Blumen und Kerzen am Anschlagsort in Berlin. 24. Dezember 2016.Foto: JOHN MACDOUGALL/AFP/Getty Images

„Traurig und unwürdig“: Berliner Terroropfer beklagen mangelnde staatliche Anteilnahme

Von 8. Januar 2017 Aktualisiert: 9. Januar 2017 9:22
Berlin hat versucht, möglichst schnell zur Normalität überzugehen. Nach dem Weihnachtsmarkt-Anschlag am 19. Dezember gab es einen Gedenkgottesdienst mit Politikern, danach war Stille. Angehörige und Seelsorger beklagen nun mangelnde Trauerkultur.

Die Blumen und Kerzen an der Berliner Gedächtniskirche verschwinden nicht – nein, täglich kommen neue hinzu.

Auf und nahe dem Breitscheidplatz sind weiterhin Gedenkinseln für die Opfer des LKW-Anschlags vom 19. Dezember zu sehen. Menschen halten in stiller Anteilnahme inne. Einheimische und Touristen zeigen mit ihren Blumen und Botschaften, dass sie nicht einfach zur Tagesordnung übergehen werden, auch nachdem der große Medienrummel abgeklungen ist.

„Mangelnde Beachtung traurig und unwürdig“

Nun, wo Weihnachten vorbei ist, steht die Frage im Raum, ob wohl noch einmal offizielles Gedenken von politischer Seite erfolgt? Und da sieht es sehr still aus: „Der Bundestag war nicht mal zur Unterbrechung der Weihnachtspause für eine Schweigeminute bereit. Und Politiker erklären ständig, dass man jetzt schnell zur Normalität übergehen sollte. Aber für uns wird es eine solche Normalität nie wieder geben“, sagt Petra K., die Lebensgefährtin eines Anschlag-Opfers im „Tagesspiegel“. Seit drei Wochen sitzt sie jeden Tag im Krankenhaus und bangt um das Leben ihres Partners, der bei dem Terrorakt schwer verletzt wurde. „Ich finde die mangelnde Beachtung vonseiten des Staates traurig und unwürdig“, sagt sie. „Von den Opfern weiß und hört man so gut wie nichts – jedenfalls nicht von den deutschen.“

Natürlich würden manche Angehörige nicht wollen, dass Details öffentlich würden. „Aber das schließt ja nicht aus, dass man ihrer gedenkt“, so die Angehörige. Sowohl die Staaten Polen, Israel und Italien hatten spezielle Ehrungen ihrer bei dem Anschlag umgekommenen Bürger zelebriert.

Seelsorger alleingelassen

Auch der Berliner Notfallseelsorge Justus Münster beklagt „mangelnde politische Gedenkkultur“. Er kritisiert im „Tagesspiegel“, dass es in Berlin keine zentrale Anlaufstelle für die Opfer gebe. Die Notfallseelsorge, Krisendienst und andere Einrichtungen hätten hervorragende Arbeit geleistet, aber es fehle die Koordination. Er verwies auf seinen Kollegen Roland Weber, den Opfer-Beauftragten: „Der Opfer-Beauftragte macht eine großartige Arbeit. Aber er hat eine ehrenamtliche Stelle. Und wir haben Hunderte Betroffene“, so Münster.

Der Opfer-Beauftragte Roland Weber ist laut „Tagesspiegel“ seit dem Anschlag noch nicht zum Durchatmen gekommen und sagt: „Ich erhalte viele Mails, rede mit vielen Angehörigen.“ Es gebe ein großes Bedürfnis nach Informationen, „aber auch nach Zuwendung und nach Austausch mit anderen Betroffenen.“

Gedenkgottesdienst selbst veranstalten?

Weil der Bund und das Land Berlin keinerlei Schritte in Richtung eines großen Gedenk- und Trauergottesdienstes unternehmen, überlegen die beteiligten Berliner Seelsorger nun, ob sie selbst eine solche Veranstaltung auf die Beine stellen sollen – gemeinsam mit der Gedächtniskirche.

Die Gemeinde der Gedächtniskirche ist dafür offen, wie der der evangelische Berliner Bischof Markus Dröge dem Evangelischen Pressedienst sagte. Dröge setzt sich auch für einen dauerhaften Ort des Gedenkens ein. „Dass es einen Gedenkort geben muss, wo man hingehen kann und noch einmal der Opfer gedenken kann, das ist allen klar“, sagt er. In der Gemeinde der Gedächtniskirche nehme er sehr viel Sensibilität in dieser Frage wahr und viele Überlegungen dazu, fügte er an. Wenn an den jetzigen Gedenkinseln rund um den Breitscheidplatz in der westlichen Berliner Innenstadt „die Blumen verwelkt und die Kerzen abgebrannt sind, muss etwas Würdevolles folgen“, findet Dröge.

Schweigeminuten für die Opfer des Berliner Anschlags gab es am 20. Dezember auf vielen Weihnachtsmärkten in Deutschland und vor allen Bundesliga-Begegnungen, wo die Spieler Trauerflor trugen.



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