Mesut Özil.Foto: Stuart Franklin/Getty Images

Türkei testet Waffen in Bergkarabach: Özil solidarisch – Scharfe Kritik an der Rolle der Türkei

Von 15. Oktober 2020 Aktualisiert: 15. Oktober 2020 15:59
Mesut Özil hat sich in einer Erklärung auf Twitter im Konflikt um Bergkarabach mit Aserbaidschan solidarisiert. Unterdessen beschuldigt die „Jerusalem Post“ die Türkei, der Führung in Baku Rückendeckung zur Offensive in der armenisch besetzten Provinz gegeben zu haben.

Der langjährige DFB-Nationalspieler und nunmehrige Mittelfeldspieler von Arsenal London, Mesut Özil, hat sich auf Twitter zum wieder aufgeflammten Konflikt um die umstrittene Region Bergkarabach zu Wort gemeldet. Dabei hat er seine Solidarität für die Bemühungen der aserbaidschanischen Armee zum Ausdruck gebracht, die territoriale Integrität der früheren Sowjetrepublik wiederherzustellen.

Özil rief die Regierung Armeniens dazu auf, die Beschlusslage der Vereinten Nationen zu respektieren. „Für mich ist es wichtig, dass jeder in der Welt weiß, dass die Region Bergkarabach legal und international als Teil Aserbaidschans anerkannt ist, aber derzeit illegal besetzt ist“, gibt „TRT Deutsch“ Özils Nachricht wieder.

Er wies auf eine im März 2008 von der Generalversammlung der Vereinten Nationen beschlossene Resolution hin, in der die territoriale Integrität Aserbaidschans bekräftigt und der Abzug aller armenischen Streitkräfte gefordert wurde. Darüber hinaus rief er zu einer friedlichen Lösung des Konflikts auf: „Lasst uns Frieden schaffen und auf eine faire und gewaltfreie Zukunft hinarbeiten. Jeder Tod auf beiden Seiten ist ein Verlust für alle.“

Der türkischstämmige Özil, der den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan im Vorjahr in Istanbul als Trauzeuge zu seiner Hochzeit begrüßt hatte, warb um Verständnis für das Engagement der Regierung in Ankara für die Interessen Bakus. Zwischen dem mehrheitlich vom Turkvolk der Aseris bewohnten Aserbaidschan und der Türkei bestehen traditionell enge Verbindungen.

Bergkarabach – Armeniens Krim?

Nachdem die Russische Föderation am Freitag (9.10.) ihre Bereitschaft signalisiert hat, zu vermitteln, ist zwischen Aserbaidschan und Armenien tags darauf eine Waffenruhe in Kraft getreten. Bis dato erweist sich diese als brüchig. Im Zuge des Zerfalls der Sowjetunion war es in dem mehrheitlich von Armeniern bewohnten autonomen Gebiet der Aserbaidschanische SSR zunehmend zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Massakern an Zivilisten gekommen.

Seit 1994 sind weite Teile Bergkarabachs von armenischen Truppen besetzt. Die Ansprüche Armeniens auf Bergkarabach stützen sich auf die Darstellung, die Sowjetunion habe die Provinz aus willkürlichen Gründen Aserbaidschan angeschlossen, obwohl sie historisch stärkere Verbindungen zu Armenien aufweise. Die Argumentation weckt Reminiszenzen an jene des Kremls im Vorfeld der Abspaltung der Krim, die mehrheitlich von ethnischen Russen bewohnt wurde, 1953 aber durch den damaligen sowjetischen Staatschef Nikita Chruschtschow der Ukrainischen SSR zugewiesen wurde.

JPost: „Türkei hat syrische Milizen geschickt“

Derweil übte der Nahost-Kommentator Seth J. Frantzman in der „Jerusalem Post“ scharfe Kritik an der Rolle der Türkei im Zusammenhang mit den wiederaufgeflammten Kampfhandlungen in der Unruheprovinz. Frantzman wirft Ankara vor, die Regierung in Aserbaidschan zu einem militärischen Vorgehen animiert und zu diesem Zweck auch Angehörige protürkischer Milizen zur Verfügung gestellt zu haben, die zuvor auch in Syrien gekämpft hatten.

Zudem, so die JPost, hätte Ankara die Eskalation zum Anlass genommen, die von der türkischen Verteidigungsindustrie entwickelte Bayraktar-TB2-Drohne zu testen, die als bahnbrechende Entwicklung für die türkischen Streitkräfte gefeiert wird. Am 27. September waren die Kämpfe in Bergkarabach nach Jahren verhältnismäßiger Ruhe wieder aufgeflammt.

Verbindung der PKK zu armenischen Milizen?

Frantzman warf staatlichen türkischen Medien vor, Falschnachrichten zu verbreiten, wonach die terroristische PKK und deren syrischer Ableger, die „Volksverteidigungseinheiten“ (YPG), mit Billigung der armenischen Regierung Kämpfer nach Bergkarabach verlegt hätten, um dort armenische Milizen zu trainieren. Dies sei als ein Versuch zu werten, einen Casus Belli (Kriegsfall) für die Türkei zu konstruieren.

Der Narrativ, wonach es sich bei der PKK um eine von Armenien dirigierte Vereinigung handele, ist in nationalistischen Kreisen der Türkei weit verbreitet. Tatsächlich gab es bis in die 1990er Jahre hinein Verbindungen zwischen der großarmenischen Terrororganisation ASALA und der PKK, die in die 1980er zurückreichen und Rückendeckung durch die Sowjetunion und die PLO genossen.

Ab 1992 baute die PKK in der neu entstandenen Republik Armenien Strukturen auf – wobei Osman Öcalan, dem jüngeren Bruder des inhaftierten PKK-Führers Abdullah Öcalan, eine entscheidende Rolle zukam. Noch in einem Artikel der PKK-Zeitung „Serxwebûn“ im Jahre 2001 beschwor man in einem Artikel über einen verstorbenen armenischen Terroristen die Zusammengehörigkeit von Kurden und Armeniern als „zwei arische Völker, die zusammen in der gleichen Region leben und eine gemeinsame Kultur und Geschichte teilen“.

Frantzman: „Erstaunlich rasche Reaktion“ Ankaras

Die ASALA spielte allerdings ab Mitte der 1980er Jahre eine immer geringere Rolle, weil sie nach dem Anschlag auf den Flughafen von Orly 1983, bei dem acht Zivilisten starben, weitgehend ihren Rückhalt in der armenischen Diaspora verloren hatte.

Als Indiz für ein abgestimmtes Vorgehen zwischen der Türkei und Aserbaidschan im Vorfeld der nunmehrigen Eskalation betrachtet Frantzman auch den Umstand, dass es in der Zeit vom 29. Juli bis zum 5. August ein gemeinsames Manöver der türkischen und der aserbaidschanischen Armee gegeben hatte. Der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar hatte zudem am 13. August Baku besucht.

Am Tag des Ausbruchs der Kampfhandlungen hätte das türkische Außenministerium zudem bereits früh ein Statement veröffentlicht, in dem man Aserbaidschan seine Solidarität ausgesprochen und Unterstützung versichert hatte. Dies, so Frantzman, deute darauf hin, dass Ankara „entweder sehr schnell beim Veröffentlichen vorbereiteter Statements ist, Kämpfe erwartet hat oder sogar in die Koordination eingebunden war.“

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