auf der Insel gelebt. Doch der Wohnraum wurde ihnen zu teuer. Sie nehmen immer den Zug mit den Servicekräften – die Handwerker fahren schon eine Bahn früher. Alltag für Sylt-Pendler, man kennt sich, war früher Nachbarn, bei vielen fährt der Frust mit.

Andreas Hilmer, Reporter der NDR-Sendung „Menschen und Schlagzeilen“ recherchiert über das Thema „Sylt-Flucht der Insulaner“, fragt: „Fühlen Sie sich auch so ein bisschen vertrieben und würden am liebsten da leben?“ Doreen Schweikert: „Ja natürlich. Durch die ganzen Touristen fühlt man sich vertrieben. Weil, man möchte gerne da bleiben, wo man‘s gewohnt ist, man kann es nicht, weil andere Leute dort Urlaub machen wollen.“

Da Sylt im Gegensatz zum strukturschwachen Festland Nordfrieslands ein Überangebot an Arbeitsplätzen aufweist, pendelt ein Großteil der Arbeitnehmer, ca. 3.000 Personen, täglich vom Festland per Zug und Fähre auf die Insel; somit wirkt sich die Wirtschaftskraft der Insel auch auf das angrenzende Festland aus.

Die große Wirtschaftskraft zieht nicht nur Arbeitnehmer an, sie ist gleichzeitig Grund für einen stetigen Wegzug von Sylter Familien auf das benachbarte Festland, da die extrem hohen Grundstücks- und Immobilienpreise sowie die höheren Lebenshaltungskosten für viele Sylter nicht mehr tragbar sind. Dieser Prozess wird als Gentrifizierung bezeichnet.

Insofern sind viele Sylter aufs Festland „ausgewandert“. Sie arbeiten zwar nach wie vor auf der Insel, wo ja vor allem der Tourismussektor mit allen damit verbundenen Nebengewerben boomt, pendeln aber jeden Tag über den Hindenburgdamm auf die Insel.

„Finanzkrise verantwortlich für Immobilienboom auf Sylt“

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Seit bald 20 Jahren schon gebe es das Problem der steigenden Mieten und Immobilienpreise, in letzter Zeit habe es sich aber noch einmal zugespitzt, sagt der stellvertretende Bürgermeister der Gemeinde Sylt, Carsten Kerkamm. Er macht die Finanzkrise mitverantwortlich. In unsicheren Zeiten wollen Menschen in sichere Anlagen investieren, wie eben in Immobilien auf Sylt.

Doch die Einheimischen können mit dieser Preisentwicklung oft nicht mithalten. Eine Doppelhaushälfte, 152 Quadratmeter, für 3,3 Millionen Euro, oder ein Friesenhaus für 5,9 Millionen – nach oben hin scheint es kaum Grenzen zu geben. Für den kleinen Geldbeutel sieht das Angebot dagegen mager aus.

„40 bis 60 Prozent der Häuser sind im Winter dunkel.“, sagt Kerkamm. Es gebe auch keine Kinder mehr, in List gibt es bereits seit 2005 eine Zwangsfeuerwehr. Zwei mal in der Woche gibt die Sylter Tafel Lebensmittel an Bedürftige aus — Insulaner, die ihre Heimat nicht verlassen wollen aber durch steigende Mieten und Lebenshaltungskosten in die Armut gedrängt werden.

Bürgerinitiative Zukunft.Sylt: „Wir haben genug von zu wenig Wohnraum“

Jedoch formiert sich unterdessen kämpferischer Widerstand einiger couragierter Insulaner. Knapp 50 Sylter waren dem Aufruf von Katinka Gosselaar und Lars Schmidt von der Bürgerinitiative „Zukunft.Sylt“ gefolgt, die am 16. September 2011 um kurz nach 18 Uhr das Geheimnis um den Veranstaltungsort der seit zehn Tagen angekündigten Aktion unter dem Motto „Wir haben genug von zu wenig Wohnraum“ via Facebook lüfteten.

„Wir haben bewusst das Englische Kino als Treffpunkt gewählt, um auf das freie Gelände mit enormem Entwicklungspotenzial aufmerksam zu machen“, sagt Schmidt. Wohnraum für bis zu 5.000 Sylter könnten auf dem ehemals militärisch genutzten Gebiet entstehen. „Dieser Ort hat Symbolcharakter und dabei geht es nicht nur um Wohnraum, wir wollen, dass Sylt konkurrenzfähig bleibt und lebenswert für uns, die hier leben und arbeiten“, ergänzt Gosselaar. Eine Plattform wollen die beiden bieten, für die, die etwas verändern wollen.

Das Englische Kino gehört zu einem gut erhaltenen Kasernenkomplex auf dem Fliegerhorst Westerland, der vor drei Jahren von der Bundeswehr geräumt und an die Gemeinde Sylt übergeben wurde. Diese beschloss, alle Gebäude, bis auf die neue Sporthalle, abzureißen und das Gelände zu renaturieren. Möglicherweise will die Insel-Verwaltung die Wiederholung des Politikums verhindern, das sich Jahre zuvor um die Kaserne in Hörnum abspielte.

In den im Jahr 1994 von der Bundeswehr geräumten und zuvor aufwendig sanierten Standort sollten Saisonarbeiter, ein Hotel und eine Klinik einziehen. Alle Konzepte scheiterten jedoch an Politik und Verwaltung, die Bauten wurden im Jahr 2008 für den Golfplatz „Budersand-Hörnum“ abgetragen. Dies ist nur ein Beispiel gescheiterter Konversion und beispielloser Wertvernichtung, dessen Wiederholung sich vor dem Hintergrund der gegenwärtigen Neuausrichtung der Bundeswehr von einer Verteidigungs- in eine Interventionsarmee und den zu erwartenden Kasernenschließungen bundesweit fortsetzen könnte.

Fliegerhorst Westerland: „Stoppt den Abriss!“

Unter dem Motto : „Stoppt den Abriss!“ will sich die Initiative nun jeden Freitag am Tor des Fliegerhorstes zu einer Mahnwache treffen. Anlass ist der Mangel an Dauerwohnraum, der nach Ansicht der Initiative nur noch durch die Umwandlung des Fliegerhorstes in eine Bürgerstiftung mit entsprechender Überplanung und Erhalt der Gebäude erreicht werden kann.

Immer mehr Internetnutzer unterstützen die Facebook-Seite „Englisches Kino Sylt“, auf der sie ihr Bedauern ausdrücken, dass das Gebäude – wie alle anderen auf dem alten Fliegerhorst – abgerissen werden soll. Astrid Hansen, Oberkonservatorin im Landesamt für Denkmalpflege und für öffentliches Bauwesen zuständig, sagte, dass sie bereits ihr Veto gegen den Abriss eingelegt habe. „Das Englische Kino ist ein Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung und im Denkmalbuch des Landes Schleswig-Holstein eingetragen.“ Es dürfe nur abgerissen werden, wenn es baufällig sein sollte oder öffentliche Interessen dem Erhalt entgegen stünden.

Bürgermeisterin droht der Bürgerinitiative mit Strafanzeige

Petra Reiber, Bürgermeisterin der Gemeinde Sylt, droht den Aktivisten mit einer Strafanzeige wegen Hausfriedensbruchs und erklärte, dass das Englische Kino wie alle anderen Gebäude auf jeden Fall abgerissen wird – mit oder ohne Veto der Denkmalschutzbehörde. „Die Renaturierung des Geländes ist im Regionalplan V festgeschrieben und steht über dem Denkmalschutz.“ Wohnungsbau auf dem Fliegerhorst hält sie für eine „Utopie“, die Gemeinde habe bereits bessere Flächen für Dauerwohnraum ausgemacht. Reiber: „Zum Beispiel den Bastianplatz in Westerland, wo wir so schnell wie möglich anfangen wollen zu bauen.“ Der Bastianplatz ist bislang ein Sportplatz inmitten des dicht bebauten Alt-Westerland.

Der Sylter CDU-Bundestagsabgeordnete Ingbert Liebing, ist einer von vielen Entscheidungsträgern, der täglich etwa zehn Faxe von der verzweifelt kämpfenden Initiative „Zukunft Sylt — Stoppt den Abriss“ in sein Berliner Büro bekommt. „Der Abriss ist eine autonome Entscheidung der Gemeinde, ich wüsste nicht, was ich oder meinetwegen auch der Ministerpräsident da machen könnten — am Tor anketten werde ich mich jedenfalls nicht.“ findet er. Zurück bleibt ein Paradies für Urlauber — übervoll mit Gästen — aber mit immer weniger Insulanern. Eine Insel ohne Insulaner – weil jeder irgendwie mitverdienen will. Wenn der Ausverkauf so weiter geht, dann leuchtet in manch schmuckem Dorf bald nur noch der Bewegungsmelder.