Totgesagte leben länger: Europas Christentum erlebt neue Impulse

Von 25. September 2018 Aktualisiert: 25. September 2018 17:20
Nach Aufklärung, totalitären Ideologien und dem Siegeszug des Wohlfahrtsstaates galt die christliche Religion in Europa als Auslaufmodell. Blutleere und politisierte Amtskirchen verlieren weiter an Boden. Dennoch zeigen neue Bewegungen, dass die Nachrufe auf Europas Christentum verfrüht gewesen sein könnten.

Der Konsens reichte bis hinein in die religiösen Gemeinschaften selbst: Mitte der ersten 2000er Jahre galt der Kern des einstigen christlichen Abendlandes, Europa, als verlorener Kontinent, als geistige Wüste, die nur noch darauf warten würde, mit sinkenden Geburtenraten, selbstgerechten Politikern und korrupten Kirchenfürsten den Weg alles Irdischen zu gehen.

Gleichzeitig würde der Islam auch auf dem alten Kontinent früher oder später zur führenden Religion aufsteigen – was im bestmöglichen Fall mit einer hinreichenden Akkulturation der meisten Einwanderer aus muslimischen Ländern, im schlimmsten Fall in libanesischen Verhältnissen enden würde.

Einzelne Anzeichen eines religiösen Aufbäumens des Christentums hatte es zwar gegeben: Der bewegende öffentliche Abschied von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2005, die Amtszeit seines Nachfolgers Benedikt XVI. mit einem gelungenen Weltjugendtag, der Regensburger Rede und einer denkwürdigen Ansprache im Bundestag hatten sogar in Deutschland ein neues Selbstbewusstsein unter traditionellen Katholiken zur Folge.

Polen und Ungarn stützten ihren politischen Widerstand gegen Gesellschaftsexperimente aus Brüssel nicht zuletzt auf ihr Selbstverständnis als christliche Nationen. Das gestiegene Selbstbewusstsein des evangelikalen Christentums in dem USA seit der Wiederwahl von George W. Bush zum Präsidenten 2004 weckte in modifizierter Form auch in unseren Breiten das Interesse an solcherart Erweckungsbewegungen. Dass sich empörungsschwangere Berichte über freikirchliche Umtriebe in Hochburgen wie Baden-Württemberg oder Hessen in öffentlich-rechtlichen Politmagazinen häuften, war ein Zeichen dafür, dass der Zustrom an Nachwuchs zu diesen Gemeinschaften durchaus im Steigen begriffen war.

Gegenbewegung unterhalb der Grasnarbe

Insgesamt aber war von einer christlichen Aufbruchsstimmung zumindest in Deutschland wenig zu spüren. Dass sich die kirchensteuerfinanzierten sogenannten Volkskirchen lieber zu TTIP, zu offenen Grenzen oder zum „Klimaschutz“ äußerten als zu den vielzitierten Ersten Dingen oder letzten Fragen des Lebens, hatte daran einen nicht unerheblichen Anteil.

Kürzlich ließ jedoch das orthodoxe Portal „Russian Faith“ aufhorchen, indem es einen Artikel übernahm, der vor einigen Monaten erstmals im US-amerikanischen „Federalist“ erschienen war. Zwar wäre es demnach verfrüht, über eine etwaige Wiedergeburt des Christentums inmitten eines über die Jahrzehnte hinweg immer regloser im säkularen Humanismus erstarrten Europas zu spekulieren. Dennoch sieht der in Deutschland lebende US-amerikanische Publizist John D. Martin aber zumindest Anzeichen dafür, dass die Vorhersagen über den Tod des christlichen Glaubens in Europa übertrieben gewesen sein könnten.

Martin trägt in seinem Beitrag Anhaltspunkte aus mehreren Ecken des Kontinents zusammen, die zunehmende Anzeichen für eine reale und nachhaltige Wiederbelebung des christlichen Glaubens in Europa erkennen lassen – die wohlweislich nicht Gegenstand der Berichterstattung in der europäischen Mainstreampresse selbst sind.

In der US-amerikanischen Publikation „First Things“ befasst sich beispielsweise Filip Mazurczak mit einer wachsenden Anzahl an Menschen, die sich in Spanien wieder zur Katholischen Kirche bekennen und die Gottesdienste besuchen.

Vollere Kirchen und mehr Priesterweihen in Frankreich und Spanien

So sei der Anteil der spanischen Messbesucher dem Zentrum für soziologische Untersuchungen (CIS) zufolge bereits von 2011 auf 2012 von 12,1 auf 15 Prozent angewachsen, ein Jahr später war die absolute Zahl im weitere 23 Prozent angestiegen und zwischen 2007 und 2013 wuchs die Zahl der Kirchenbeitragszahler von acht auf neun Millionen.

In Osteuropa, wo noch in der Generation der kommunistische Totalitarismus die Religion auf noch brachialere Art und Weise bekämpft hat als der kulturelle Marxismus im Westen, erleben je nach historischer Prägung Katholizismus, Protestantismus oder die Orthodoxie einen neuen Aufschwung.

Selbst in Frankreich, der Wiege des militanten Säkularismus Westeuropas und am Schauplatz des ersten Massenmordes an Priestern, Nonnen, Mönchen und Bauern im Namen der „Aufklärung“, beginnen sich Kirchen wieder zu füllen – sogar in der Hauptstadt Paris, wo man vor gar nicht so langer Zeit noch darüber diskutiert hatte, an wen man die nicht mehr genutzten Kirchen denn verkaufen solle.

Zudem sind auch in Frankreich wieder mehr an Priester- und Ordensberufungen zu verzeichnen, wobei die Mehrzahl nicht einem angepassten Zeitgeistchristentum, sondern konservativen und traditionellen Denkschulen zuzurechnen ist. In der französischsprachigen Schweiz, so John D. Martin, sei mit dem Evangelikalen Jean-Luc Trachsel einer der dynamischsten Erweckungsprediger in Europa unterwegs, der regelmäßig hunderte Menschen dazu bewegt, im Rahmen seiner Veranstaltungen „ihr Leben Jesus [zu] übergeben“.

Massenevents mit evangelikalen Predigern wie ihm, dem Neuseeländer Ben Fitzgerald, dem alten Haudegen Reinhard Bonnke oder dessen designiertem Nachfolger Daniel Kolenda, wie man sie bislang vor allem aus den USA oder Fernsehkanälen wie God TV kennt, finden zunehmend auch in europäischen Städten statt. Auch bisherige Hochburgen der Areligiosität bleiben nicht ausgespart. Schauplätze von Events unter dem Motto „Awakening Europe“ waren in den letzten Jahren unter anderem Nürnberg, Riga und Stockholm. In Prag bekannten mehr 1000 Menschen im Rahmen einer solchen Veranstaltung ihren Glauben an Jesus Christus.

In Osteuropa forciert der Staat die Rechristianisierung

Die Strategien sind dabei unterschiedlich. Die Orthodoxie in Russland kann auf das Wohlwollen des Staates bauen, der die sozial stabilisierende Funktion und das Engagement der Kirchen für die Gemeinschaften erkennt. Während der russische Staat jedoch demonstrativ die traditionellen Erscheinungs- und Organisationsformen der Weltreligionen im eigenen Land stärkt, geht er massiv gegen nicht etablierte Gemeinschaften vor – die Zeugen Jehovas wurden verboten, evangelikalen Gemeinden wurde durch eine Verschärfung des Antiterrorgesetzes die Straßenmission verunmöglicht und auch die Katholische Kirche klagt darüber, keine Chancengleichheit vorzufinden.

In Polen oder Ukraine stützt und privilegiert der Staat ebenfalls jene religiösen Organisationsformen, die traditionell das Rückgrat der Gemeinschaften gebildet haben – das ist vor allem die Katholische Kirche, in der Ostukraine versucht der staatsloyale Teil der Orthodoxie, diese unter dem Eindruck der politischen Verwerfungen von der russischen zu lösen.

In Westeuropa hingegen sind es eher elitäre und klandestine Zirkel konservativer Katholiken, die notfalls parallel zur politisierten Amtskirche authentische Strukturen aufbauen. Im Protestantismus sind es evangelikale und charismatische Gemeinden, die auf offensive Straßenmission und auf Eventkultur setzen. Veranstaltungen wie die „Holy Spirit Nights“ in Stuttgart oder München oder die Allgäu Worship Nights ziehen regelmäßig tausende überwiegend junge Menschen an.

Charismatisches Auftreten und Eventkultur sind es entsprechend auch, die zu einem höheren Zuwachs an Mitgliedern unter protestantischen Gemeinden beitragen, die dem Bund Freikirchlicher Pfingstgemeinden zuzurechnen sind. Auch die im Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden organisierten Verbände, beispielsweise Baptisten, verzeichnen Zuwachs. Dieser vollzieht sich allerdings langsamer und ist nicht zuletzt durch Einwanderung aus osteuropäischen Staaten bedingt. Die autochthonen Gemeinden in diesem Bereich sind vielfach immer noch passiv und überaltert.

Eventkultur als nachhaltiger Weg zur Regeneration?

Inwieweit der Zuwachs an jungen Gläubigen in jenen Gemeinden, die diese über Events und Straßeneinsatz erreichen, auch qualitativ nachhaltig ist, wird sich zeigen. Party und Freizeitgestaltung im Kreise religiöser statt säkular gesinnter Gleichaltriger und die damit verbundene Schaffung einer neuen Wahrnehmung von Normalität ist das eine. Eine in die Tiefe gehende Glaubensüberzeugung und eine umfassende christliche Lebensführung sind demgegenüber wiederum ein weiterer Schritt, den möglicherweise nicht alle gehen werden. Außerdem stellt sich die Frage, inwieweit eine religiöse Identität, die eher durch Zufall auf dem Markt der Sinnstiftungen erworben wird, den Verlust an religiöser Tradition wettmachen kann, die in früherer Zeit von Generation zu Generation innerhalb der Familien weitergegeben wurde.

Gerhard Kehl von der „Jordan Stiftung“ in Augsburg spricht in Anbetracht seiner Beobachtungen aus den vorangegangenen Jahren von einem spirituellen Wandel in Europa hin zu einer Erneuerung und einem Wachstum in allen Bereichen des Christentums. Ob es am Ende eine Wiedererweckung geben wird ähnlich jener in den USA von 1905, ist ungewiss. Die totalitären Ideologien, die 68er Generation, der von diesen vorangetriebene Zusammenbruch gewachsener religiöser Milieus und eine sterile, politisch korrekte Pensée unique, die sich wie eine Käseglocke über den Kontinent gelegt hat, haben einen erheblichen Flurschaden bewirkt.

Zunehmend scheint es aber mehr Menschen zu dämmern: Das Vakuum, das ein spirituell verwaister Kontinent mit überalterter, kinderloser Bevölkerung hinterlässt, schafft am Ende nur freien Raum für einen Bevölkerungsaustausch zugunsten vollständig fremder Kulturen und für einen aggressiven, politischen Islam. Der säkulare Humanismus, der derzeit noch das moderne Europa dominiert, erweist sich gerade nicht als eine dauerhaft tragfähige Basis für ein funktionierendes Gemeinwesen.


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