Eiserner Vorhang 2.0: „Europa ist weder Wertegemeinschaft noch teilt es Schicksal und Erinnerung“

Von 17. Dezember 2018 Aktualisiert: 17. Dezember 2018 13:25
Der polnische Publizist und Filmer Grzegorz Górny sieht in einem Beitrag für das polnische Magazin „Wpolityce“ keine Grundlage für die Annahme, eine Einigung Europas auf der Basis gemeinsamer Werte sei auf absehbare Zeit realistisch.

Spitzenpolitiker der EU und Befürworter eines vereinten Europas werden nicht müde, den Kontinent als Schicksals- oder „Wertegemeinschaft“ oder wenigstens als eine der gemeinsamen Erinnerung zu beschwören. Der in seiner Heimat sehr bekannte polnische Publizist und Filmer Grzegorz Górny ist jüngst in einem Kommentar für das Online-Magazin „Wpolityce“ zu dem Ergebnis gekommen, tatsächlich sei Europa nichts davon. Es ziehe sich vielmehr eine neue Form des Eisernen Vorhangs hindurch.

Eine Schicksalsgemeinschaft, so Górny, sei Europa schon dadurch nicht, dass alle Länder unterschiedliche historische Erfahrungen hätten. Insbesondere jene Länder, die zwischen Deutschland und Russland liegen, hätten lange Zeit und wiederholt für ihre bloße Existenz kämpfen müssen. Viele davon gibt es erst seit kurzem wieder. Polen, Ungarn, die Tschechische Republik, die Slowakei, die Baltenstaaten, die Ukraine, Rumänien, Moldawien oder die Staaten des früheren Jugoslawiens und viele mehr hätten ihre Eigenstaatlichkeit erst unter größten Mühen wiedererlangt. Dies habe in diesen Ländern jedoch den Sinn dafür gestärkt, dass politische Unabhängigkeit nicht selbstverständlich sei – und habe Konsequenzen:

„Deshalb ist unsere Einstellung gegenüber muslimischen Einwanderungswellen und den zentralistischen Ambitionen von EU-Bürokraten so wesentlich anders als im Westen.“

Aufarbeitung der Verbrechen des Kommunismus im Westen vernachlässigt

Auch mit der Erinnerungsgemeinschaft sei das so eine Sache. Während zumindest bezüglich der Aufarbeitung der Schrecken des Nationalsozialismus ein weitgehender Konsens bestehe, hätten die westlichen Länder den Kommunismus nicht erlebt und würden sich die Gräuel und das Leid, die dieser mit sich gebracht habe, kaum vergegenwärtigen. Deshalb würden antikommunistische Helden osteuropäischer Länder im Westen nicht als solche gewürdigt. Stattdessen sehe man in Westeuropa den Kommunismus im Grunde oftmals immer noch im Grunde als edle Idee, deren Praxis bislang lediglich Defizite aufweise. Anders im Osten:

„Der Marxismus ist für uns keine Hoffnung für die Menschheit, sondern eine Sackgasse. Deshalb sind wir auch besonders sensibilisiert gegenüber utopischen Social-Engineering-Projekten.“

Schließlich sei es auch verfehlt, von Europa als einer „Wertegemeinschaft“ zu sprechen. Dies zeige nicht zuletzt auch das Ergebnis einer Pew-Studie aus den Jahren 2015 bis 2017 mit 56 000 Befragten in 34 Ländern West-, Mittel- und Osteuropas. Es gebe in Europa insbesondere auch ein axiologisches Gefälle. Dabei verlaufe das Gefälle bezüglich der Wertmaßstäbe weitgehend exakt dort, wo früher auch geografisch der Eiserne Vorhang verlief – mit dem Unterschied, dass gesellschaftspolitisch linke Auffassungen, die sich auch als „liberal“ verkaufen lassen, mittlerweile im Westen akzeptierter seien als im Osten.

Kultureller Marxismus als Spaltungsfaktor

Bezüglich der Frage nach der Akzeptanz der „Homo-Ehe“ liege diese in Schweden bei 88 gegen 7 Prozent, in Dänemark bei 86 gegen 9 und in Deutschland bei 75 gegen 23 Prozent. Die meisten Gegner dieser Praxis finden sich in Westeuropa in Italien mit 59 zu 38 Prozent Zustimmung. Demgegenüber lehnen 92 Prozent der Einwohner Moldawiens (gegen fünf Prozent Unterstützer), 85 gegen 9 Prozent der Ukrainer und 85 zu 12 Prozent der Litauer die „Homo-Ehe“ ab. In Polen und Ungarn sind dies immer noch 59 bzw. 54 Prozent.

Einen Muslim als Mitglied der eigenen Familie akzeptieren würden 88 Prozent der Niederländer, 82 Prozent der Norweger oder 81 Prozent der Dänen, aber nur 25 Prozent der Ukrainer, 21 Prozent der Ungarn, 16 Prozent der Litauer und 12 Prozent der Tschechen. Das Christentum halten mit 74 zu 25 Prozent die Rumänen für ein wichtiges Element der eigenen Identität, 66 gegen 33 Prozent der Bulgaren, 64 Prozent gegen 33 bei den Polen und 58 Prozent der Kroaten gegenüber 42, bei denen dies nicht der Fall ist. Hingegen lautet das Verhältnis bei den Deutschen 34 zu 65, Franzosen (32:65), Belgier (19:80) und Schweden (15:84) sind gegenüber dem Christentum noch indifferenter.

Lediglich in der Bedeutung des Christentums ist die Position auf beiden Seiten uneinheitlich. So betrachten im Westen Europas einige Völker dieses nach wie vor als wichtigen Bestandteil ihrer nationalen Identität, etwa Italiener oder Portugiesen, während Letten, Esten und Tschechen ihm wenig Bedeutung zumessen.

Sichtbare Mauer einer unsichtbaren gewichen

Dies alles zeige jedoch, dass Ost- und Westeuropa gerade in fundamentalen Fragen immer weiter auseinanderdrifte. Wo immer „europäische Werte“ beschworen würden, würden meist „Toleranz“ und „Offenheit“ als solche genannt, die alle verbinden würden. Das Problem sei allerdings, dass diese Konzepte hüben und drüben komplett anders verstanden würden.

Während seiner Heiligen Messe im polnischen Gniezno habe der damalige Papst Johannes Paul II. die Mauer angesprochen, die Europa nach dem Zweiten Weltkrieg geteilt habe und die nun zusammengestürzt sei.

Wenig später fügte er jedoch hinzu, dass sich nach der sichtbaren Mauer, die eingestürzt sei, auch eine unsichtbare zeige, die durch die Herzen der Menschen gehe und den Kontinent spalte:

„Es ist immer noch ein langer Weg bis zu einer tatsächlichen Einheit des europäischen Kontinents. Es wird keine Einheit Europas geben, bis es eine Gemeinschaft des Geistes gibt.“

Die Frage sei nur, wessen Geist am Ende die Oberhand behalten werde.

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