Erdogans Angriff auf Atatürks Erbe – Türkeigründer stand für Trennung von Religion und Staat ein

Epoch Times4. Mai 2016 Aktualisiert: 7. Juli 2016 22:31
Atatürks Erbe, die Demokratie und die Trennung von Staat und Religion, werden zunehmend vom derzeitigen Präsidenten der Türkei, Recep Tayyip Erdogan, attackiert. Erdogan, der ursprünglich gegen einen Beitritt zur EU war, die er einen "Verein der Christen" nannte, bezeichnete sich früher selbst als Anhänger der Scharia.

Kürzlich forderte der Parlamentspräsident schon eine muslimische Verfassung, jetzt soll offenbar Erdogans direkter Konkurrent, Ministerpräsident Davutoglu, weggeräumt werden. Erdogans Weg zur absoluten Macht in der Türkei und in die EU scheint geebnet.

Im Amtseid des Präsidenten [Art. 103] auf die türkische Verfassung, den Erdogan im August 2014 schwur, hieß es noch:

"Ich schwöre vor der Großen Türkischen Nation und vor der Geschichte bei meiner Ehre und Würde, dass ich […] der Verfassung, […] der Demokratie, den Prinzipien und Reformen Atatürks sowie dem Prinzip der laizistischen Republik verbunden bleiben werde, von dem Ideal, wonach […] jedermann die Menschenrechte und Grundfreiheiten genieße, nicht abweichen werde, mit all meiner Kraft mich […] um die unparteiliche Erfüllung des Amtes, welches ich auf mich genommen habe, bemühen werde."

Ein kurzer Rückblick in Erdogans Historie zeigt dessen Fähigkeit zu Verwandlungen auf:

Erdogan gegen Beitritt in "Verein der Christen" (EU)

Von 1994 bis 1998 war Recep Tayyip Erdogan Oberbürgermeister seiner Geburtsstadt Istanbul, dem ehemaligen Konstantinopel. Die heutige 15-Millionen-Stadt ist die bevölkerungsreichste Stadt der Türkei und deren Medien- und Finanzhochburg sowie Handels- und Kulturzentrum des Landes.

Aus dieser Zeit stammt ein oft zitierter Ausspruch des Politikers. Auf einer Pressekonferenz sagte Erdogan, dass es nicht möglich sei, gleichzeitig laizistisch und Moslem zu sein. In einem Interview mit der Zeitung "Milliyet" 1994 bezeichnete er sich gar als Anhänger der Scharia, wie Wikipedia berichtet. Im selben Jahr äußerte er sich gegen einen Beitritt der Türkei in die EU, die er eine "Vereinigung der Christen" nannte, in der die Türken nichts zu suchen hätten.

Am Rande bemerkt: Offenbar war Erdogan auch schon in seiner Jugend Mitglied im militanten "Verein der Vorkämpfer" der Jugendorganisation der Natinalen Heilspartei (MSP) organisiert.

Haft wegen islamistischer Rede

Erdogan war also schon früh in seiner politischen Karriere auf den islamistischen Zug gesprungen, was dem damaligen Oberbürgermeister auch im April 1998 eine zehnmonatige Haftstrafe und ein lebenslanges Politikverbot einbrachte, das, wie die Geschichte beweist, nicht umgesetzt werden konnte. Das Gericht warf ihm damals "Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionalen Unterschieden" vor. 

Anlass war Erdogans Rede in der ostanatolischen Stadt Siirt. Dort zitierte er aus einem islamistischen Gedicht: "Die Demokratie ist nur der Zug, auf den wir aufsteigen, bis wir am Ziel sind. Die Moscheen sind unsere Kasernen, die Minarette unsere Bajonette, die Kuppeln unsere Helme und die Gläubigen unsere Soldaten."

Der Schwur des Präsidenten

Das ist schon lange her. Doch der Amtseid zum Präsidenten liegt keine zwei Jahre zurück, wonach sich Erdogan mit seiner "Ehre und Würde" für seine Verbundenheit mit der "Demokratie, den Prinzipien und Reformen Atatürks sowie dem Prinzip der laizistischen Republik" verbürgt. 

Ende April 2016 forderte der Parlamentspräsident Ismail Kahraman (AKP): "Wir sind ein muslimisches Land. Als Konsequenz müssen wir eine religiöse Verfassung haben."

Damit würden zum einen die Demokratie und zum anderen die Trennung von Staat und Religion (Laizität) außer Kraft gesetzt und damit auch die "Prinzipien und Reformen Atatürks".

Atatürk, der Reformer

Mustafa Kemal Atatürk, türkischer Militärstratege und Politiker, führte einst die Trennung von Religion und Staat in der Türkei ein. Er war Begründer und bis zu seinem Tod erste Präsident der Republik Türkei (1923-1938). Den Namenszusatz "Atatürk" bekam er 1934 aus Ehrerbietung vom türkischen Parlament verliehen. Er bedeutet: Vater der Türken.

Atatürk drängte den Islam aus den Machtbereichen zurück. Er schränkte die Macht der Imame ein und erließ ein Kopftuchverbot an Schulen und Universitäten, wie die "Welt" 2014 in einem Artikel über den großen nationalen Führer der Türkei schrieb.

Im Zuge der Modernisierung wurde die zuvor am Koran orientierte Rechtssprechung durch westliche Wertevorstellungen ersetzt. Wie Wikipedia schreibt, wurde dazu das Schweizer Zivilrecht mit nur unbedeutenden Anpassungen übernommen. "Die Rechtsübernahme schloss auch das moderne Erbrecht und Familienrecht des Zivilgesetzbuches ein. Daneben wurden das deutsche Handelsrecht und das italienische Strafrecht übernommen", so das Online-Nachschlagewerk.

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"Bis 1928 wurde die osmanische Sprache nach islamischer Tradition in der arabischen Schrift notiert. Mustafa Kemal ließ diese durch das lateinische Alphabet ersetzen, das der vokalreichen türkischen Sprache besser entsprach", so Wikipedia weiter.

Atatürk ließ den Koran ins Türkische übersetzen. Er wollte, dass in den Moscheen auf Türkisch statt auf Arabisch gebetet werden sollte, was bis zu seinem Tod im November 1938 nicht erreicht werden konnte und danach auch nicht weiter aufgegriffen wurde.

1929 soll er in einem Interview mit dem deutsch-schweizerischen Schriftsteller Emil Ludwig zum Thema Religionen gesagt haben: "Sie wundern sich, dass die Moscheen sich so schnell leeren, obwohl sie niemand schließt? Der Türke war von Hause aus kein Muslim, die Hirten kennen nur die Sonne, Wolken und Sterne; das verstehen die Bauern auf der ganzen Erde gleich, denn die Ernte hängt vom Wetter ab. Der Türke verehrt nichts als die Natur. […] Ich lasse jetzt auch den Koran zum ersten Mal auf Türkisch erscheinen, ferner ein Leben Muhammads übersetzen. Das Volk soll wissen, dass überall ziemlich das Gleiche steht und dass es den Pfaffen nur darauf ankommt zu essen."

Déjà-vu europe

In einem Artikel vom Juni 2008 berichtete die "Welt" davon, dass die AKP zunehmend pro-westliche Türken unter Druck setze und immer mehr Koranschulen entstünden.

Das Blatt beschrieb die damalige Stimmung in der Türkei so, als wenn es die Ängste und Sorgen vieler Europäer von heute beschriebe:

"Für die Menschen hier ist in den Jahren der AKP-Herrschaft eine erstickende muslimische Gesellschafts-Matrix entstanden, aus der kaum ein Entkommen ist, es sei denn, man verlässt die Stadt." (sm)

Siehe auch:

Kampf in der türkischen Machtzentrale: Erdogan gegen Davutoglu

Türkei: AKP-Parlamentschef will islamische Verfassung – Atatürks Erbe in Gefahr?