Flugbegleiter in Abschiebeflügen: „Du fühlst dich als Mittäter“

Epoch Times19. April 2018 Aktualisiert: 19. April 2018 17:29
Abgelehnte Asylbewerber in Abschiebeflügen zu begleiten, ist kein angenehmer Job. Der Flugbegleiter einer Airline, die Abschiebeflüge durchführt, spricht von "Horror" und Schuldgefühlen.

Es ist nicht gerade der beliebteste Job unter Flugbegleitern. Die Rede ist von Abschiebeflügen, die durch renommierte Airlines durchgeführt und von deren männlichen Crewmitgliedern regelmäßig begleitet werden müssen.

In der Geschichte eines Crewmitglieds, die auf „WELT“ veröffentlicht wurde, ist zu lesen, dass kein Flugbegleiter gern diesen Job übernimmt, trotzdem fänden sich diese Aufgaben regelmäßig in ihren Dienstplänen.

Weibliche Stewardessen seien für den Job nicht geeignet und da es nur etwa 20 Prozent männliche Flugbegleiter gibt, kämen diese öfter in Einsatz. Für die Airlines lohne sich das, heißt es bei WELT, denn sie bekämen für die Abschiebungen Geld vom Bund.  Der Steward bekomme nur sein monatliches Gehalt, egal „ob er Senioren nach Las Palmas oder abgelehnte Asylbewerber in den Kosovo fliegt.“

Weiter erklärt der Bericht, dass es zwei Arten von Abschiebungen gibt: „Bei der einen fliegen die Rückzuführenden gemeinsam mit den begleitenden Polizisten auf normalen Linienflügen mit. In einem solchen Fall können die Flugbegleiter ihren Job weitgehend normal machen, denn es gibt ja noch die vielen anderen Fluggäste, um die sich gekümmert werden muss.“

Der „Horror“

Dann gebe es aber noch die Sammelcharter, die oft nach Afghanistan oder in die Balkanstaaten fliegen würden. Hierfür werde ein komplettes Flugzeug samt Crew gebucht, heißt es, und: Die Sammelcharter seien laut einem Flugbegleiter „der Horror“.

Der Flugbegleiter, auf dessen Aussagen die Geschichte in der WELT beruht, und der aus Sicherheitsgründen anonym bleiben möchte, spricht zudem von „konkreten Anweisungen“, wie mit den Rückzuführenden umgegangen werden muss. Diese dürften weder angefasst oder angesprochen werden. Besteck und heiße Getränke seien tabu. Zudem dürften aus Sicherheitsgründen die Namen der Crewmitglieder nicht erfahrbar sein.

Man fühlt sich als „Mittäter“

Diese „Passivität“ sei es, die für die Flugbegleiter unangenehm sei, heißt es weiter, denn dieses Verhalten sei genau umgekehrt von dem, was normalerweise von ihnen erwartet würde. Dem genannten Flugbegleiter mache das zu schaffen, er fühle sich dabei oft als „Mittäter“, zitiert ihn WELT, also schuldig für das, was da stattfindet. Er würde den Abgeschobenen gerne sagen, dass er keine Schuld an dem System habe, aber er dürfe ja nicht mit ihnen sprechen. Auch die ängstlichen Passagiere dürfe man nicht trösten, obwohl man wüsste, was zu tun sei. Das sei oft hart für die Flugbegleiter.

Laut Nicoley Baublies, Tarifvorstand von der Unabhängigen Flugbegleiter Organisation (UFO), der ebenfalls von WELT zitiert wird, haderten viele Flugbegleiter mit den veränderten Regeln bei Abschiebeflügen. Es sei intern ein großes Thema, weiß dieser. Zudem kritisiert er, dass im Gegensatz zu Polizisten die Flugbegleiter nicht wüssten, worauf sie sich einließen. Schulungen, die auf solche Extremsituationen vorbereiteten, gebe es nicht.

Wie der Flugbegleiter berichtete, habe er bei einer Flugvorbereitung schon einmal die Anweisung bekommen, die Seife aus der Toilette zu entfernen, da beim vorangegangenen Abschiebeflug jemand versucht habe, sie zu trinken. Solch eine Verzweiflung könne man sich kaum vorstellen.

Und dass solche Flüge durchaus Extremsituationen bereithalten können, lässt sich an den Worten des Flugbegleiters erkennen, der sich wünscht, nicht mehr für Abschiebeflüge eingeteilt zu werden. Nach den Abschiebeflügen habe er sich mit Kollegen ausgetauscht, „oder eher ausgekotzt“, sagt er. Es sei ihm wichtig gewesen, nicht alles in sich reinzufressen.

Auch Polizisten wollen kaum Abschiebeflüge begleiten

In einem früheren WELT-Bericht erzählte bereits eine Polizistin von ihren Erfahrungen mit Abschiebeflügen. Mit Polizisten-Ausbildung dürfen auch Frauen diesen Job übernehmen. Trotzdem sind auch hier die Dienste unbeliebt. Sie bedeuten körperliche und psychische Strapazen ohne zusätzliche finanzielle Vergütung.

Sammelabschiebungen könnten demnach auch an einem Personalmangel scheitern. In dem Bericht heißt es: 

Bei einem Sammelflug nach Afghanistan im Januar hatten sich kurz vorher erst 35 Bundespolizisten gemeldet – für die rund 80 Abzuschiebenden viel zu wenig. Der Dienst ist freiwillig, da per Gesetz kein deutscher Polizist zum Dienst im Ausland gezwungen werden kann.“

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Dann erzählt die Polizistin über ihre erste Rückführung: „Selbst für erprobte Polizisten sind Rückführungen eine absolute Extremsituation: An Bord haben wir keine Waffen und sind in Zivil unterwegs. Wir sitzen Seite an Seite mit den Rückzuführenden.“

Nicht alle seien Straftäter, bei manchen sei nur der Asylantrag abgelehnt worden. Aber auch die könnten aggressiv werden, erzählt sie.

Das Einzige, was wir für einen solchen Fall haben, sind Klettfesseln, manchmal auch Stahlfesseln, und sogenannte Body-Cuffs, mit denen man die Arme und Beine fixieren kann.“

Da die Menschen oft nichts mehr zu verlieren hätten, würden sie oft rumschreien und um sich schlagen. Damit erhofften sie, dass die ganze Sache abgeblasen wird – und das könne durchaus auch passieren, weiß die Polizistin. Wenn das Leben der Polizisten, der Flugbegleiter oder anderer Passagiere in Gefahr sei, müsse die Aktion abgebrochen werden, sagt sie.

Siehe: Immer mehr abgelehnte Asylbewerber wehren sich: Hunderte Abschiebungen per Flugzeug abgebrochen

Abschiebung von Familien oft „zu krass“

Doch seien es nicht immer nur Schwerverbrecher, die abgeschoben würden. Da begleite man auch Familien, bei denen man nicht verstehe, warum sie abgeschoben würden, da sich bereits gut integriert hätten.  Da seien Mütter, die heftig weinten, weil sie nun ihren Job aufgeben mussten oder auch Töchter, die kurz vor ihrer Abi-Prüfung standen. Das sei der Polizistin oft zu krass, deswegen fliege sie auch nicht mehr mit Familien.

(mcd)

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