WM-Fußball: Deutsche Chancen – deutsche Geschichten

Von 26. Juni 2010 Aktualisiert: 26. Juni 2010 17:05
Lothar Kurbjuweit war einer der Spieler, die beim historisch einzigartigen WM-Aufeinandertreffen zweier deutscher Mannschaften am 22. Juni 1974 in Hamburg dabei waren.

Schon einige Zeit vor Beginn der Weltmeisterschaft spekulierte die ganze Fußballnation über die Chancen der deutschen Mannschaft. Seit zwei Wochen ist es soweit: Sportbegeisterung, Nationalstolz, Hoffnungen und Träume vermischen sich mit einer äußerst willkommenen Ablenkung vom derzeitigen Politik- und Wirtschaftsverdruss. Und hier können wir gerade vom Gastgeber Südafrika noch einiges lernen, denn trotz wirtschaftlicher und sozialer Probleme ist den Südafrikanern die urtypische Lebensfreude nicht abhanden gekommen. Andererseits, die deutsche Geschichte ist eine völlig andere, einzigartig andere…

Die Epoch Times sprach über die deutschen Chancen 2010 und ein legendäres deutsch-deutsches Fußball-Gipfeltreffen mit Lothar Kurbjuweit, Sportdirektor des ehemals dreifachen DDR-Meisters FC Carl Zeiss Jena und selbst ehemalige Abwehr-Ikone der DDR-Mannschaft (66 Länderspiele, Olympia-Bronze 1972, Olympiasieger 1976). Kurbjuweit war auch einer jener Spieler, die beim historisch einzigartigen WM-Aufeinandertreffen zweier deutscher Mannschaften am 22. Juni 1974 in Hamburg dabei waren. Legendär an diesem Spiel war auch die geschichtliche Lektion, sowohl aus sportlicher als auch aus politischer Sicht. Obwohl das bundesdeutsche Team, auf seinem Weg zum WM-Sieg, damals gegen die ostdeutsche Mannschaft mit 0:1 verlor, öffnete sie sich damit die leichtere Gruppe, während das DDR-Team in eine „Killergruppe” mit Brasilien, Argentinien und den Niederlanden kam und ausschied. Deutschland hingegen wurde nach dem „Wunder von Bern” (1954) zum zweiten Mal Weltmeister. Fünfzehn Jahre später brach das DDR-Regime endgültig zusammen.

Epoch Times: Herr Kurbjuweit, wie sehen Sie die Chancen der Deutschen Nationalmannschaft bei der diesjährigen WM?

Lothar Kurbjuweit: Auf der einen Seite denke ich, dass diese Mannschaft auch ohne Ballack eine ordentliche Qualität hat. Aber es ist auch schade, dass er nicht spielt, denn er ist eine Führungsfigur und einer, der viel von der öffentlichen Kritik abfängt. Ich finde das richtig stark, wie er das in den letzten Jahren gemacht hat, nicht nur auf dem Platz, auch in seiner Gesamterscheinung als Kapitän. Vom fußballerischen Niveau her kann man dieser Mannschaft auf jeden Fall auch ohne Michael Ballack das Halbfinale zutrauen.

Die Qualität im Weltfußball ist kaum noch zu unterscheiden, man hat ja heute kein Spiel mehr, wo du locker reingehen kannst, weil du weißt, dass du das 5:0 gewinnst. Das sind alles keine Selbstläufer mehr. Im Fußball muss man heutzutage immer mit allen drei Möglichkeiten rechnen: Sieg, Unentschieden, Niederlage – egal gegen wen! Wenn man so an die Sache rangeht, dann kann man auch nicht völlig außer sich sein, wenn mal ein Ergebnis zustande kommt, was man nicht eingeplant hat. Aber es ist den Deutschen immer gelungen, sich auf große Turniere gut vorzubereiten. Sie sind mental und körperlich fit und immer wieder steigern sie sich in so ein Turnier rein. Da ziehe ich den Hut.

Epoch Times: Sie selbst haben 1974 auch eine WM gespielt. Von besonderem Interesse war das Spiel zwischen den damals noch existierenden beiden deutschen Staaten DDR und BRD. Wie sind ihre Erinnerungen an dieses Aufeinandertreffen, welches Sie mit dem DDR-Team überraschend mit 1:0 gewannen?

Die Sensation ist perfekt. Berti Vogts und Torhüter Sepp Maier können es nicht verhindern: Jürgen Sparwasser (li.) schießt in der 77. Minute das 1:0. Die Mannschaft der DDR schlägt Favorit Deutschland im historisch einzigen deutsch-deutschen WM-Spiel am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion vor 60.000 Zuschauern.Die Sensation ist perfekt. Berti Vogts und Torhüter Sepp Maier können es nicht verhindern: Jürgen Sparwasser (li.) schießt in der 77. Minute das 1:0. Die Mannschaft der DDR schlägt Favorit Deutschland im historisch einzigen deutsch-deutschen WM-Spiel am 22. Juni 1974 im Hamburger Volksparkstadion vor 60.000 Zuschauern.Foto: STAFF/AFP/Getty Images

Kurbjuweit: Das war „Klassenkampf” – zumindest von unserer politischen Seite so proklamiert. Aber es gab auch Fans der BRD, die uns damals bei dem Spiel angeschrien haben: „Ulbricht-Schweine raus!” Bereits im Vorfeld hatte eine Boulevardzeitung die Spieler miteinander verglichen und nach deren Rechnung ginge das Spiel dann 7:4 für die BRD aus. Und dann spielten wir gegen eine Mannschaft, die jeder DDR-Spieler „aus dem Effeff” kannte, aber die hatte überhaupt keinen Draht zum DDR-Fußball. Die kannten uns gar nicht richtig.

Als wir dann auf dem Weg zum Spiel waren, lief gerade das andere Gruppenspiel: Chile gegen Australien. Die spielten unentschieden. Das heißt, wir waren unabhängig vom Ausgang unseres Spieles sowieso schon für die Zwischenrunde qualifiziert. Das hatte uns schon mal die Last genommen und bereits im Bus wurde auf der Hinfahrt gesungen! Es gab dann sogar noch eine Bombendrohung, aber auch das hat uns alle nicht mehr wirklich interessiert. Wir waren alle happy. Uns konnte doch sportlich nichts mehr passieren. Das ist doch herrlich, mit so einer Ausgangslage: Du bist schon in der Zwischenrunde und spielst gegen einen haushohen Favoriten… Das war das leichteste Spiel meiner Karriere.

Außerdem hatten wir doch auch eine gute Mannschaft; wir hatten auch ein paar sehr gute Kicker dabei: Jürgen Croy, Konny Weise – das war doch Weltklasse und nicht nur irgendwelche Straßenkehrer. Mit der Qualität dieser Mannschaft hätte man sogar das Halbfinale erreichen können… und dann kommen wir ins Stadion rein… und du siehst 500 mitgereiste „linientreue” DDR-Bürger mit ihren Fähnchen. Oh Gott! Ist das erbärmlich gewesen!

Epoch Times: Und dann wurde der „Klassenkampf” sogar gewonnen! Haben die Genossen da nicht vor Freude den Zaun zerbissen?

Kurbjuweit: Ich sag’ es mal so: Da haben sich einige Genossen auf eine Art und Weise gebärdet, das war schon unanständig! Einige Funktionäre – ich rede nicht von Trainern oder Spielern – die uns ständig begleitet haben durch dieses „schlimme Land”, die haben nach diesem Sieg völlig die Orientierung verloren. Die konnten mit dem Sieg überhaupt nicht umgehen und dachten, sie wären jetzt die Helden der Nation. Die Spieler jedoch konnten diesen Sieg viel besser einordnen als ein Parteifunktionär, der aufpasst, dass alle pünktlich zum Essen kommen und sich sauber die Nase putzen.

Wir durften auf dem Platz auch nicht, wie sonst üblich, die Trikots tauschen. Auch das war eine Vorgabe der „Genossen”. Da wurden die Trikots nach dem Spiel in einen Wäschekorb gelegt und damit ging dann jemand in die Kabine der BRD. Dort wurde dann der andere Wäschekorb mit deren Trikots geschnappt und zu uns gebracht, also ein Trikot-Tausch unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Als Sportler haben wir uns über diesen Sieg wirklich gefreut und ich denke, die Jungs von der Gegenseite waren mächtig enttäuscht, dass sie verloren hatten. Aber am Schluss waren sie ja die großen Gewinner, weil sie dadurch in eine Zwischenrundengruppe gekommen sind, die wesentlich leichter war als unsere. Aber soweit hatten „Wir” nicht gedacht, da waren „Wir” viel zu sehr Kommunisten und wollten den Klassenfeind schlagen – mit dem Ergebnis, dass „Wir” dann in einer Gruppe mit Holland, Brasilien und Argentinien landeten. Das war bedauerlich. Beckenbauer gratuliert uns heute noch herzlich zu diesem Sieg und sagt: „In der anderen Gruppe, in der ihr wart, wären wir nie ins Finale gekommen.”

Wer zuletzt lacht... Die Niederlage gegen die DDR öffnete den Weg: Deutschland wird 1974 Weltmeister. Pokalübergabe im Münchner Olympiastadion an Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer, Bundespräsident Walter Scheel (l.) freut sich.Wer zuletzt lacht… Die Niederlage gegen die DDR öffnete den Weg: Deutschland wird 1974 Weltmeister. Pokalübergabe im Münchner Olympiastadion an Mannschaftskapitän Franz Beckenbauer, Bundespräsident Walter Scheel (l.) freut sich.Foto: STAFF/AFP/Getty Images
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Epoch Times: Sie waren ein großer Spieler; sind Sie manchmal traurig, dass Ihre Fußballkarriere in der DDR stattfand und nicht da, wo Sie viel mehr Geld hätten verdienen können?

Kurbjuweit: Überhaupt nicht. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich doch abhauen können. Während der WM 1974 lagen öfters mal ein paar Kuverts mit Angeboten von Vereinen unterm Kopfkissen im Hotelzimmer. Ich trauere nichts nach, denn wir hatten auch eine schöne Zeit. Ich habe die Welt gesehen und das durften ja nicht viele DDR-Bürger. Mir ging es doch gut… und vielleicht durfte ich mir ja auch alle 4 Jahre mal ein Auto kaufen und musste nicht, wie die normalen DDR-Bürger, zehn Jahre warten.

Das war mein Vorteil und ich habe auch eher mal eine Büchse Ananas bekommen. Das war schon o.k. Und durch gute sportliche Leistungen, da ist uns natürlich nichts geschenkt worden, sind wir mit dem FC Carl Zeiss durch Europa getingelt. Wir konnten damals schon ein bisschen was sehen, auch wenn es meistens nur Flughäfen waren und irgendeine Stadtrundfahrt im geschlossenen Bus. Als wir mit dem FCC nach Valencia mussten, hatten wir in Rom 12 Stunden Aufenthalt. Den hast du dann aber auf dem Flughafen verbracht und denke nicht, dass du da raus durftest… Wenn du dann Hunger und Durst bekamst, da warst du dann eben schlecht vorbereitet, mit deiner Reiseverpflegung.

Epoch Times: Aber nach so einer strapaziösen Anreise zu einem Europapokal-Spiel sind dann doch die sportlichen Erfolge nicht hoch genug einzuschätzen, oder?

Kurbjuweit: Bei dem Spiel waren wir dann abends um zehn im Hotel und haben uns alle auf ein schönes Abendbrot gefreut. Da hat unser Trainer Hans Meyer erst einmal ein Training angesetzt, um die Müdigkeit aus den Beinen rauszulaufen. Und dann sehe ich Hans Meyer jetzt Mannschaften trainieren und dann sage ich: „Mensch Hans, wenn du das mit uns damals auch so gemacht hättest, würden wir heute noch Fußball spielen.“ Aber die Trainer zu dieser Zeit standen auch wahnsinnig unter Druck. Die hatten ihre Auflagen, angefangen vom Trainingsumfang bis hin zu politischen Aufträgen, das darf man doch alles nicht vergessen. Du konntest doch nichts selber entscheiden.

Und, was hatte denn Hans Meyer damals für eine Chance, einen Spieler aus einem anderen Bezirk [Anm. d. entspr. Bundesland] zu bekommen? Wir hatten dann nur noch den Bezirk Gera, aus dem wir Spieler verpflichten konnten… und sollten aber international immer mithalten. Das war ein Witz. Soviel zur Entscheidungsfreiheit. Es gab sogar Ratschläge der großen Genossen, die uns Spielern sagten, wir sollten doch auch mal mit der Pike schießen, denn das wäre ja auch ganz sinnvoll. Man neigt auch mal schnell zu sagen „auch damals ging es nur um Fußball“. Aber das ist nicht richtig. Damals ging es um mehr als nur um Fußball. Das war Klassenkampf! Da machen wir uns doch mal nichts vor!

Epoch Times: Und wie war das dann 1981 beim Europapokal-Endspiel FC Carl Zeiss Jena gegen Dynamo Tiflis?

Kurbjuweit: Ich habe bis heute noch das Gefühl, dass diese Mannschaft von Tiflis, von ihrer Leistungsfähigkeit her, immer noch falsch eingeschätzt wird. Das war eine riesen Mannschaft. Deswegen schäme ich mich nicht dieser Niederlage. Wir hatten sie so nah am Abgrund. Vielleicht hätte man nach dem 1:0 doch mehr auf Abwehr spielen sollen. Aber das ändert ja nichts daran, dass das fantastische Kicker waren. Dass dieses Spiel in Düsseldorf stattfand und man unflexibel war, ist sehr bedauerlich. 8.000 Zuschauer beim Endspiel. Leute, das ist doch wie eine Beleidigung! Warum ist man denn nicht irgendwo hin ausgewichen, wo auch der DDR-Bürger hätte hinfahren können? Und nicht nur diese Fähnchenschwenker, die politisch tragbar waren und nach Düsseldorf fahren durften… Ach, ist das peinlich gewesen! Die einzige wirkliche Sorge der Genossen bei diesem Endspiel war doch, dass es keine Republikflüchtigen gibt!

Als wir wieder in Jena ankamen, war doch der größte Erfolg, dass alle wieder vollzählig aus dem Bus stiegen und keiner abgehauen war. Da standen die Genossen der Staatssicherheit und haben gezählt. Super, alle wieder da! Völlig außerirdische Gedanken und eine völlig ungewürdigte sportliche Leistung. Biermann, der Leiter des Zeiss-Kombinates, hatte sogar das geplante Bankett abgesagt, weil wir verloren hatten. Es kann doch wohl nicht wahr sein, dass ich nach einer Niederlage im Finale den Empfang absage. Das ist doch wohl ein Witz!

Ich hab’ aber noch ein Beispiel: Als wir in unserem ersten Spiel bei Olympia 1976 gegen Brasilien 0:0 spielten und zurück ins olympische Dorf kamen, empfing uns Manfred Ewald und drohte, uns nach Hause zu schicken. Er mache seine Medaillen auch ohne uns und wer so blind sei wie wir, den würde er nicht durchs ganze Turnier schleppen. Wir haben dann den Olympiasieg geholt! So weit weg waren die Sportfunktionäre vom Fußball. Aber damals war ich doch auch überzeugt, dass diese Gesellschaftsordnung die bessere sei.

Epoch Times: Jetzt nicht mehr?

Kurbjuweit: Nö.

Das Interview führte Steffen Andritzke.