Wie Fortschritte in der Digitalisierung von Schulen zu scheitern drohen

Epoch Times9. Juli 2020 Aktualisiert: 9. Juli 2020 21:25

Scheitern Fortschritte in der Digitalisierung der Schulen schon an 490 Euro? Der Münchner Mathelehrer Rainer Ammel stellt sich gerade diese Frage. Ammel hat vor Jahren die mittlerweile von über 100.000 Schülern genutzte Mathe-Lernplattform „Mathegym“ entwickelt und in der Coronakrise Schulen kostenlos zur Verfügung gestellt. Mit Ende des Schuljahres verzichten laut Ammel viele Schulen auf das Programm. Als Grund werde die pro Schule – nicht Schüler – künftig fällige Lizenzgebühr genannt.

Das Beispiel des Münchner Lehrers  steht für die große Frage, die sich in vielen Bundesländern gerade mit Blick auf die Zeit nach den Sommerferien stellt: Wie wird es mit der Digitalisierung der Schulen weiter gehen, die sich unter dem Druck der Coronakrise beschleunigt hatte? Wird das sogenannte Homeschooling zum festen Bestandteil der Schulbildung oder kehren die Schulen in ihre alten, analogen Rhythmen zurück?

Nach den Schulschließungen im März reagierten die für die Schulpolitik zuständigen Bundesländer zwar vielschichtig, aber mit einer im Groben doch einheitlichen Linie. Über das Internet wurden die Kinder mit Inhalten versorgt, die sie dann zu Hause bearbeiten sollten. Die Qualitätsunterschiede waren dabei jedoch gewaltig: Manche Lehrer produzierten ganze Unterrichtsstunden per Videoclip, andere schafften es so gerade, kopierte Arbeitsblätter per E-Mail zu verbreiten.

„Mathegym“-Erfinder Ammel sagt, Lehrern werde zu Unrecht vorgeworfen, kein Interesse am E-Learning zu haben. „Sehr viele meiner Kollegen stehen digitalen Unterrichtsmedien sehr offen gegenüber und wissen deren Vorteile für den Unterricht gut zu nutzen.“ Es sei außerdem keine Frage des Alters, auch wenn manche Lehrer bis zum Ende der Beamtenlaufbahn am liebsten bei der Kreide in der Hand bleiben würden.

Ammel sieht viel mehr in der Überlastung ein großes Problem. Denn Digitalisierung bedeute im Schulsystem, entsprechende Konzepte zu erarbeiten, zusätzliche Schulungen unterzubringen, sich in neue Programme einzuarbeiten. Dafür sei Zeit nötig – doch die fehle. Dazu komme ein nur schmales „Taschengeld“ der Schulen, über das diese frei verfügen können, um sich zum Beispiel Software anzuschaffen.

Auch der Digitalverband Bitkom bestätigt die Probleme. So stellt der Bund schon seit dem vergangenen Jahr, also mit großem zeitlichen Vorlauf zur Coronakrise, fünf Milliarden Euro für den Digitalpakt Schule zur Verfügung. Doch Bitkom-Expertin Nina Brandau sagt, weil das Antragsverfahren so aufwändig sei, bleibe der Nutzen des Pakts bisher gering. „Es wurde sehr wenig abgerufen, weil die Hürden sehr hoch sind.“

Zum Zeitpunkt der Schulschließungen im März waren nach einer Bitkom-Erhebung von den bis 2024 eingeplanten fünf Milliarden Euro nicht mal 160 Millionen Euro abgerufen.

Durch das Konjunkturpaket der Bundesregierung gibt es nun eine vergangene Woche von Bundesbildungsministerin Anja Karliczek (CDU) unterzeichnete 500 Millionen Euro schwere Zusatzvereinbarung. Dieses Geld soll nun unkomplizierter abrufbar sein und dabei helfen, digitale Endgeräte wie Tablets zu beschaffen.

Für Software allerdings sind die Finanzpakete nicht gedacht. Da sei die zwischenzeitlich gewährte Finanzierung von staatlicher Seite nicht langfristig gesichert, so Bitkom. Außerdem hake es weiter an der Netzwerkinfrastruktur: Viele Schulen haben keinen Zugang zum Breitbandinternet. Selbst wenn Lehrer dann Videos aus der Schule übertragen wollten, könnten sie es nicht, weil das Internet zu schwach ist.

Die Kultusminister scheinen darauf zu hoffen, dass sie diese Probleme nicht auf die Schnelle lösen müssen: Ziel ist in allen Bundesländern, nach den Sommerferien den Regelbetrieb wieder aufzunehmen. Damit würde das Homeschooling wie in den vergangenen Wochen beendet.

Im Moment steht das Infektionsgeschehen dem nicht entgegen – die Frage wird sein, wo die Schulen digital stehen, falls im Herbst bei höheren Infektionszahlen doch wieder Homeschooling nötig wird. (afp)

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN