„Fall Skripal“ auch in Deutschland? Russischer Geheimdienst hinter Auftragsmord in Berlin vermutet

Von 27. September 2019 Aktualisiert: 28. September 2019 10:14
Am 23. August wurde der aus Tschetschenien stammende georgische Staatsbürger Selimkhan Khangoschwili im Kleinen Tiergarten in Berlin erschossen. Er fungierte einst als Vertrauter des Premierministers der abtrünnigen Republik Ischkeria, Aslan Maschadow. Ein Tatverdächtiger mit russischem Pass wurde festgenommen. Dessen Vita soll jedoch gefälscht sein – in einer Weise, die auf staatliches Handeln hinweist.

Vor etwas mehr als einem Jahr hatte der Mordanschlag auf den früheren Doppelagenten Sergej Skripal und dessen Tochter Julia im englischen Salisbury eine tiefe diplomatische Krise zwischen Großbritannien und der Russischen Föderation ausgelöst. Mutmaßlich aus Russland eingereiste Täter hatten versucht, Skripal mit einem Nervengift zu töten, mit dem auch dessen Tochter und Wochen später die unbeteiligte britische Bürgerin Dawn Sturgess in Berührung kamen.

Die Skripals überlebten den Anschlag knapp, Sturgess nicht. Offizielle Ermittlungen sowie private Investigativrecherchen bekannter Dienste wie „Bellingcat“ förderten Anhaltspunkte für eine Auftragstat des russischen Militärnachrichtendienstes GRU zutage.

Nun will Bellingcat zusammen mit Recherchepartnern des Londoner „Dossier Centers“ sowie des „Spiegel“ und der Plattform „The Insider“ auch im Zusammenhang mit den tödlichen Schüssen auf den georgischen Staatsbürger Selimkhan Khangoschwili am 23. August in Berlin eine solche Spur ausgemacht haben.

In mehreren Kriegen gegen Russland gekämpft

Tatsächlich hätte die Russische Föderation ein starkes Motiv, Khangoschwili zur Rechenschaft zu ziehen. Der georgische Staatsangehörige mit tschetschenischen Wurzeln hat gleich zweimal als militärischer Offizier gegen die russische Armee gekämpft – während des zweiten Tschetschenienkrieges ab 1999 aufseiten der abtrünnigen „Tschetschenischen Republik Ischkeria“, 2008 im Russisch-Georgischen Krieg. Anschließend war er als Informant unter anderem für Geheimdienste Georgiens und der Ukraine tätig.

Zudem galt Khangoschwili als enger Vertrauter des „Premierministers“ von „Ischkeria“, Aslan Maschadow. Nachdem im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion Separatisten versucht hatten, Tschetschenien mit Waffengewalt aus dem russischen Staatsverband zu lösen und Präsident Boris Jelzin in einem Friedensvertrag die Bildung der Republik gebilligt hatte, ließ Maschadow sich dort zum Präsidenten wählen.

Es gelang ihm jedoch nicht, zu verhindern, dass „Ischkeria“ immer stärker unter den Einfluss von Mafiabanden, Warlords und radikal-islamischen Terroristen fiel. Als sich Anschläge tschetschenischer Terroristen von „Ischkeria“ aus auf Dagestan und in russische Städte auszubreiten begannen und Maschadow die Scharia auch als staatliche Gesetzgebung einführte, erklärte der damalige Premierminister Wladimir Putin am 1. Oktober 1999 die „Tschetschenische Republik Ischkeria“ für illegitim.

Fehlende Daten und falsche Fährten

Am 23. August wurde Khangoschwili in Berlin von einem Motorrad aus mit einer Waffe des Typs Glock 26 erschossen. Anschließend wurden Waffe und Bike in der Spree versenkt. Die Polizei kam jedoch bald auf die Spur eines 49-jährigen Mannes mit einem russischen Pass, der auf den Namen „Wadim Sokolow“ lautet.

Schon bald eruierten Bellingcat und ihre Recherchepartner jedoch, dass im russischen Reisepasssystem kein Dokument gespeichert war, das auf diesen Namen und die dazugehörigen Pflichtangaben lauten würde. Das Visum, mithilfe dessen der Tatverdächtige in den Schengen-Raum einreisen konnte, hatte er bei der französischen Botschaft beantragt. An der Adresse, die er dort angegeben hatte, fand sich jedoch kein Hinweis auf einen „Wadim Sokolow“ – oder darauf, dass sich jemals eine Person dieses Namens dort aufgehalten hätte.

Während ein anonymer Tippgeber offenbar versuchte, sowohl das deutsche Bundesamt für Verfassungsschutz als auch Bellingcat durch einen Hinweis, der sich als nicht stichhaltig erwies, auf eine falsche Fährte zu führen, nutzte der Rechercheverbund offenbar bestehende Kontakte in staatliche Behörden der Russischen Föderation, um mehr an Erkenntnissen hinsichtlich des vermeintlichen „Wadim Sokolow“ zu erlangen.

Dass, wie der „Spiegel“ schreibt, sein Reisepass „von einer Abteilung des russischen Innenministeriums ausgestellt, die in der Vergangenheit auch Pässe für Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU ausgestellt hatte“, sagt für sich allein noch nicht viel aus. Allerdings seien die Investigativdienste auf Anhaltspunkte gestoßen, wonach die Identität des „Sokolow“ erst in den Monaten vor den tödlichen Schüssen in Berlin mit hohem Aufwand „konstruiert“ worden wäre.

Viele Zufälle kommen zusammen

Wie im Fall der mutmaßlichen Skripal-Attentäter unterliegen auch die Personalien zu „Sokolow“ in der aktuellen Datenbank für nationale russische Ausweispapiere einem Sperrvermerk, mit der Folge, dass Daten dazu nur autorisierten Personen auf begründete Anforderung ausgefolgt werden. Auch dafür kann es unterschiedliche Gründe geben, etwa, dass es sich um eine Person handelt, die sich in einem Zeugenschutzprogramm befindet.

Allerdings ist das angeblich 2015 ausgestellte Ausweisdokument von „Sokolow“ auch in früheren Offline-Versionen der entsprechenden Datenbanken nicht auffindbar. Stattdessen geht aus den Daten der russischen Steuerdatenbank hervor, dass „Sokolow“ erstmalig mit 16. Juni 2019, also vor wenigen Monaten, registriert worden ist. Üblicherweise werden russische Staatsbürger jedoch dort mit dem Antritt ihrer ersten Arbeitsstelle registriert – was regelmäßig deutlich vor dem 50. Lebensjahr der Fall ist.

Auch seine Steuernummer wurde ihm erst am 23. Juli 2019 zugeteilt, sechs Tage, nachdem er ein Visum für den Schengen-Raum bei der französischen Botschaft beantragt hatte. Offenbar wurden die Daten ausschließlich zu dem Zweck angelegt, ein Einreisevisum in den Schengen-Raum zu erhalten.

Ein Bericht der „New York Times“, bei „Sokolow“ handele es sich um einen verurteilten Mörder namens Wladimir Andrejewitsch Stepanow, konnte hingegen nicht verifiziert werden. Ein forensischer Fotoabgleich mit Bildern, die Bellingcat vorlagen, ergab keine Übereinstimmung. Zudem soll Stepanow nach wie vor in Haft sitzen.

Diplomatische Verwerfungen wenig wahrscheinlich

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In deutschsprachigen russischen Auslandsmedien herrscht beredtes Schweigen über den Verdacht des Auftragsmordes in Berlin. In staatlichen Sendern wie „Rossija 24“ wittert man – so eine Auswertung der DW – hinter den Berichten eine Verschwörung der USA oder antirussischer Kräfte in Europa selbst, die über einen inszenierten Vorfall in Deutschland versuchen, das Projekt „Nord Stream 2“ zu unterminieren.

Dagegen spricht aber zum einen, dass es bereits mehrere Fälle gegeben hatte, in denen nachweislich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit separatistische oder islamistische tschetschenische Rebellenführer oder Akteure von russischen Agenten im Ausland liquidiert wurden. Schauplätze solcher Vorfälle sollen die Ukraine, die Türkei, Österreich, Dubai oder Katar gewesen sein.

Zudem ist das Risiko, dass der Vorfall in Deutschland ein Echo ähnlich jenem nach dem Skripal-Anschlag oder gar ernsthafte diplomatische Verwicklungen auslösen könnte, gering. Ein Racheakt an einem seit mehr als zehn Jahren inaktiven Doppelagenten, der in Russland bereits im Gefängnis gesessen hatte und über einen Austausch freigekommen war, hat ein deutliches höheres öffentliches Empörungspotenzial als die extralegale Hinrichtung eines früheren Rebellenkommandanten, der zudem unter Islamismusverdacht steht. Zudem gab es anders im Fall Skripal keine Kollateralschäden an Unbeteiligten.

Außerdem ist Deutschland infolge seiner radikalen Klimapolitik stärker denn je von Energieimporten abhängig, wobei vor allem Russland eine wichtige Rolle spielt. Dies ist auch eine Erklärung für die in den vergangenen Monaten deutlich weniger aggressive Tonlage gegenüber dem Kreml in Politik und Medien – und auch für die Sonnenscheinpolitik gegenüber dem Iran, der ebenfalls eine wichtige Rolle in der Versorgung Deutschlands und der EU mit Energie spielen kann. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass die Sanktionspolitik der USA die entsprechenden Pläne nicht durchkreuzt.