Wahl-O-Matrix: Wie die Deutschen derzeit wählen würden

Von 19. March 2017 Aktualisiert: 20. März 2017 10:01
Bis Januar lag die SPD noch 15 bis 17 Punkte hinter CDU/CSU. Doch seit der Nominierung von Martin Schulz haben die Genossen gewaltig aufgeholt und liegen jetzt fast gleichauf, während die AfD wieder über 10 Prozent steigt. Was bedeutet dies für das Parteiengefüge und welche Koalitionsmöglichkeiten ergeben sich dadurch nach der Bundestagswahl im September?

Regelmäßig führen verschiedene Institute Umfragen durch, welche wichtige Hinweise auf die Stimmung und auch das wahrscheinliche Wahlverhalten der Bevölkerung geben. Die wichtigste Frage ist hierbei die sogenannte Sonntagsfrage: Welche Partei würden Sie wählen, wenn am nächsten Sonntag Bundestagswahl wäre? Fassen wir die März-Ergebnisse der führenden Umfrage-Institute (Emnid, Forsa, Forschungsruppe Wahlen, Infratest dimap, INSA, Ipsos) zusammen, so ergebt sich aktuell folgendes Bild.

  1. CDU/CSU: 31 – 34 %, Durchschnittswert: 32,7 %
  2. SPD: 29 – 32 %, Durchschnittswert: 31,2 %
  3. AfD: 9 – 11,5 %, Durchschnittswert: 10,1 %
  4. LINKE: 7 – 9 %, Durchschnittswert: 8,1 %
  5. GRÜNE: 6,5 – 8 %, Durchschnittswert: 7,4%
  6. FDP: 5 – 7 %, Durchschnittswert: 5,8 %
  7. Sonstige: 4 – 6 %, Durchschnittswert: 4,7 %

 

Wahl-O-Matrix-Sonntagsfrage-BT-19.03.2017

Anmerkung: Allensbach und GMS wurden nicht berücksichtigt, weil deren letzte Umfragen bereits mehr als ein Monat zurückliegen (Anfang/Mitte Februar). Die Werte des umstrittenen Forsa-Instituts, die seit langem schon besonders frag- und unglaubwürdig erscheinen – der Forsa-Chef Güllner ist seit Jahrzehnten selbst SPD-Mitglied, scheint große Sympathien für die Merkelpolitik zu hegen und versucht, die AfD regelrecht zu bekämpfen, wo er nur kann, woraus er auch keinen Hehl macht -, sind hier gleichwohl, trotz dieser großen Fragwürdigkeit miteingerechnet.

Veränderungen zur letzten Bundestagswahl 2013

  1. SPD: + 5,5 %
  2. AfD: + 5,4 %
  3. FDP: + 1,0 %
  1. LINKE: – 0,5 %
  2. GRÜNE: – 1,0 %
  3. Sonstige: – 1,5 %
  4. CDU/CSU: – 8,8 %

 

Gewinn-Verluste-19.03.2017

Wie stehen die Parteien zueinander und im Gesamtgefüge?

Die Parteien lassen sich folgenden vier Blöcken zuordnen:

A: AfD

B: CDU/CSU, FDP

C: SPD, GRÜNE

D: LINKE

Mit der Entstehung der beiden Parteien Die Linke (Linkspartei/PDS/SED) und AfD – Alternative für Deutschland – ist es keinem der Blöcke mehr möglich, eine eigene Mehrheit zustande zu bringen. Regierungsbildungen sind seither nur noch herstellbar, wenn mindestens eine Partei in einen anderen Block springt. Das waren zuletzt CDU/CSU und SPD, die sich quasi in der Mitte getroffen haben und denen das noch am leichtesten fallen dürfte, da die Unterschiede hier zunehmend zusammengeschmolzen und die Parteien sich allmählich immer ähnlicher geworden sind (Stichwort: Sozialdemokratisierung der CDU).

Die Grünen haben dagegen eine Entwicklung durchgemacht, dass sie sowohl mit dem B- als auch mit D-Block koalieren können. Sie sind sehr biegsam geworden, wenn man so will, wenn dadurch Machtoptionen möglich werden. Das strategische Ziel dürfte hier wohl seit langem sein, die Zünglein-an-der-Waage-Funktion zu übernehmen, die früher die FDP innehatte.

Auch in der Merkel-CDU dürfte seit Jahren der Plan bestanden haben, eine Schwarz-Grüne-Koalition vorzubereiten, da man gemerkt hatte, dass es mit Schwarz-Gelb auf Jahre hinaus sehr unwahrscheinlich ist, nochmals eine Mehrheit zustande zu bekommen und da man nicht ständig eine sogenannte große Koalition (GroKo) haben wollte. Daher die extreme Grünisierung der CDU, sicherlich auch aus machtstrategischen Gründen.

Mögliche Koalitionen

Mit der AfD (A-Block) will derzeit keine andere der relevanten Parteien koalieren. Die Parteien aus dem B- und D-Block schließen ebenfalls jede Koalition miteinander aus, so dass dem C-Block quasi eine Mittel- und Springfunktion zukommt. SPD und Grüne (C-Block) sind in der komfortablen Situation, dass sie zwischen dem B- und D-Block hin und her springen können, während die Parteien des B-Blocks (CDU/CSU und FDP) sich vom A-Block hermetisch abriegeln und ebenso vom D-Block. Für sie bleibt also nur der C-Block, sprich die SPD oder die Grünen.

Auf Grund der 4 bis 6 Prozent für sonstige Parteien, die im Bundestag wegen der Fünf-Prozent-Klausel alle nicht vertreten sein werden, dürften für eine Mehrheit ca. 47 bis 48 Prozent reichen. Somit ergeben sich folgende Möglichkeiten für eine Regierungskoalition:

  1. eine GroKo unter Merkel (oder Schulz): aktuell ca. 64 %
  1. Rot-Rot-Grün (R2G) unter Schulz: ca. 46 – 47 %
  2. Jamaika / schwarze Ampel (Schwarz-Gelb-Grün) unter Merkel: ca. 46 %
  3. Ampel (Rot-Gelb-Grün) unter Schulz: ca. 44 – 45 %
  1. Schwarz-Grün unter Merkel: ca. 40 %
  2. Rot-Grün unter Schulz: ca. 38 – 39 %
  3. Schwarz-Gelb unter Merkel: ca. 38 – 39 %

Die kleinen Zweierbündnisse (5 – 7) haben wohl keinerlei Chancen, eine Mehrheit zustande zu bringen. Die Dreierbündnisse (2 – 4) haben dagegen zumindest eine halbwegs realistische Option auf eine Mehrheit. Sie müssen lediglich noch zwei, drei Punkte zulegen, was leicht passieren kann. Am wahrscheinlichsten dürfte aber eine weitere GroKo sein, wobei hier für die SPD inzwischen tatsächlich die Chance besteht, Merkel abzulösen und selbst den Kanzler zu stellen. Seit Schulzens Nominierung Ende Januar ist der Vorsprung der CDU/CSU nämlich von ca. 15 bis 17 auf nur noch 1 bis 2 Punkte regelrecht dahingeschmolzen. Die SPD ist also in Schlagweite.

Bei einer großen Koalition würden die Grünen nicht in die nächste Regierung einziehen. Bei den drei Dreierbündnissen (2 – 4) wären sie dagegen immer mit dabei. Wählt man SPD, LINKE, CDU/CSU oder FDP, gibt man seine Stimme unter Umständen Rot-Rot-Grün, einer Jamaika- (Schwarz-Gelb-Grün) oder einer Ampel-Koalition (Rot-Gelb-Grün).

Wer für SPD oder LINKE votiert, wählt mit nicht geringer Wahrscheinlichkeit Rot-Rot-Grün. Wer CDU/CSU oder FDP wählt, votiert unter Umständen für die schwarze Ampel: Jamaika.

Und übrigens, gar nicht zur Wahl zu gehen oder den Stimmzettel ungültig zu machen, bedeutet, die Entscheidung vollkommen den anderen zu überlassen und deren Votum zu hundert Prozent zu bestätigen, seine Stimme also zu rund 30 Prozent jeweils der Union und der SPD zu geben, zu 10 Prozent der AfD oder zu rund 7 Prozent den Grünen usw..

Über den Autor: Jürgen Fritz studierte in Heidelberg Philosophie, Erziehungswissenschaft, Mathematik, Physik und Geschichte (Lehramt). Nach dem zweiten Staatsexamen absolvierte er eine zusätzliche Ausbildung zum Financial Consultant unter anderem an der heutigen MLP Corporate University. Er ist seit Jahren als freier Autor tätig. 2007 erschien seine preisgekrönte philosophische Abhandlung „Das Kartenhaus der Erkenntnis – Warum wir Gründe brauchen und weshalb wir glauben müssen“ als Buch, 2012 in zweiter Auflage. Sein Blog: https://juergenfritzphil.wordpress.com/

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