Zypern: Kalter Krieg im Mittelmeer

Von 16. Oktober 2009 Aktualisiert: 16. Oktober 2009 13:17
Nordzypern hat den Tourismus entdeckt und ist auf der Suche nach einer Zielgruppe.

Wenn im Sommer auf den einsamen Stränden der Halbinsel Karpaz auf Nordzypern die Meeresschildkröten ihre Eier ablegen und die Babys dann ihren Weg ins kristallklare Mittelmeer antreten, kommen sogar Touristen in das außer von der Türkei international geächtete Land Türkische Republik Nordzypern (TRC), um sich dieses Naturschauspiel anzusehen.

Denn hier scheint im Gegensatz zum griechischen Süden der Insel die Natur weniger verbaut, die Strände feinsandiger und deren Bewohner besonders offen und hilfsbereit.

Gleichwohl sind Infrastruktur und wirtschaftliche Entwicklung aus politischen Gründen in der TRC unterentwickelt, denn der Massentourismus hat bislang nur den griechischen Inselsüden, die offizielle Republik Zypern, die EU-Mitglied ist, fest im Griff. Wer jedoch befürchtet, der Armut und Unterentwicklung in den blassen Farben der DDR oder gar Nordkoreas zu begegnen, ist angenehm überrascht.

Zivilisatorischer Wohlstand in modernen Orten wie auf dem türkischen Festland lassen den schwelenden Konflikt zwischen den Volksgruppen auf der Insel weit entfernt erscheinen. Niederlassungen großer westlicher Firmen wie Coca-Cola oder Harley-Davidson sucht man hier aber vergebens. Mit politischen und wirtschaftlichen Sanktionen versucht die Republik Zypern und mit ihr die EU eine wirtschaftliche und touristische Entwicklung  zu verhindern. Dieses Potential, erklärt Reiseleiter Ahmed Özkaram vom Tourismusministerium den handverlesenen deutschen Journalisten einer Pressereise, hat die Regierung der TRC nun für sich entdeckt. Der neue Tourismusminister Ersan Saner will sich durch die anvisierte Zielgruppe der Vier-bis-Fünf-Sterne-Touristen mit kulturellem Anspruch gegen den proletarischen Massentourismus im griechischen Süden der Insel abheben. Die TRC halte archäologische Highlights und eine in weiten Teilen unberührte friedvolle Natur bereit.

Varosha, ein Stadtteil  Famagustas ist seit 35 Jahren durch die türkische Armee hermetisch abgeriegelt. Die Griechen bauten 1972 unzählige Hotelkomplexe mit über zehntausend Betten. Im Bürgerkrieg 1974 beschossen griechische Scharfschützen die türkischen Bewohner in Famagustas Altstadt aus den Hochhäusern. (Thilo Gehrke)
Varosha, ein Stadtteil Famagustas ist seit 35 Jahren durch die türkische Armee hermetisch abgeriegelt. Die Griechen bauten 1972 unzählige Hotelkomplexe mit über zehntausend Betten. Im Bürgerkrieg 1974 beschossen griechische Scharfschützen die türkischen Bewohner in Famagustas Altstadt aus den Hochhäusern. (Thilo Gehrke)

Der Kalte Krieg als Investitionshemmnis

Wenige Meter entfernt vom Tourismusministerium in der Inselhauptstadt Lefkosa (Nikosia, griech.) teilt eine waffenstarrende Demarkationslinie unter UN-Aufsicht die verfeindeten Volksgruppen der türkischen und griechischen Zyprioten im Nord- und Südteil der Insel. Spuren der schweren Gefechte sind auch heute noch in der Altstadt Lefkosas zu erkennen. Erinnerungen an den entvölkerten Grenzstreifen in der Bernauer Straße im Berlin der 70er Jahre werden wach.

Das Gespräch findet unter dem Portrait des nationalistischen Nordzyprischen Volksgruppenführers Rauf Denktasch statt. Obwohl dieser Todesstreifen seit 2008 auch für die Inselbewohner durchlässig wurde und gemäßigte Regierungen über die Abschaffung der Grenze verhandeln, ist ein Miteinander der Volksgruppen in weiter Ferne. Ressentiments aus der Zeit des Bürgerkrieges, Entfremdung, ungeklärte Eigentumsverhältnisse, sowie das weltweite Wirtschaftsembargo gegen die TRC spielen eine große Rolle. Zudem sprach sich unlängst die Mehrheit der griechischen Zyprioten gegen den Mauerfall aus.

(Wikipedia)
(Wikipedia)

„Schnelles Geld“ für Traditionen und Werte ?

In Girne, einer Hafenstadt mit romantischem Stadtkern ist erkennbar, was der Minister meint: wuchtige Wohn- und Hotelkomplexe mit englischen Pubs und Spielkasinos reihen sich aneinander.

Auf der Fahrt quer durchs Land sind große Rohbauten und Bauruinen mit russischen und englischsprachigen Werbeschildern zu sehen. Dann wird uns ein 5-Sterne-Golfplatz unter britischer Leitung präsentiert.

Reiseleiter Ahmed Özkaram zeigt uns voller Stolz sein neues Projekt: er hat auf dem Land ein verlassenes griechisches Gehöft liebevoll restauriert und bietet für naturbegeisterte Touristen, die Land und Leute kennen lernen wollen, geführte Wanderungen, Mountainbiking und Erholung fernab des Massentourismus an. Auch dieses Projekt wird vom Tourismusministerium gefördert.

Der Weg zum Strand führt indes vorbei an einem Feld mit Autowracks, der Strand ist verschmutzt und die Betreiber der Strandbar sitzen im Schatten und trinken Tee.

Nach welchem Konzept angesichts des Natur- und Individualtourismus, bei dem der Reisende ab 20 Euro pro Nacht bei nordzyprischen Familien auf dem Land nächtigen, regionaltypische Küche genießen, Käse und Brot herstellen lernen kann, vorgegangen wird, lässt sich nicht leicht erkennen.

Limassol im griechischen Inselsüden, Republik Zypern. (Thilo Gehrke)
Limassol im griechischen Inselsüden, Republik Zypern. (Thilo Gehrke)

Fortschritte im Bildungssektor der TRC

Die idyllische Hafenstadt Famagusta an der Ostküste war vor der Teilung der Insel ein bedeutendes Handelszentrum. Heute wartet sie gleich mit zwei Besonderheiten auf, denn im Bildungssektor hat die TRC im Gegensatz zur Republik Zypern große Fortschritte vorzuweisen.

In der Eastern Mediterranean University studieren 16.000 Studenten aller Fachrichtungen aus der ganzen Welt in lockerer Atmosphäre, denn Professoren und Dozenten sind nur wenig älter als sie selbst.

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Die Hilfsbereitschaft und Offenheit der Studenten, von denen nicht wenige aus dem Iran und der Türkei kommen, ist überwältigend. Der deutsche Archäologe Professor Dr. Uwe Müller erforscht an der Uni die reichhaltigen Bodenfunde Nordzyperns. Er sagt: „Islamischen Fundamentalismus kennen wir hier nicht, westliche Strandkultur dominiert recht schnell. Zudem werden oftmals die Kinder westlich orientierter Eltern aus islamischen Ländern hergeschickt, damit sie dort nicht anecken.“

Einen weltweiten Anspruch auf Anerkennung der Studienabschlüsse der Universitäten Nordzyperns gibt es aufgrund der „Illegalität“ der TRC durch die fehlende internationale Anerkennung  jedoch nicht. So kämpft auch Professor Müller einen Kampf gegen Institutionen und politische Hemmnisse, denn Fördergelder für archäologische Forschungsprojekte und Ausgrabungen erhält die TRC nicht. Er betont: „Durch das Embargo wird die TRC nur näher an die Türkei gerückt, eigentlich will die EU aber das Gegenteil erreichen.“

Varosha, ein Stadtteil Famagustas ist seit 35 Jahren durch die Türkische Armee hermetisch abgeriegelt. Die Griechen bauten 1972 unzählige Hotelkomplexe mit über 10.000 Betten. Im Bürgerkrieg 1974 beschossen griechische Scharfschützen die türkischen Bewohner in Famagustas Altstadt aus den Hochhäusern.

Seit der türkischen Invasion 1974 setzt der Süden eine Rückgabe der verfallenen Geisterstadt als Bedingung für Verhandlungen über  die Beseitigung der Grenze voraus.

Wer von Larnaka , einer typischen südzypriotischen Touristenhochburg mit englischen Pubs und Hotelkomplexen über die Grenze nach Famagusta reisen will, hat mit dem Bus einen Umweg von 100 Kilometern über den Grenzübergang in der Hauptstadt zu machen. Ein Austausch der Volksgruppen und reisende Touristen scheint auch Heute politisch nicht erwünscht.“

Famagusta, christliche Kathedrale als Moschee. (Thilo Gehrke)
Famagusta, christliche Kathedrale als Moschee. (Thilo Gehrke)

„Everything on Cyprus is sensitive“

Als ich angesichts der langen Wege in der Universitäts Stadt vor den Toren Famagustas die junge Rektorin Dr. Ülfet Kotoglu nach Fahrrädern fragte, entgegnete sie mir erstaunt: „Fahrräder haben wir nicht, denn wir haben keine Fahrradwege.“

Nach einer Überprüfung meiner Person durch britische Militärpolizisten in einer Wohnsiedlung der britischen  Garnison in der Pufferzone wegen „Spionageverdachts“ beschrieben diese entschuldigend die Gesamtsituation auf der Mittelmeerinsel: „Everything on Cyprus is sensitive“.

Eine passende Zustandsbeschreibung in Bezug auf Innovation und politische Hemmnisse auf Zypern, dessen landschaftlich reizvoller Norden erhebliche touristische Entwicklungspotentiale hat.

Jedoch besteht hier die Gefahr, dass der Norden die Fehler des Südens der Überbauung unter Preisgabe der traditionellen kulturellen Werte für schnelles Geld  wiederholt.

Info:

Die Insel Zypern, griechisch Kypros (Κύπρος), türkisch Kıbrıs im östlichen Mittelmeer, wurde im Jahr 1960 vom Vereinigten Königreich in die Unabhängigkeit entlassen. Sie ist die drittgrößte Insel des Mittelmeeres und gehört geographisch zu Asien, wird politisch jedoch zu Europa gezählt.

Obwohl das Territorium der gesamten Insel – mit Ausnahme der beiden britischen Militärbasen (Akrotiri und Dekelia) – de jure Staatsgebiet der Republik Zypern ist, übt die Regierung seit der Invasion türkischer Truppen im Jahre 1974 de facto keine Hoheit über den Nordteil der Insel aus, der sich im Jahre 1983 zur – international überwiegend nicht anerkannten – Türkischen Republik Nordzypern proklamiert hat.

Zwischen dem Nord- und dem Südteil der Insel liegt eine Pufferzone, die von einer Friedenstruppe der Vereinten Nationen (United Nations Peacekeeping Force in Cyprus) verwaltet wird.

Weiterhin existieren auf der Insel zwei Basen des Vereinigten Königreichs. Die beiden Exklaven Akrotiri und Dekelia gehören völkerrechtlich zu diesem. Für das Vereinigte Königreich war die Möglichkeit zur nachhaltigen Nutzung der strategisch wichtigen Insel eine Vorbedingung für die Entlassung Zyperns in die Unabhängigkeit.

Die Republik Zypern ist seit dem 1. Mai 2004 Mitgliedsstaat der Europäischen Union (EU). Die EU bekräftigte den Herrschaftsanspruch der Republik Zypern über die gesamte Insel und sieht daher auch ganz Zypern als Teil des EU-Gebietes an; faktisch jedoch trat nach dem Scheitern des Referendums vom 24. April 2004 der türkisch besetzte Nordteil der Insel nicht der EU bei (siehe EU-Erweiterung 2004). (Wikipedia)