Zweiter Lockdown: Steingart spricht von „Machtdemonstration“ und Furcht vor „Kontrollverlust“ im Kanzleramt

Von 29. Oktober 2020 Aktualisiert: 30. Oktober 2020 16:00
Die Not ist groß, denn seit Verkündung des zweiten Lockdowns am gestrigen Mittwoch steht die Veranstaltungs- und Unterhaltungsbranche in Deutschland vor einem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Kritik hagelt es von allen Seiten.

„Ich habe Zweifel, dass die gestern beschlossenen Corona-Maßnahmen mit Blick auf die Neben- und Folgewirkungen verhältnismäßig sind. Ich rege an, diese Maßnahmen bundesweit auf ihre Rechtsmäßigkeit hin überprüfen zu lassen. Wir zahlen einen zu hohen Preis für unsere Politiker“, schreibt der ehemalige Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen heute in den sozialen Netzwerken.

Damit spricht er das aus, was viele Kunst- und Kulturschaffende, Kneipiers, Hoteliers und Entertainer umtreibt, die durch den gestrigen erneuten Lockdown-Beschluss der Regierung um ihre Existenz bangen müssen.

„Der Veranstaltungsbranche geht’s schlecht, ihr Lieben – den Lichtmenschen, dem Maskenbildner, der Reinigungskraft, dem Hausmeister, dem Busfahrer, der Tonfrau, den Künstlern und vielen mehr und vor allem auch deren Familien“, erklärte kurz vorher noch der Komödiant Ralf Schmitz auf Facebook. „Das geht so nicht weiter, Leute. Sonst sind die bald alle weg. Und kommen auch nicht mehr wieder. Diese Menschen, diese Existenzen sind keine Angelegenheit zweiter Klasse, die man einfach so vergessen darf, weil sie keine Lobby hat.“

Brandbrief der Bühnenkünstler

In einem Brandbrief weisen zahlreiche Bühnenkünstler auf die aktuelle Lage der 1,7 Millionen Beschäftigten in der Unterhaltungsbranche hin, die immerhin einen jährlichen Umsatz von 130 Milliarden Euro generiert.

Geholfen hat der Aufruf nicht, am gestrigen Mittwochabend verkündete Kanzlerin Angela Merkel einen Lockdown 2.0, der voraussichtlich für den gesamten Monat November die Kultur- und Unterhaltungsbranche erneut lahmlegen wird. Auch wenn dabei von staatlichen Überbrückungshilfen gesprochen wird, den Betroffenen bietet das wenig Trost. Auf die Mehrheit der Künstler wartet Arbeitslosengeld II.

Dass dies nicht die Lösung sein kann, das meint auch Star-Trompeter Till Brönner, der zu den Größen der internationalen Jazz-Szene gehört und sich am Dienstag (27.10.) mit einem Video auf Instagram Gehör verschaffte.

 

Dabei hat Brönner wenig Verständnis für Kollegen und Kolleginnen, die viel zu lange geschwiegen haben. Fatal sei diese Stille, weil sie „ein völlig falsches Bild der dramatischen Lage zeichnet. Wir sind keine Minderheit“, sagt Brönner. „Es geht hier nicht um Selbstverwirklicher, die in ihrer Eitelkeit gekränkt sind. Es geht um uns alle. Und es geht um Geld, viel Geld.“

Wenn die gesamte Branche im Interesse der Allgemeinheit ihr Geschäft runterfahre, müsse die Gesellschaft auch für Ausgleich sorgen. „Wie kann man einzelnen Konzernen Milliarden in den Vorgarten werfen und der Veranstaltungsbranche Arbeitslosengeld II anbieten?“, kritisiert er. „Wir Musikkünstler sind weder arbeitslos, noch hatten wir vor Corona ein Nachfrageproblem, wie so einige andere Branchen, die in Wahrheit nicht durch Corona, sondern durch Schläfrigkeit oder durch Gier in Schieflage geraten sind“, so Brönner.

„Einen abgebrochenen Ast klebt man nicht wieder an“

Unmittelbar vor der gestrigen Großdemonstration in Berlin unter dem Motto „#Alarmstufe Rot“ hatten weitere Vertreter der Veranstaltungsbranche ihren Sorgen und ihrem Unmut Luft gemacht. „Eine trocken gefallene Pflanze kann man wässern, einen abgebrochenen Ast klebt man aber nicht wieder an“, sagte der Musiker Roland Kaiser am Mittwoch in Berlin.

„Der ist ab und der bleibt ab, und das ist es, was mir gerade die meisten Sorgen macht. Dabei habe ich keine Angst und mich, weder, wenn ich auf der Bühne stehe, noch sonst. Ich habe Angst um die vielen Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich auf Tour zusammenarbeite.“

Mit einem Lastwagen-Korso, bestehend aus Hunderten Fahrzeugen und begleitet von einem Fußmarsch, wies das Aktionsbündnis #AlarmstufeRot am Mittwoch in der Hauptstadt auf die prekäre Lage von Musikern, Tänzern, Schauspielern, Komödianten, bildenden Künstlern, Bühnenarbeitern, Visagisten, Technikern und Produzenten hin.

Massiver Umsatzeinbruch seit acht Monaten

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Christian Eichenberger, Mitinitiator des Aktionsbündnisses, das nach eigenen Angaben die Interessen von „nahezu 10.000 Unternehmen mit mehr als 250.000 Beschäftigten“ aus der Veranstaltungswirtschaft vertritt, sagte:

„Die Unternehmen leiden seit acht Monaten an einem massiven Umsatzeinbruch, der zwischen 80 bis 100 Prozent bis heute besteht. Die deutsche Veranstaltungswirtschaft ist eine hoch mittelständische Wirtschaft. Sie hat kaum Konzerne, sondern ganz viele kleine Soloselbstständige und vor allem viele auch kleine mittelständische Betriebe.“

Das Aktionsbündnis hat konkrete Forderungen an die Politik formuliert und drängt auf eine Perspektive, „um den sechstgrößten Wirtschaftszweig Deutschlands mit 130,0 Mrd. Euro Umsatz sowie über 1,0 Mio. Beschäftigten vor dem Untergang zu retten“, wie es auf der Internetseite heißt. So solle die Politik unter anderem Überbrückungs- und Kreditprogramme auflegen bzw. anpassen, den steuerlichen Verlustrücktrag ausweiten oder die Regelungen zur Kurzarbeit flexibler gestalten.

Auch Messebauer und Veranstaltungstechniker sind von der Situation betroffen. Diese verfügen meist über riesige Hallen voll mit Technik, die einmal sehr viel Geld gekostet hat.

„Die Technik amortisiert sich nur, wenn sie auch benutzt wird. Wenn seit acht Monaten die Auftragsbücher leer sind – wobei sie vorher voll waren – da kann man sich ausrechnen, was passiert. Natürlich kannst du für das Personal Kurzarbeitergeld in Anspruch nehmen, aber das allein garantiert kein Überleben“, erklärt ein Messebauer gegenüber Epoch Times, der anonym bleiben möchte.

„Es geht um eine Machtdemonstration“

Publizist Gabor Steingart nannte die gestrigen Lockdown-Beschlüsse der Regierung „verstörend“ und erklärt das in seinem „Morning Briefing“ wie folgt:

„Weil die Stilllegung des Kulturlebens durch keine medizinische Studie gedeckt ist. Es geht um Symbole. Es geht um eine Machtdemonstration. Es geht darum, die Überforderung der Regierung durch Striktheit und Strenge zu kaschieren. Eine vieldeutige Situation wird durch eindeutige Beschlüsse banalisiert, womöglich auch fiktionalisiert. Mehr als das Wort Corona fürchtet man im Kanzleramt das Wort Kontrollverlust.“

(mit Material von reuters)

 

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