Die Sehnsucht der Tataren

Von 10. November 2008 Aktualisiert: 10. November 2008 0:30
Alte Zeiten treffen auf die Moderne: Betrachtungen aus der kaum bekannten islamischen GUS-Teilrepublik Tatarstan, deren Hauptstadt Kasan sich für die Olympischen Spiele der Studenten im Jahr 2012 bewirbt.

Wir treffen um vier Uhr Früh am Flughafen von Kasan, der Hauptstadt der autonomen GUS-Teilrepublik Tatarstan ein und bemerken neben der auffälligen Polizeipräsenz auch viele junge Leute beiderlei Geschlechts jenseits der Hauptstraße, die wir auf dem Weg in das Stadtzentrum befahren. Wer sind diese Menschen, die zu Sonnenaufgang so zahlreich unterwegs sind? – Partyvolk, Nachtarbeiter oder gar Geheimdienstler?

Am Tag unserer Ankunft, dem 12. Juni, wird mit Kundgebungen und Aufmärschen der russische Nationalfeiertag begangen. Das Informationsministerium hat anlässlich der Bewerbung Kasans um die Ausrichtung der internationalen studentischen Olympischen Spiele für das Jahr 2012 neben 30 russischen Journalisten auch drei deutsche Multiplikatoren eingeladen, um das im Westen vielfach unbekannte Land zu bewerben. Die Hauptstadt Kasan wird in der öffentlichen europäischen Wahrnehmung häufig mit der benachbarten zentralasiatischen Republik Kasachstan verwechselt.

Tatarstan liegt westlich des Uralgebirges im östlichen Teil des europäischen Russlands und eint in seiner Mitte die Flüsse Wolga und Kama. Die islamisch geprägte autonome GUS-Teilrepublik gilt mit seinen Öl- und Gasvorkommen als eine der reichsten Republiken in der Russischen Föderation und hat es durch geschicktes Verhandeln in der Jelzin-Ära vermocht, bis heute eine von Moskau in weiten Teilen unabhängige Wirtschaftspolitik zu betreiben.

Kasaner Stadtsanierung für die Olympiabewerbung 2012. (Thilo Gehrke)
Kasaner Stadtsanierung für die Olympiabewerbung 2012. (Thilo Gehrke)

Kasan – Zentrum des Islam

Kasan ist das Zentrum des Islam in Russland, zudem ein wichtiger Maschinenbaustandort und Verkehrsknotenpunkt und erscheint jedoch eher als europäische Großstadt mit einem modernen Geschäftsleben und einer offenen Gesellschaft.

Verschleierte Frauen und Sittenwächter sind im öffentlichen Leben der über eine Million Einwohner zählenden Hauptstadt nicht zu erkennen und es scheint, als herrsche, für den Betrachter kaum wahrnehmbar, ein sehr moderater Islam. Moslems und orthodoxe Christen der russischen Bevölkerungsgruppe leben friedlich miteinander, es gebe weder religiöse noch nationalistische Bestrebungen, wird uns von offizieller Stelle versichert. Somit erfülle Tatarstan interkulturelle Vorbildfunktion in der Russischen Föderation.

Im Kasaner Kreml, dem alten befestigten Stadtzentrum, ist im Jahr 2005 mit Geld aus Moskau die größte Europäische Moschee erbaut worden. Moskau investiert angesichts der Separatismusbestrebungen anderer GUS-Teilrepubliken großzügig in das rohstoffreiche Land, vermutlich, um einer Entwicklung wie in Tschetschenien oder Georgien vorzubeugen.

Luba Feldmann: ein friedliches Miteinander von Christen und Moslems in Tatarstan. (Thilo Gehrke)
Luba Feldmann: ein friedliches Miteinander von Christen und Moslems in Tatarstan. (Thilo Gehrke)

Kasan – eine Wolgastadt zwischen gestern und morgen

Luba Feldmann betreut die deutschen Journalisten während des Besuchsprogramms, das uns quer durch das Land führt, in entlegene tatarische Dörfer, in Museen von Volkshelden, zu einer heiligen Wasserquelle und mit dem Tragflächenboot auf die Wolga und zum Kuibyshev-See.

Eine Tour, bei der sich die Schönheit und Weite des Wolgadeltas und die Gastfreundschaft seiner Bewohner offenbart. Diese Tatsachen entschädigen für leider noch häufig auftretende Servicemängel und bürokratische Hürden, die bereits in der Botschaft mit Beantragung des Visums für die Einreise nach Russland beginnen.

Als ehemalige Deutschlehrerin muss die Russin Luba nach über 40 Jahren Berufstätigkeit mit einer Rente von 130 Euro bei 75 Euro Miete bei westlichen Lebenshaltungskosten auskommen. Die Früchte des wirtschaftlichen Erstarkens Russlands unter der Ära Putin lassen sich auch in Kasan erkennen. Bunte Reklametafeln, moderne Autos auf den Straßen und Neubauten prägen die Wolgastadt. Ganze Stadtviertel, in denen noch vor kurzem traditionelle Blockhausbauten oder Häuser aus der Zarenzeit verfielen, erhalten angesichts der Olympiabewerbung nun ein modernes Gesicht. Die Rentner gehören aber offensichtlich nicht zu den Gewinnern dieses auch mit EU-Geldern finanzierten Booms. Viele Alte bieten einen optischen Kontrast zu den bunten Einkaufszentren, wenn sie auf der Straße die Ernte aus ihren Kleingärten feilbieten. Zudem stellen Trunksucht und Obdachlosigkeit auch im heutigen Russland ein nicht unerhebliches soziales Problem dar.

Kommunistisches Unrecht im Kontext russischer Erinnerungskultur

„Dem Hund wird die Schüssel weggeschoben, dafür darf er jetzt bellen“ bringt die kleingewachsene rundliche Luba die heutige Situation im Gegensatz zum Kommunismus auf den Punkt. Gleichwohl sei die Arbeitsmoral und Eigenverantwortlichkeit durch die Privatwirtschaft gestiegen, auch wenn man jetzt mehrere Jobs zum überleben benötige, fügt sie hinzu.

Auffällig sind dann aber doch noch die überall anzutreffenden Insignien der sowjetkommunistischen Diktatur. Leninstatuen und Hammer und Sichel repräsentieren unübersehbar an vielen Stellen des Landes den Ordnungsfaktor einer Zeit, der viele der heutigen Bewohner Russlands geprägt hat und dessen Aufarbeitung wohl die Energie verschlänge, die man heute lieber dem Aufbau der Wirtschaft zugute kommen lässt. Hat es Russland angesichts dessen vermocht, sich im Zuge des gesellschaftlichen und politischen Wandels der letzten 20 Jahre der Transformation und Konversion des Sowjetkommunismus zu stellen? Nach neusten wissenschaftlichen Erkenntnissen fielen dieser Staatsform allein in Russland über 28 Millionen eigene Bürger zum Opfer.

Die Oblast Kaliningrad, verfallener deutscher Gutshof umgeben von versteppten Feldern. (Thilo Gehrke)
Die Oblast Kaliningrad, verfallener deutscher Gutshof umgeben von versteppten Feldern. (Thilo Gehrke)

Kaliningrad, das ehemalige Königsberg als Stadt ohne Vergangenheit

Beim Stop-over in Kaliningrad, der russischen Exklave zwischen Polen und Litauen, schweift der Blick beim Landeanflug über versteppte Felder der einst ostpreußischen Kornkammer und durch baufällige Dächer einst repräsentativer Häuser alter deutscher Dörfer. Auch in Kaliningrad begegnen einem die kommunistischen Embleme. Über dem alten Bahnhof prangen Hammer und Sichel, Standbilder Lenins und des stalinistischen Namensgebers der Stadt, Kalinin, stehen an zentralen Plätzen in der alten ostpreußischen Stadt Königsberg in der die Menschen sich in alten ausgemusterten deutschen Bussen und ähnlich alten Autos zwischen verwitterten sozialistischen Nachkriegs-Plattenbauten fortbewegen.

Der Königsberger Dom, bis vor wenigen Jahren noch eine Kriegsruine, erstrahlt dank großzügiger deutscher Wiederaufbauhilfe in neuem Glanz und gilt als Symbol für ein neues kollektives Deutsch-Russisches Gedächtnis. Eine neue Generation vom kalten Krieg unbelasteter junger Russen entdeckte inzwischen die kulturellen Wurzeln der einst so prachtvollen ostpreußischen Metropole. Die Wiederaufstellung des Kant-Denkmals durch die deutsche Marion Gräfin Dönhoff im Jahre 1995 ist ein Indiz dafür.

Im Gegensatz zu Kasan sind im heutigen Kaliningrad jedoch weniger wirtschaftliche Erträge zu erzielen, die russische Exklave dient eher als Stationierungsort der Baltischen Flotte den strategischen Interessen Russlands und mag daher eine Erklärung für das stiefmütterliche Erscheinungsbild der Stadt liefern.

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Als im russischen Konsulat in Hamburg eine Seniorin in ihren Visumantrag als Geburts- und Zielort „Königsberg“ schrieb, wurde das Papier nicht bearbeitet – Königsberg heißt seit 1946 Kaliningrad und existiert in Russland nicht. Der historische Staatsakt „750 Jahre Kaliningrad“ vor internationalen politischen Repräsentanten im Jahre 2005 mag dies belegen.


 

Tatarstan ist eine autonome Republik im östlichen Teil des europäischen Russland mit eigener Verfassung und Gesetzgebung. Mit rund vier Millionen Einwohnern ist Tatarstan die bevölkerungsreichste der autonomen Republiken Russlands. Die Tataren sind ein Turkvolk und Nachfahren der Völker, die einst weite Teile des heutigen Russlands beherrscht haben. Tatarstan war zu Zeiten der Sowjetunion eine Autonome Sowjetrepublik (ASSR). Mit Auflösung der UdSSR wurden Tatarstan weitreichende Autonomierechte eingestanden. Tatarstan gilt als eine der reichsten Republiken Russlands. Es betreibt eine eigenständige Wirtschaftspolitik. Die Haupt- und Millionenstadt Kasan ist Zentrum des Islam in Russland. (Wikipedia)

 

Zur Person:

Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg und Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr. Soeben ist seine Publikation „Das Erbe der Sowjetarmee in Deutschland“ als Text und Bildband in der Reihe für Friedensforschung und Sicherheitspolitik im wissenschaftlichen Verlag Dr. Köster, Berlin erschienen.

(Thilo Gehrke)
(Thilo Gehrke)