Die Epidemie der häuslichen Gewalt in den arabischen Ländern

Von 4. Dezember 2010 Aktualisiert: 4. Dezember 2010 22:04

Gewalt gegen Frauen ist heute eine der schlimmsten Epidemien in den arabischen Ländern. Diese Art Gewalt geschieht in praktisch allen Ländern in der Region und beeinflusst Familien von allen Religionen und gesellschaftlichen Schichten. Die Gewalt beeinflusst nicht nur Familien, sondern die Gesellschaft insgesamt.

Weltweit ist Gewalt eine so häufige Todesursache und Ursache von Invalidität wie Krebs unter Frauen des geschlechtsreifen Alters. Sie verursacht mehr Krankheitsfälle als alle Verkehrsunfälle und Malariafälle zusammen. Experten des Gesundheitswesens halten Gewalt gegen Frauen zunehmend für eine Angelegenheit des Gesundheitswesens mit dringendem Handlungsbedarf.

Verschiedene kulturelle, wirtschaftliche und gesellschaftliche Faktoren, einschließlich Scham und Angst vor Vergeltung, tragen zur Zurückhaltung der Frauen bei, diese Taten anzuzeigen. Der Mangel an wirksamen rechtlichen Reaktionen auf ihre Anschuldigungen trägt ebenfalls zu ihrer Entmutigung bei.

Die Gewalterfahrung macht Frauen für eine Vielfalt von Gesundheitsproblemen anfälliger, wie zum Beispiel Depression, Selbstmord oder Alkohol- und Drogenmissbrauch. Sexuelle Gewalt erhöht für Frauen das Risiko, sich übertragbare Krankheiten zuzuziehen einschließlich HIV/AIDS (durch erzwungenen Geschlechtsverkehr oder wegen der Schwierigkeit, die Männer zu überzeugen, Kondome zu benutzen). Sie führt unter Umständen auch zu verschiedenen gynäkologischen Problemen.

Die Weltorganisation gegen Folter hat ihre Besorgnis wegen des weltweit großen Ausmaßes von Gewalt gegen Frauen ausgedrückt. Obwohl Passagen gegen häusliche Gewalt in mehreren nationalen Gesetzen mit eingeschlossen sind, hapert es an deren Umsetzung. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge wird „beinahe die Hälfte von Frauen, die durch Totschlag sterben, von ihren jetzigen oder ehemaligen Ehemännern oder Freunden getötet“.

In der arabischen Welt durchgeführte Studien ergaben, dass 70 Prozent der Gewalt in großen Städten geschieht, und dass in fast 80 Prozent der Fälle die Täter die Familienoberhäupter wie Väter oder älteste Brüder sind. In den meisten Fällen pochen sowohl Väter als auch älteste Brüder auf ihr Recht, ihre Frauen und Kinder auf eine Weise zu bestrafen, die sie für geeignet halten.

Fortschritt

In den letzten Jahren hat es in dieser Frage gewisse Fortschritte gegeben. Tunesien setzt im 21. Jahrhundert zum Beispiel seine im vorigen Jahrhundert begonnene Politik fort, den Maßstab für die Rechte von arabischen Frauen anzuheben. Im Jahr 1993 verbesserte Zine El Abidine Ben Ali, der Habib Bourguiba als Präsident des Landes ablöste, das tunesische Gesetzbuch, um Frauen mehr Rechte einzuräumen. Artikel 207 des Strafgesetzbuches, der die Strafen für Ehrenverbrechen reduzierte, wurde auch abgeschafft.

In Libanon gibt es keine Statistiken über häusliche Gewalt. Es ist ein Thema, das in der libanesischen Gesellschaft immer noch tabu ist. 2009 jedoch organisierte Dalia Khamissy, eine Fotografin und Frauenrechtsaktivistin, mit neun anderen Frauen eine Fotoausstellung mit dem Titel: „Hinter den Türen: Mit den Augen der Frauen. Überlebende der Gewalt“. Diese Ausstellung warf ein Schlaglicht auf das Problem in diesem Land.

2009 fand in Jordanien die zweite arabische regionale Konferenz zum Schutz der Familie statt. Die Konferenz wurde mit der Vorsitzenden des Nationalen Rates für die Familie (NCFA) Haifa Abu Ghazaleh unter der Schirmherrschaft Ihrer Majestät Königin Rania von Jordanien abgehalten. Unter der Beteiligung von Familienexperten und Soziologen aus der arabischen Welt einigten sich die Konferenzteilnehmer auf eine Strategie zum Schutz der Familien vor häuslicher Gewalt.

In Marokko hat die Union of Women‘s Action (UAF) Foren organisiert, um die Aufmerksamkeit des öffentlichen Bewusstseins für die Gewalt gegen Frauen zu schärfen. Die Union setzt sich auch bei lokalen Gruppen ein, um weibliche Opfer zu schützen. Dazu wurden Beratungszentren eingerichtet, um den Frauen eine Möglichkeit zu verschaffen, über ihre Probleme zu reden und Hilfe zu erhalten. In Ägypten, wo das Phänomen die ganze Gesellschaft durchdringt, wurde Beit Hawa (Das Haus für Eva), ein unabhängiges Frauenhaus als erster umfassender Schutz für Frauen in Ägypten und der arabischen Welt gegründet.

Noch viel zu tun

Aber da wartet noch mehr Arbeit, wenn diese Epidemie der Gewalt eingedämmt werden soll. Regierung und Gemeindeleiter sollten Anstrengungen unternehmen, eine Kultur der Offenheit und Unterstützung zu entwickeln, um das Stigma aus der Welt zu schaffen, das mit dieser Situation assoziiert wird.

Weiterhin ist es notwendig, nicht nur Gesetze zu erlassen, die alle Formen der Gewalt gegen Frauen einschließlich der ehelichen Vergewaltigung kriminalisiert, sondern diese auch durchzusetzen.

Der Bericht der UN-Economic and Social Commission for Western Asia (ESCWA) von 2009 gab an, dass der Mangel an gesellschaftlicher Teilhabe bei Frauen „hauptsächlich auf die Existenz diskriminierender Gesetze zurückzuführen ist und den Misserfolgen, die existierende Anti- Diskriminierungsgesetzgebung anzuwenden, und dazu noch auf den Mangel an Bewusstsein der Frauen bezüglich ihrer Rechte“.

In der arabischen Welt kann es ohne Fortschritt für Frauen und der Anerkennung ihrer Rechte keine wirkliche Entwicklung geben. Wie der neueste Bericht über die menschliche Entwicklung angab, ist „der Aufstieg der arabischen Frauen in der Tat eine Vorbedingung für eine arabische Renaissance und ursächlich mit dem Schicksal der arabischen Welt und ihrem Beitrag zur Entwicklung der Menschheit verbunden“.

César Chelala, M.D., Ph.D., ist internationaler Berater zum Gesundheitswesen und Autor von „Violence in the Americas“ der Pan American Health Organization.

Artikel auf Englisch: Arab Countries Suffer Epidemic of Domestic Violence

 

 

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