„Zeit“-Chefredakteur: Medienberichte in Flüchtlingskrise „zu uniform“ – „beispiellose Vergiftung der Gesellschaft“ mitverursacht

Von 19. September 2016 Aktualisiert: 20. September 2016 9:38
Ein Jahr nach Angela Merkels Grenzöffnung geben sich große Medien selbstkritisch zu ihrer Rolle in der Flüchtlingskrise: Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der „ZEIT“ übte drastische Kritik in einem Kommentar: Sowohl sein Blatt als auch Andere hätten „zu uniform“ berichtet, „Ängste der Bevölkerung" missachtet und dadurch eine „beispiellose Vergiftung der Gesellschaft“ mitverursacht.

„Wir waren geradezu beseelt von der historischen Aufgabe“ – unter diesem Titel brachte das Politmagazin „Cicero“ am 4. September einen Kommentar von „Zeit“-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo. Darin wird das Verhalten der Leitmedien im Zuge der Grenzöffnung am 4. September 2015 kritisiert. Lorenzo rollt die Ereignisse noch einmal kurz auf und kommt zu dem Schluss, dass es eigentlich „eine historische Panne“ war.

Kanzlerin Merkel habe damals gesagt, es werde sich um eine „Ausnahme“ handeln. Doch aus der Schließung der Grenzen wurde dann nichts mehr, weil die Aktion bereits einen Sog ausgelöst hatte, „den die Nachrichten und Bilder aus Deutschland ausgeübt hatten“.

„All das hätten wir von Anfang an beschreiben und analysieren können“, so Lorenzo. Aber: „Wir waren aber zumindest in der Anfangszeit geradezu beseelt von der historischen Aufgabe, die es nun zu bewältigen galt“, so der Journalist.

„Damit einher ging die Missachtung der Ängste in der Bevölkerung“, so di Lorenzo. Noch problematischer sei „die kritiklose Übernahme“ der Erklärungen der Bundesregierung gewesen. Dieser sei nun jedes Wort recht gewesen, um nachträglich schönzureden, was in Wirklichkeit ungeplant geschehen war, kritisiert er.

„Beispiellose Vergiftung der Gesellschaft“

Die Folgen sehe man heute: „Eine beispiellose Vergiftung der Gesellschaft und einen Vertrauensverlust gegenüber den Eliten und den im Bundestag vertretenen Parteien.“ Außerdem „das Erstarken einer rechtspopulistischen Bewegung“. Di Lorenzo beklagt, dass im „Diskurs über die Flüchtlingsfrage auch die Fähigkeit zur Differenzierung verkümmert“.

Gleich zu Beginn seines Artikel hatte er angemerkt, dass ihn „im zurückliegenden Jahr so sehr gestört hat, dass eine von der Politik der Bundesregierung abweichende Meinung, manchmal auch schon kritische Fragen, unter den Generalverdacht gestellt wurden, man habe etwas gegen Flüchtlinge oder betreibe das Geschäft der Populisten.“

Den Medien wirft er nun vor:

Ohne Not haben wir uns wieder dem Verdacht ausgesetzt, wir würden mit den Mächtigen unter einer Decke stecken, wir würden so uniform berichten, als seien wir gesteuert; wir würden die Sorgen und Ängste der Menschen ignorieren, die nicht selbst zur Flüchtlingshilfe oder zur politischen Klasse gehören. Das ärgert mich, weil ich der Meinung bin, dass unsere Medien zu den besten und freiesten auf der Welt gehören.

Nun sind die Medien nach seiner Ansicht unter Zugzwang: Wie den angerichteten Schaden begrenzen und das Vertrauen wieder herstellen? Lorenzo schließt: „Der Komplexität der Probleme, der zunehmenden Macht von Desinformation und Verschwörungstheorien, von Dummköpfen oder von Propagandisten können wir nur Genauigkeit, Distanz und Glaubwürdigkeit entgegensetzen.“

FAZ schlägt in ähnliche Kerbe

Die „Frankfurter Allgemeine“ beleuchtete am 3. September ein Jahr lang Berichterstattung rund um Flüchtlingskrise, Kölner Silvesternacht und Terror-Anschläge und kam zu einem ähnlichen Schluss: Angela Merkels Positionen seien „wenig hinterfragt“ worden. „Von journalistischer Distanz keine Spur.“

„Ohne die monatelange wohlwollende Berichterstattung, die ein Sorgen, Kritik und Ängste weglächelndes Willkommensklima medial verstärkte“, seien „die Wegduckreflexe“ nach der Silvesternacht von Köln kaum zu erklären gewesen, schreibt die „FAZ“, die auch die Krawalle von Heidenau mitverantwortlich machte.

Studie fand 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik positiv

Mit ihren Schuldbekenntnissen sind die Leitjournalisten konform mit einer neuen Studie, die zum Ergebnis kommt, dass die Berichterstattung über die Migrationskrise sehr einseitig verlief: Insgesamt 82 Prozent aller Beiträge zur Flüchtlingsthematik seien „positiv konnotiert“ gewesen, zwölf Prozent rein berichtend und sechs Prozent hätten die Flüchtlingspolitik problematisiert, hieß es im August in einem Zwischenbericht der Medienstudie von Prof. Michael Haller von der Uni Leipzig.

Sein Team hatte mehr als 34.000 Pressebeiträge ausgewertet. Die Medien hätten sich das Motto der Bundeskanzlerin – „Wir schaffen das!“ – zu Eigen gemacht. Die übergroße Mehrzahl der Leitmedien (zwei Drittel) haben, so Haller, am Anfang „übersehen, dass die Aufnahme von Flüchtlingen in großer Zahl und die Politik der offenen Grenzen die Gesellschaft vor neuen Problemen stellt“. So wurde aus dem Begriff der „Willkommenskultur“ ein kontroverser Begriff, an dem sich gegenwärtig die Geister scheiden.

„Schreckliche Erscheinungsform des Rudeljournalismus“

Schon im Juni hatte sich ein Mitglied der „STERN“-Chefredaktion, Hans-Ulrich Jörges, kritisch bei einer Podiumsdiskussion geäußert. Er sagte laut „Neopresse“:

„Es ist etwas faul in unserer Branche. […] Vor allem was die schreckliche Erscheinungsform des Rudeljournalismus angeht. Wir haben es mit einer veränderten Medienhierachie zu tun. Es sind die Online-Medien, die mittlerweile den Takt vorgeben. Was am Morgen Top-Thema bei Spiegel Online ist, läuft am Abend ihn ähnlichem Stil in der Tagesschau. Wir lügen nicht – wir sind schlampig, denkfaul und ein bisschen propagandistisch.“

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