Das Grauen am Meer

Von 6. März 2009 Aktualisiert: 6. März 2009 1:40
In den Abwrack-Zonen der Schiffsfriedhöfe von Südasien sind Arbeits- und Menschenrechte weitgehend unbekannt.

Das Arabische Meer, an dem die indische Millionenmetropole Bombay (Mumbai) liegt, hat sich für ein paar Stunden zurückgezogen. Bei Ebbe werden die Spuren der Schiffsfragmente, die von den Arbeitern per Hand von den ausgedienten Tankern, Frachtern und Luxusdampfern abgeschweißt und an Land gezogen werden, wie Narben im tiefen schmutzigen Schlick sichtbar.

Nach einem Tipp, den ich in dem futuristisch anmutenden Wolkenkratzerstadtteil Nariman Point der Finanzmetropole bekam, fuhr ich nur wenige Kilometer mit der Metro zu den „Bombay Wreckyards“ in den Stadtteil Mazagon, nördlich der Bombay-Docks. Ein Distrikt, in den sich nur selten ein Tourist verirrt.

Der Weg zum Meer führt hier durch verschlungene Gassen mit einem Gewirr von aufgetürmtem Schiffsinventar, Aggregaten, Rettungsbooten, Maschinenteilen und Winschen. Am ölverschmutzten Strand, auf dem bei Flut die ausgedienten Tanker, Frachter und Luxusdampfer auf Grund gesetzt werden, bietet sich mir ein Bild des Grauens: Gleich einem Straflager zerlegen hier hunderte Arbeiter bei tropischer Hitze mit bloßen Händen riesige Schiffe aus der ganzen Welt. Freiwillig würde sicher niemand diese Knochenarbeit machen aber die Armut zwingt diese Tagelöhner dazu und die Konkurrenz in den von Überbevölkerung gekennzeichneten südasiatischen Ländern ist groß. Allein in Bangladesch lebt 80 Prozent der Bevölkerung von weniger als einem Euro pro Tag.

Indiens Wirtschaft wächst auf Kosten der Armen

Die Bauarbeiter des Aufschwungs hausen in Bombay in aus Abfall gezimmerten Blechhütten neben ihren Arbeitsstellen. Der Regen wühlt die Erde auf, das Rinnsal dient als Kanalisation. Nicht weit entfernt stehen die Hochhäuser mit ihren Aufzügen aus Japan und Küchenausstattungen aus Mailand für die neue Elite: kein Land hat laut Forbes Top-Ten Liste mehr Dollar-Millionäre als Indien.

Der Uferbereich ist eine schwarze, zähflüssige, stinkende Masse aus Sand, Erde, abgelassenem Öl, Treibstoffen und Schrotteilen bis weit ins Meer. Das schwere Stahlseil auf den Schultern, watet eine Anzahl von Arbeitern ohne nennenswerte Arbeitsschutzausrüstung unter größter körperlicher Anspannung durch den knietiefen Schlamm. Sie verbinden eines der tonnenschweren abgetrennten Schiffsteile mit einer Seilwinde, um es an Land zu ziehen und dort für den Hochofen zu zerkleinern.

Im Takt eines Liedes sägen junge hagere Männer und sogar Kinder an einer großen Schiffsschraube. Der Bug eines bereits zerlegten Fischtrawlers liegt wie ein geschlachtetes Tier im seichten Wasser, die Arbeiter wirken im Vergleich zu den Schiffen klein wie Ameisen. Die meisten der ausgemusterten Schiffe sind voller Schadstoffe wie Asbest, Öl, giftiger Gase und Treibstoffe, teilweise sogar radioaktiv verseucht.

Eisenschrott, wohin das Auge reicht. (Thilo Gehrke)
Eisenschrott, wohin das Auge reicht. (Thilo Gehrke)

Von Hamburg ins Arabische Meer und die Bucht von Bengalen

Früher, als die Betriebszeit eines Schiffes, das mit Passagieren und Gütern auf den Weltmeeren verkehrte nach ca. 25 Jahren endete, wurden Schiffe einfach in den Tiefen des Ozeans versenkt. Seit den 1960er Jahren ist das verboten, der Stahl als Rohstoff lässt sich weiter verwenden. Die geplante Versenkung der ausgedienten Shell-Ölbohninsel Brent-Spar im Jahre 1995 und unlängst die medienwirksame Zurückschickung eines schadstoffverseuchten französischen Flugzeugträgers und des Luxusliners “Norway” von Indien, sensibilisierte zudem die Weltöffentlichkeit. Die Abwrackindustrie wanderte in die Länder mit den niedrigsten Lohnkosten ab und hat sich heute über Spanien, Türkei und Taiwan wegen der dort gestiegenen Löhne und Auflagen haupsächlich in Länder wie Indien und Bangladesch verlegt.

Der Prozess des Abwrackens beginnt bereits, wenn das ausgemusterte Schiff von seinem Zielhafen weit entfernt auf einen potentiellen Käufer wartet. Über London, Dubai, Singapur und Hamburg operierende Broker erfahren die Abwrack-Unternehmen, welche Reederei ausmustert und Schiffe zum Verkauf anbietet. Alle Schiffe werden aufgrund ihres Gewichts verkauft, jeweils abhängig vom international gültigen Stahlpreis.

Der Preis pro Tonne Schiffsschrott ist zwar zuletzt deutlich gesunken, seit die Finanzkrise die Frachtraten drückt, kommt jedoch für immer mehr Schiffe das betriebswirtschaftliche Aus.

Indiens Wirtschaft wächst auf Kosten der Armen, Leben im Abfall auf der Arbeitsstelle. (Thilo Gehrke)
Indiens Wirtschaft wächst auf Kosten der Armen, Leben im Abfall auf der Arbeitsstelle. (Thilo Gehrke)

“Killing Machine”

Die Plätze, die dann als letzte Position ins Logbuch eingetragen werden, liegen weitab schillernder Hafenmetropolen. In 80 Prozent der Fälle sind es unheilvolle Namen, verbunden mit massiver Umweltverschmutzung und knallharter Ausbeutung wie die indische Küstenstadt Alang am Arabischen Meer und Chittagong am Golf von Bengalen als Zentren der weltweiten Abwrackindustrie.

Mit beispielloser Ignoranz werden hier nicht nur Menschen sondern auch die Umwelt zerstört. Experten sagen, dass 40 Quadratkilometer des Golf von Bengalen als Folge des Abwrackens vor dem ökologischem Aus stehen und den Fischern die Lebensgrundlage entziehen. „killing machine“ nennt eine Menschenrechtsorganisation in Chittagong das lebensgefährliche Abwracken.

„Eisenfresser“

In seinem Dokumentationsfilm „Eisenfresser“ (Lemme Film) beschreibt der in Berlin lebende bengalische  Regisseur Shaheen Dill-Riaz ein System von Ausbeutung, dem nur wenige Abwrack-Arbeiter an den Stränden von Chittagong entkommen können. Die jährliche Hungersnot im Norden Bangladeschs zwingt viele Bauern ihre Heimat zu verlassen und als Saisonarbeiter in Wreckyards Tanker und Containerschiffe der westlichen Welt zu zerlegen.

Nicht wenige kommen dabei um, verletzen sich schwer oder geraten dabei in eine aussichtslose Schuldenfalle, denn karge Kost und die Unterbringung in Massenquartieren wird den Männern von Ihrem „Lohn“ von ca. 1,50 Euro pro Tag abgezogen. Werftbesitzer Mohammed Mizanur Rahman, ein gläubiger alter Mann im langen weißen Gewand , Vollbart und Gebetskette in der rechten, antwortet auf die Frage nach Sicherheiten der Tagelöner bei Krankheit und Verletzung:” Was heißt Sicherheiten? Wir geben ihnen Arbeit, das ist es, was sie wollen, Geld wollen sie, denn zuhause sind sie arbeitslos.”

Die Initialen seines Firmennamens PHP stehen für “Peace, Happiness and Prosperity”, zu deutsch: “Friede, Glück und Wohlstand.”

(Thilo Gehrke)(Thilo Gehrke)

Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.

(Thilo Gehrke)
(Thilo Gehrke)
Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN
Themen
Newsticker