Totgesagte leben länger: Strache-Partei könnte es auf Anhieb in den Nationalrat schaffen

Von 7. Oktober 2019 Aktualisiert: 7. Oktober 2019 22:35
Die rigide Abgrenzung der FPÖ-Führung vom langjährigen Parteichef Heinz-Christian Strache und der Versuch, dessen Frau Philippa den Parlamentseinzug zu vereiteln, könnten sich kontraproduktiv auf die Partei auswirken. Einer Umfrage von „Unique Research“ für „Heute“ zufolge hätte eine eigene Partei Straches ein Potenzial von 16 Prozent, fünf Prozent würden sie sogar sicher wählen.

Während die FPÖ-Führung versucht, durch die in der Vorwoche ausgesprochene Suspendierung der Mitgliedsrechte des langjährigen Parteichefs Heinz-Christian Strache und die Ausschöpfung im Wahlrecht verankerter Optionen zur Verhinderung des Einzugs von dessen Ehefrau Philippa Strache in den Nationalrat den langen Schatten der „Ibiza-Affäre“ loszuwerden, kommt die Basis der Partei nicht zur Ruhe.

Rant von Gerald G. Grosz trifft einen Nerv

Am Sonntag (6.10.) hat sich der frühere BZÖ-Vorsitzende und nunmehrige Publizist Gerald G. Grosz mit einem Rant auf Facebook zu Wort gemeldet, in dem er scharfe Kritik an FPÖ-Politikern und Funktionären zum Ausdruck brachte, die nach der Wahlniederlage am 29. September Straches Ausschluss gefordert hatten.

Grosz nannte sie unter anderen „schwindsüchtige Blutsäufer, blau angepinselte Wasserhydranten, Speichellecker und Mastdarmakrobaten, die in unseren Städten ihre Schleimspur hinterlassen, HC gebrüllt haben und heute den Stab über ihren Mentor brechen“ – und prophezeite ihnen, dass sie auf diese Weise „keinen einzigen Wähler mehr gewinnen“ würden.

Die „charakterlosen Gaukler im feinen Tuch“, wie Grosz sie nannte, würden einzig Strache und dessen Einsatz ihre Mandate verdanken. Demgegenüber wären sie selbst „wertelose und wertlose Gestalten, ohne jeglichen Tiefgang und Intellekt, Karrieristen und Glücksritter“.

Viele an der FPÖ-Basis sehen Umgang mit Strache als unanständig

Den Kommentaren der aus dem FPÖ-Sympathisantenumfeld stammenden Leser zufolge hat Grosz damit ausgesprochen, was viele FPÖ-Wähler insgeheim heute noch denken. Sie sehen weniger in den Aussagen Straches im „Ibiza“-Video selbst einen Skandal, sondern darin, dass eine illegale Abhöraktion, die mit hohem Aufwand und geheimdienstlicher Präzision durchgeführt wurde, einen demokratisch legitimierten Vizekanzler zu Fall bringen konnte.

Auch was die jüngsten Spesenvorwürfe anbelangt, ist dieser Teil der Wählerschaft skeptisch: Zu nahe am Wahltermin seien diese hochgekocht worden, um einen realen Wahrheitsgehalt vermuten zu lassen, außerdem hätten die zuständigen Parteigremien den Regelungen für Aufwandsersatz und das Gehalt von Social-Media-Mitarbeiterin Philippa Strache zugestimmt. Dass die Parteiführung nun Strache gleichsam zur Unperson stempele, empfinden viele an der FPÖ-Basis als groben Undank.

Eine von der Zeitung „Heute“ in Auftrag gegebene Umfrage von Unique Research unter 503 wahlberechtigten Österreicher (max. Schwankungsbreite ±4,5 Prozent) hat nun ergeben, dass ein Viertel der FPÖ-Wählerschaft für den Fall der Gründung einer eigenen rechtskonservativen Partei durch Langzeitchef HC Strache diesem in jedem Fall die Treue halten würde. Ein weiteres Drittel hält es zumindest für möglich, eine solche Partei zu wählen.

Aus dem Stand ein Potenzial von 16 Prozent

Insgesamt würden fünf Prozent der Österreich der Umfrage zufolge „ganz sicher“ als wählbar betrachten, weitere elf Prozent würden ihm „möglicherweise“ die Stimme geben. Dies bedeutet aus dem Stand ein Wählerpotenzial von 16 Prozent – die FPÖ hat bei der Wahl im September ebenfalls 16 Prozent erzielt. Um in Österreich in den Nationalrat einziehen zu können, muss eine Partei entweder bundesweit vier Prozent der Stimmen erzielen oder ein Grundmandat in einem Regionalwahlkreis.

Für keinesfalls wählbar hielten 67 Prozent der Gesamtbevölkerung eine mögliche „Liste Strache“, von den FPÖ-Wählern aber nur 25 Prozent. Sollten sich die gegen Strache erhobenen Vorwürfe der Untreue oder unrechtmäßiger Spesenabrechnungen als unzutreffend herausstellen, könnte sich die Stimmung noch weiter zu seinen Gunsten verändern.

„Die Strahlkraft von Strache ist in der FP-Wählerschaft noch immer vorhanden. Die Stammwähler lassen sich offensichtlich durch kaum etwas vergraulen“, resümiert Meinungsforscher Peter Hajek. Bei den Nationalratswahlen hat die FPÖ 258 000 Stimmen an die ÖVP von Sebastian Kurz verloren, weitere 235 000 ihrer Wähler von 2017 sind zu Hause geblieben.

FPÖ könnte zerrieben werden

Sollte HC Strache in den Unmut an der FPÖ-Basis hinein ein neues politisches Projekt ins Leben rufen, würde dies vor allem den Freiheitlichen selbst schaden. Demgegenüber werden deren Chancen, bürgerliche Wähler vom charismatischen ÖVP-Chef Sebastian Kurz zurückzuholen, bis auf Weiteres als gering eingeschätzt – zumindest solange sich Kurz keine folgenschweren Fehler leistet. Perspektivisch könnte die FPÖ gar zwischen einer erstarkten ÖVP, die konservative Wähler wieder zu binden vermag, und einer „populistischen“ Strache-Partei zerrieben werden.

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