Entspannung nach der Krise: Merkel besucht Griechenland

Epoch Times10. Januar 2019 Aktualisiert: 10. Januar 2019 16:51
Die Kanzlerin wird von vielen Griechen für den rigiden Sparkurs des Landes verantwortlich gemacht, etliche bewundern sie aber auch. Regierungschef Tsipras wurde vom Gegner sogar zum Vertrauten Merkels.

Vor dem ersten Besuch von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Griechenland seit fast fünf Jahren stehen die Zeichen auf Entspannung. Die Kanzlerin muss nicht mehr fürchten, wie noch vor Jahren von Demonstranten in Athen auf Plakaten als Nazi-Diktatorin verunglimpft zu werden.

Der linke Ministerpräsident Alexis Tsipras, der mit einem Anti-Merkel-Kurs Anfang 2015 die Wahlen gewonnen hatte, ist inzwischen ihr Vertrauter. Auch Massendemonstrationen gegen die „Spar-Kanzlerin“ werden nicht erwartet.

Zum einen ist das Stadtzentrum Athens für Demonstrationen gesperrt, zum anderen hat der Besuch für Tsipras großen symbolischen Wert: Bei ihm stehen 2019 nicht nur EU-, sondern auch Parlamentswahlen an. In diesem Superwahljahr kann er jede Unterstützung brauchen. Ob ihm der Schulterschluss mit Merkel dabei helfen wird, ist jedoch umstritten.

Die Kanzlerin ihrerseits hatte sich schon vor Beginn ihres Besuchs in versöhnlichen Worten an die Griechen gewandt. „Mir ist bewusst, dass die letzten Jahre für viele Menschen in Griechenland sehr schwierig waren“, sagte sie der Zeitung „Kathimerini“. Aber Griechenland sei gerade wegen der Sparmaßnahmen und Reformen nunmehr auf einem guten Weg, den es fortzusetzen gelte.

Nicht wenige Griechen geben ihr die Schuld für die aktuellen Schwierigkeiten des Landes, für Armut und private Überschuldung. So erklärte beispielsweise die linke, eurokritische Partei Laiki Enotita die Kanzlerin kurz vor ihrem Besuch zur „unerwünschten Person“. Sie stehe für die „wilde Sparpolitik“ und die „monumentale Zerstörung“ Griechenlands, hieß es in einem Aufruf zur Demonstration während des Merkel-Besuchs..

Auch die rechtsextreme Partei Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) warnt die Kanzlerin. Sie solle sich bitteschön aus dem Namensstreit zwischen Griechenland und dem Nachbarland Mazedonien heraushalten. Das Land soll künftig „Nord-Mazedonien“ heißen. Griechische Nationalisten betrachten dies als Verrat und lehnen den Namen „Mazedonien“ in jeglicher Form für das Nachbarland ab. Hintergrund: Eine nordgriechische Provinz heißt ebenfalls Mazedonien (altgriechisch: Makedonia). Sie fürchten, das Nachbarland könne Gebietsansprüche geltend machen.

Wegen dieses Streits blockiert Griechenland seit Jahrzehnten die Annäherung des Nachbarn an EU und Nato. Merkel hatte vor ihrem Besuch gesagt, es bestehe die historische Chance für eine Einigung – einen entsprechenden Beschluss hatten Athen und Skopje bereits 2018 gefasst, er muss nun aber noch beide Parlamente passieren. Den westlichen Staaten ist an einer Anbindung Mazedoniens gelegen, nicht zuletzt, weil auch Russland einen guten Draht nach Skopje hat.

Tsipras sah dem Besuch Merkels nicht nur wegen der erhofften Unterstützung für den Kompromiss mit Skopje optimistisch entgegen. Er verstehe sich gut mit ihr, betonte der griechische Regierungschef am Mittwochabend im griechischen Fernsehen. „Das, was wir gesagt haben, haben wir auch gemeint“, sagte er über seine Beziehung zur Kanzlerin in den vergangenen Jahren. „Wir hatten nie das Ziel, den anderen über den Tisch zu ziehen.“

Merkel wird nach dem Treffen mit Tsipras am Donnerstag am Freitag unter anderem noch mit dem griechischen Staatspräsidenten Prokopis Pavlopoulos zusammenkommen. Der dürfte ihr auch wieder Reparationsforderungen wegen Schäden aus dem Zweiten Weltkrieg präsentieren. Anschließend stehen noch Gespräche mit dem Oppositionsführer der CDU-Schwesterpartei Nea Dimokratia sowie Vertretern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur auf dem Terminplan des zweitägigen Besuchs. (dpa)

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