Kremlchef Wladimir Putin bei einer Pressekonferenz Mitte August. Foto: Gerard Julien/POOL AFP/dpa

Exklusiv-Bericht aus Sotschi, Valdai Klub: Putin wünscht „Konzert der Großmächte“ wie im 19. Jahrhundert

Von 5. Oktober 2019 Aktualisiert: 5. Oktober 2019 18:24
Auf der kürzlichen Sitzung des Diskussionsklubs Valdai in Russland machte Staatschef Vladimir Putin einige Äußerungen, die in den westlichen Medien keinen Widerhall fanden. Gastautor Alexander Rahr exklusiv für Epoch Times aus Sotschi.

Auf der Sitzung des Diskussionsklubs Valdai machte Staatschef Vladimir Putin einige Äußerungen, die in den westlichen Medien keinen Widerhall fanden.

Zunächst wiederholte Putin seine Ankündigung, keine Mittelstreckenraketen in Europa zu stationieren, solange die USA ähnliche Waffen auch nicht stationieren würden. Putin empörte sich darüber, dass sein gut gemeinter Vorschlag zur Entspannung vom Westen völlig ignoriert wird.

Putin beschwerte sich darüber, dass die USA ihre Raketenabwehr jetzt in Asien stationierten. Er sagte, Russland habe den Chinesen sein modernstes Raketenabwehrsystem geliefert. Er hoffe nicht auf eine Eskalation im amerikanisch-chinesischen Streit.

Der diesjährige Valdai-Klub, an dessen Abschlusssitzung neben Putin die Staatschefs von Jordanien, Kasachstan, Azerbaijan und den Philippinen teilnahmen, hatte sich das ambitionierte Ziel gesetzt, eine neue Asien-Architektur zu entwickeln. Putin begeisterte sich an dieser Idee, weil sie die Welt in Richtung einer von ihm herbeigesehnten multipolaren Ordnung lenken würde.

Den russischen Strategen geht es nicht nur um eine simple Stärkung der Eurasischen Union – die im Westen als Fundament eines künftigen russischen Imperiums kritisiert wird. Russland bastelt hier an etwas viel Größerem: einem geopolitischen Konzept eines Groß-Asiens oder eines Großen Ostens.

Neben Russland, China und den Staaten Zentralasiens, sollen auch Länder wie Indien, Türkei, Japan, sowie der gesamte Mittlere Osten, wo Russland nach seinem Militärsieg in Syrien seine Stellung enorm gestärkt hat, in den Großen Osten „integriert“ werden.

Putin unterstrich, dass, anders als die westliche Staatengemeinschaft, die asiatische auf der Souveränität von Nationalstaaten und der Vielfalt „großer Zivilisationen“ beruhen wird. Er rief auf, über Institutionen für die asiatische Architektur nachzudenken und brachte den alten Gedanken eines „Konzertes der Großmächte“ aus dem 19. Jahrhundert ins Spiel.

Den Westen mag das alles erschrecken. Doch in der Diskussionsrunde mit Putin und den anderen Präsidenten wurde klar, dass der „Beginn des asiatischen Zeitalters“ und Russlands neue „Ostpolitik“ nicht gegen Europa gerichtet sind.

Wenn – dann eher gegen die hegemoniale Macht der USA. Der Kremlchef fand lobende Worte für den ukrainischen Staatschef Vladimir Selensky, mit dem Putin ein Friedensabkommen über die Ost-Ukraine schließen will. In der Vergangenheit hatte sich Putin noch höchst verächtlich über die Ukraine ausgesprochen. Russland, das mit wirtschaftlichem Rückgang kämpft, braucht heute genauso wenig den europäischen Konflikt wie der Westen.

Moskau beobachtet die ökologische „Revolution“ in Deutschland und der EU mit wachsendem Interesse. Putin sagte, er wolle sich einer engen Zusammenarbeit zum Klimaschutz und Umweltpolitik nicht verwehren. Russland sei immerhin ein Land, das von der Erderwärmung am stärksten betroffen sein werde.

Beobachter sprachen anschließend von einer möglichen „ökologischen Allianz“ von Lissabon bis Vladivostok. Doch auch auf diese Offerte wird Russland im Westen keine Antwort bekommen, weil der Westen an den wahren Absichten Moskaus zweifelt.

Der Westen wird deshalb die strategischen Ansätze asiatischer Länder und Russlands zur Neugestaltung der Weltordnung ignorieren und hoffen, dass der monopole komfortable Status Europas mit der liberalen Ordnung aufrechterhalten werden kann. Er kann darauf hoffen, dass die EU sich bald wieder mit den USA einigt, anstatt schwierige Dialoge mit Russland und China über eine unattraktive globale Multipolarität führen zu müssen.

Ratsamer wäre es jedoch, auf die Vorschläge, die aus Asien kommen, schrittweise einzugehen, solange sie im kooperativen Geist vorgetragen werden.

Ein Konflikt mit den aufsteigenden Mächten Asiens kann in der fragilen weltpolitischen Lage schnell von Zaun gebrochen werden.

 

Zum Autor: Prof. Alexander Rahr gilt als einer der erfahrensten Osteuropa-Historiker, er ist Politologe und Publizist. Er ist Projektleiter beim Deutsch-Russischen Forum und Deutschlandberater von Gazprom.



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