St. Moritz: Im Tal der Milliardäre

Von 29. Dezember 2008 Aktualisiert: 29. Dezember 2008 0:35
In St. Moritz, dem Treffpunkt des internationalen Jet-Sets, hält eine neue Generation der Superreichen Einzug.

Im Segantini-Museum des mondänen schweizer Skiortes St. Moritz im Engadin hat der Ort seine rätoromanische Ursprünglichkeit bewahrt. Die Gemälde aus dem letzten Jahrhundert zeigen den arbeitsreichen Alltag der Bewohner mit ihren Behausungen aus Holz und Feldsteinen in der schönen und rauen alpinen Umgebung. Mit den Engländern kamen im Jahre 1864 die ersten Ausländer in das 1856 Meter hohe St. Moritz und erfanden das Ski-Fahren. Seither veränderte der Ort nicht nur sein Gesicht, sondern auch seine Bewohner und Wertigkeiten. Große Hotels wurden erbaut, begüterte Erholungssuchende aus der ganzen Welt entdeckten St. Moritz als neuen Rückzugsort für sich. Dem Geldadel, Großstadt-Dandys, reichen Witwen, dem internationalen Jet-Set und der feinen Gesellschaft wurde eine neue Bühne geboten. Die Grundstückspreise explodierten, das einst idyllische Bergdorf mutierte zu einem Luxusrefugium mit Shoppingmalls, in dem es dem Gast an nichts mangeln sollte. Umliegende Kliniken bieten nun auch plastische Chirurgie an.

Internationale Events, wie das „White Turf“, ein Pferderennen auf dem zugefrorenen glasklaren St. Moritzersee, die „Golf Cup Week“, „The Match Races“, als jährliches Segelevent, Polo, Kunst- und Gourmet- Festivals locken Stars und Sternchen wie Liz Hurley, Claudia Schiffer und Uschi Glas in eine Glamourwelt, welche die ursprünglichen Einwohner der Gründerzeit schon vor Generationen verdrängt hat. Hotelprospekte werden vornehmlich in Englisch gehalten. Rätoromanisch, die Sprache der Ureinwohner, ein Gemisch zwischen Schweizerisch und Italienisch, spricht hier niemand mehr.

Badrutts Palace Hotel, erstes Haus am Platz. (Thilo Gehrke)
Badrutts Palace Hotel, erstes Haus am Platz. (Thilo Gehrke)

China, Indien, „double income, no kids“ als neue Zielgruppe

Seit wenigen Jahren zeichnet sich jedoch eine neue Richtung in dem 5.500 Einwohner zählenden Luxus Boom-Ort ab. Reiche Russen, Araber und Inder kaufen sich im Nobelort Villen und Suiten und zahlen so gut wie jeden Preis. Das altehrwürdige Carlton Hotel wurde vor zwei Jahren vollständig entkernt und mit großräumigen Luxussuiten ausgestattet, da Araber meist mit Ihrer ganzen Großfamilie anreisen. Unlängst wurden sogar Kamele auf dem winterlichen St. Moritzersee gesichtet, ein Geburtstagsgeschenk des Sultans von Brunei an seine Tochter.

„Die Einheimischen werden verdrängt und können sich die Preise nicht leisten. Araber und Russen kaufen den halben Berg auf. St. Moritz ist nur noch eine Fassade.“ beschreibt Verena Zimmermann von der Redaktion des Bündener Tageblatts die Situation und berichtet von einer Gegenbewegung der Einwohner, die eine Kaufbeschränkung für Ausläner fordert. Ein namenhaftes Traditionshotel gab den Beschwerden der langjährigen Stammgäste über ungehobelte neureiche Russen im Haus nach und konzentriert sich nun wieder auf das wohlhabende Stammpublikum.

„Japan, China und Indien sind unsere Zukunftsmärkte“, sagt Hanspeter Danuser. Der Wahl – St. Moritzer (Danuser: “Gute Leute werden von Auswärts eingekauft!“) war 30 Jahre Kurdirektor und wirbt heute im Ausland auf Luxusmessen in Dubai, Abu Dhabi, Moskau, Las Vergas und Cannes für den Ort. Das touristische Hochpreissegment, das mit 4.500 Arbeitsplätzen jährlich 15 Millionen Euro Reingewinn erwirtschaftet, umwirbt derweil auch Singles und kinderlose Paare (sogenannte „dinks“: „double income, no kids”). Sollte durch die Klimaerwärmung im Winter einmal der Schnee ausbleiben, fahren schwere Kettenfahrzeuge mit Schneekanonen auf die Pisten, beruhigt Ariane Ehrat von der Agentur “Engadin – St. Moritz Tourismus”. Flora, Fauna und die dort lebenden Murmeltiere, die sich zum Winterschlaf in ihre unterirdischen Höhlen unter der Grassnarbe zurück gezogen haben, werden es ihnen danken.

Die seit Jahren geschlossene Schwimmhalle, niemand kommt für deren Sanierung auf, obwohl St. Moritz 15 Millionen Euro Reingewinn im Jahr einfährt. (Thilo Gehrke)
Die seit Jahren geschlossene Schwimmhalle, niemand kommt für deren Sanierung auf, obwohl St. Moritz 15 Millionen Euro Reingewinn im Jahr einfährt. (Thilo Gehrke)

Die Sucht nach Konsum als „Ersatzbefriedigung der Superreichen“

„Eine große Zahl dieser fantastisch reichen Menschen kauft Yachten mit Helikoptern und künstlichen Wasserfällen an Bord und lädt Popstars als Partymusikanten ein. Sie lassen sich eine Handvoll Uhren beim Edeljuwelier in St. Moritz einpacken und vergessen die Tüten später im Hotelzimmer“, schreibt „Die Zeit“ im September diesen Jahres.

„Die Fiktion ist ja: durch den Reichtum kann ich mir jeden Wunsch erfüllen, aber die Erfüllung ist der Tod jeden Wunsches.“ sagt der Kölner Psychologe und Sozialforscher Stefan Grünewald in diesem Kontext. So werde die Sucht nach immer neuen Konsumerlebnissen für nicht wenige zur Ersatzhandlung, zur Jagd nach Leben, zur Mission, „das zu finden, was ihn einmal gepackt hatte.“

Blaues Wasser in fast 2.000 Metern Höhe: St. Moritzersee. (Thilo Gehrke)
Blaues Wasser in fast 2.000 Metern Höhe: St. Moritzersee. (Thilo Gehrke)

Konkurrent Dubai – Der Ort des Gigantismus „an dem alle glücklich sind“

In der Heimat der Arabischen Gäste, die bevorzugt im Sommer kommen, um die Kühle der schweizer Alpen zu geniessen, werden in wenigen Jahren die Ölqellen versiegen. Für die Zeit danach gilt es bereits heute vorzusorgen.

In der trostlosen und lebensfeindlichen Wüstenlandschaft der Arabischen Emirate baut Dubai im atemberaubenden Tempo mit Petrodollars einen touristischen Luxuskonkurrenten auf, der mit dem höchsten 7-Sterne Hotel der Welt, künstlichen Inseln und einer gigantischen Ski-Halle bei über 50 Grad Außentemperatur weltweit einmalig sein möchte.

In der Las Vegas ähnlichen „City of Wonders“ wird es bald einen Eiffelturm, Pyramiden und ein Taj Mahal geben. „Besser als die Originale“, schwelgt Scheich Mohammed, Herrscher des Emirats Dubai am persischen Golf, das auch Entwicklungshilfe in Ländern der 3. Welt mit der Errichtung von „Arabic Colleges“ (Koranschulen) leistet.

Spielzeuge der Reichen. (Thilo Gehrke)
Spielzeuge der Reichen. (Thilo Gehrke)

Gigantisch ist aber auch die soziale Kluft zwischen den einheimischen Arabern, die sich in klimatisierten Luxusboliden auf den breiten Prachtstraßen in die Shoppingmalls bewegen und den Gastarbeitern aus Pakistan, Bangladesh und den Philippinen, welche die Errichtung dieser Scheinwelt mit ihrer Gesundheit bezahlen. Die moslemischen Glaubensbrüder schuften rund um die Uhr, doch der Verdienst von 175 US-Dollar im Monat reicht kaum zum Leben, denn oftmals wird der Lohn von Einheimischen Subunternehmern für Massenunterkunft und karge Verpflegung geschmälert.

Ihre Arbeitsbedingungen seien unmenschlich, erkennt die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch: Hunderte seien auf den Baustellen schon umgekommen. Scheich Mohammed verspricht:“Wir arbeiten Tag und Nacht daran, unser Land zu verbessern. Wir wollen, dass Dubai ein Ort ist, an dem alle glücklich sind.“

Infos im Internet:

www.engadin.stmoritz.ch
www.youthhostel.ch/st.moritz ab 32€ pro Nacht und Person.

 

Thilo GehrkeThilo Gehrke

Thilo Gehrke (41) ist Journalist für Wirtschafts-, Sozial- und Sicherheitspolitik, Autor und Fotograf in Hamburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr. Er hat die Deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet.

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