„Wir haben vollkommen unseren Sinn für Moral verloren“: Mann knipst im Selfiewahn Foto mit Unfallopfer

Epoch Times6. June 2018 Aktualisiert: 6. Juni 2018 22:26
"Maßlose Egopathie" - Während Rettungskräfte in Nord-Italien ein Unfallopfer versorgen, zückt ein Gaffer sein Handy und knipst ein Foto von sich und der Schwerverletzten mit dem Victory-Zeichen.

Piacenza, Italien – Am 26. Mai war die 83-jährige Kanadierin auf dem Weg nach Mailand mit dem Zug. Auf der Reise eingeschlafen, dachte sie, sie wäre schon an ihrem Zielort und packte schnell ihre Sachen um rechtzeitig auszusteigen. In Piacenza nahm sie die falsche Tür und wurde von einem vorbeifahrenden Zug erfasst.

Ein folgenschwerer Fehler – doch für Aufruhr sorgte nicht die Meldung über den Unfall selbst, sondern das was danach passierte. Wie italienische Medien berichten, knipste ein Passant ein Foto von sich und der im Gleisbett liegenden Verletzten mit dem Handy, als sie von der Rettung betreut wurde. Sie wurde bei dem Unfall so schwer verletzt, dass ihr Beim amputiert werden musste.

Giorgio Lambri, von der Lokalzeitung „La Libertà“ machte ein Foto von dem Passanten in weißen Bermudas und T-Shirt und alarmierte die Polizei. Diese forderte den jungen Mann auf, das Foto von seinem Smartphone zu löschen. Die Aufnahme des Reporters schaffte es jedoch auf die Titelseiten und brach eine hitzige Debatte über das hemmungslose Fotografieren von Gaffern vom Zaun.

Der Moderator Nicola Savino von Deejay-Radio erklärte seinen Zuhörern, die „menschliche Rasse sei dabei, sich selbst auszurotten“. Die Zeitung „La Stampa“ sprach in einem Kommentar von einem „Krebsgeschwür, das das Internet zersetzt“.

„Wir haben vollkommen unseren Sinn für Moral verloren“, sagte der Reporter Giorgio Lambri auf Facebook. In „La Libertà“ schrieb er über „die Barbarei, die man nicht erwartet“. Er zitierte Experten, die einen „schaurigen und irrealen Narzissmus“ unter Jugendlichen anprangern, einen Mangel an Empathie und eine „maßlose Egopathie“.

Rechtliche Folgen muss der Selfie-Knipser in Italien aber keine befürchten. In Deutschland gilt es als Straftat, bei Unglücksfällen vorsätzlich Einsatzkräfte zu behindern, die Hilfe leisten wollen. Darauf stehen nun Geldstrafen oder bis zu ein Jahr Haft. Auch hierzulande beklagen Rettungskräfte den zunehmenden Moralverfall von Gaffern.

(rm)

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