„Gender Mainstreaming“ und die Rolle der UNO (Teil 2)

Von 3. March 2018 Aktualisiert: 5. März 2018 9:04
Die Gender Feministen sagen: "Heutzutage müssen die Frauen arbeiten gehen". Was sie nicht sagen, ist, dass sie dafür gearbeitet haben, dass die Frauen arbeiten gehen müssen. Die für Frauenforschung in der UN verantwortlich Behörde hat sich dieser Auffassung angeschlossen. Ein Gastbeitrag (Teil 2) zu den Zusammenhängen von Christl R. Vonholdt.

Was bedeutet der neue Gender-Begriff wie er in der „Pekinger Aktionsplattform“ und damit im Gender Mainstreaming vorkommt? Teil II gibt einen Einblick in die Entwicklung der Theorien der Gender-Perspektive und zeigt außerdem auf, welche Konsequenzen die Gender-Perspektive für die politische Agenda der weltweit operierenden Vereinten Nationen und der westlichen Staaten hat.

Eine Zusammenfassung aus dem Buch „The Gender Agenda“ von Dale O’Leary durch Dr. med. Christl Ruth Vonholdt. Hier der Teil 1.

Einleitung

Auf der Vorbereitungstagung für die 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking hatten sich die UN-Delegierten nicht auf eine gemeinsame Definition des Wortes Gender einigen können. Viele waren damals verwirrt, denn es gab eine Kluft zwischen dem, was man im Alltag unter Gender verstand (Mann und Frau in ihrer sozialen Gestalt, aber mit fester Anbindung an das biologische Geschlecht, siehe Teil 1) und den Theorien der Gender-Perspektive.

Diese Theorien bildeten aber offensichtlich den Hintergrund für die Verwendung des Begriffs im Text für die Abschlussresolution der Weltfrauenkonferenz.

Aus der Geschichte: Der liberale Feminismus

In den 1960er Jahren war es das Ziel des liberalen Feminismus, Frauen ebensoviel Freiheit in der Gesellschaft zu geben wie Männern und sich dafür einzusetzen, dass der Mensch als Individuum gesehen wurde – unabhängig von der Zugehörigkeit zu einer Gruppe (Geschlecht, Rasse). Diese Freiheiten möchte heute niemand mehr missen.

Wir alle sind für das Wahlrecht der Frau; für ihr Recht, ein Amt zu bekleiden; für ihr Recht auf Chancengleichheit in Ausbildung und Beruf. Frauen wie ich [Dale O’Leary], die sich offen gegen die Gender Agenda aussprechen, engagieren sich auf politischem und wirtschaftlichem Gebiet; wir erwarten gleiche Rechte, gleiche Ausbildung, gleiche Chancen und gleiche Behandlung.

Die Familienbefürworter sehen auch, wo der liberale Feminismus an seine Grenzen kommt, z. B. wo er die tatsächlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau ausblendet und nicht sieht, dass viele Gesetze, die zwischen Mann und Frau unterscheiden, gemacht wurden, um die Frau zu schützen.

Der liberale Feminismus, der das autonome Individuum in den Mittelpunkt stellt, ignoriert die Bedeutung der Familie als soziale Einheit. Er neigt dazu, staatliche Interventionen als Lösung aller Probleme zu sehen, einschließlich der Probleme von Frauen.

Familienbefürworter sind davon überzeugt, dass man weder die Unterschiede zwischen den Geschlechtern leugnen, noch Ehe und Familie schwächen, noch auf weitgehende staatliche Interventionen setzen muss, um der gleichen Würde und den gleichen Rechten von Frauen und Männern vollauf verpflichtet zu sein.

Der marxistisch beeinflusste Feminismus

Schon Ende der 1960er Jahre wandten sich viele Feministinnen vom liberalen Feminismus ab. Er habe nicht erkannt, sagten sie, „dass es notwendig ist, die gesamte gesellschaftliche Ordnung zu ändern, wenn man die Befreiung der Frauen erreichen möchte.“ (Quelle: Jagger, A., Political Philosophies of Women‘s Liberation, Totowa 1977, S. 9.)

Die wichtigsten Vertreterinnen des Feminismus seit den 1970er Jahren bis heute wandten sich den Philosophien von Marx und Engels zu, auch wenn sie dies nicht immer direkt zu erkennen geben. In den Theorien von Marx und Engels fanden sie ihr eigenes Thema wieder: Die universale Unterdrückung der Frau durch den Mann und die Mann-Frau-Einzelehe als Ursprung und Urtypus aller Unterdrückung.

So schrieb die Gender-Feministin Kate Millett in „Sexual Politics“: „Der große Wert, den Engel’s Beitrag zur sexuellen Revolution hat, liegt in seiner Analyse der patriarchalen Ehe und Familie. (…) In der Unterwerfung der Frau unter den Mann sah Engels (und auch Marx) den historischen, konzeptuellen und Proto-Typ aller übrigen Machtsysteme, aller ungerechten ökonomischen Verhältnisse und die Tatsache von Unterdrückung überhaupt.“ (Quelle: Millett, K., Sexual Politics, New York 1971, S. 167, 169.)

Friedrich Engels, ein Vater der Gender-Perspektive

Sehen wir uns einige Aussagen von Friedrich Engels an:

„In einem alten, 1846 von Marx und mir ausgearbeiteten, ungedruckten Manuskript finde ich: ’Die erste Teilung der Arbeit ist die von Mann und Weib zur Kinderzeugung.’ Und heute kann ich hinzusetzen: Der erste Klassengegensatz, der in der Geschichte auftritt, fällt zusammen mit der Entwicklung des Antagonismus von Mann und Weib in der Einzelehe, und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.“ (Quelle: Engels, Friedrich – „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ in: Karl Marx/Friedrich Engels-Werke. (Karl) Dietz Verlag, Berlin. Band 21, 1962, S. 68.)

Alle Geschichte ist Klassenkampf. Der erste Klassenkampf aber ereignete sich in der Familie.

„Der Umsturz des Mutterrechts war die weltgeschichtliche Niederlage des weiblichen Geschlechts. Der Mann ergriff das Steuer auch im Hause, die Frau wurde entwürdigt, geknechtet, Sklavin seiner Lust und bloßes Werkzeug der Kinderzeugung.“ (Quelle: Engel, F. ebenda, S. 61)

Mögen Sie unsere Artikel?
Unterstützen Sie EPOCH TIMES
HIER SPENDEN

„Die moderne Einzelfamilie ist gegründet auf die offene oder verhüllte Haussklaverei der Frau…“ (Quelle: Engels, F., ebd., S. 75.)

Über die verheiratete Frau schreibt Engels, dass sie „sich von der gewöhnlichen Kurtisane nur dadurch unterscheidet, dass sie ihren Leib nicht als Lohnarbeiterin zur Stückarbeit vermietet, sondern ihn ein für allemal in die Sklaverei verkauft.“ (Quelle: Engels, F., ebd., S. 73.)

Um Befreiung zur klassenlosen Gesellschaft zu erreichen, sagten Marx und Engels, müssen Produktion und Reproduktion aus den Händen der Unterdrücker genommen und in diejenigen der Unterdrückten gegeben werden. Für die Familie heißt das: Der Vater muss entmachtet werden. Macht und Kontrolle über die Reproduktion gehören allein der Frau. Engels war auch der Auffassung: Nur wenn die Frau außer Haus arbeitet und von der Last von Familie und Kinderpflege befreit ist, kann die Unterdrückung ein Ende nehmen:

„Es wird sich dann zeigen, dass die Befreiung der Frau die Wiedereinführung des ganzen weiblichen Geschlechts in die öffentliche Industrie zur ersten Vorbedingung hat, und dass dies die Beseitigung der Eigenschaft der Einzelfamilie als wirtschaftlicher Einheit der Gesellschaft erfordert. (…)

Mit dem Übergang der Produktionsmittel in Gemeineigentum hört die Einzelfamilie auf, wirtschaftliche Einheit der Gesellschaft zu sein. Die Privathaushaltung verwandelt sich in eine gesellschaftliche Industrie. Die Pflege und Erziehung der Kinder wird öffentliche Angelegenheit; die Gesellschaft sorgt für alle Kinder gleichmäßig, seien sie eheliche oder uneheliche.“ (Quelle: Engels, F., ebd., S. 76,77)

Der Gender-Feminismus

Knapp hundert Jahre später, 1972 schreibt die Feministin Shulamith Firestone ganz im Sinn von Engels:

„Die natürlichen reproduktiven Unterschiede zwischen den Geschlechtern führten unmittelbar zur ersten Arbeitsteilung basierend auf dem Merkmal Geschlecht; diese sind der Ursprung aller weiteren Teilungen in ökonomische und kulturelle Klassen.“ (Quelle: Firestone, S., The Dialectic of Sex, New York 1972, S. 9 (dt.: Frauenbefreiung und sexuelle Revolution, Frankfurt, 1978)

„So wie die Abschaffung der ökonomischen Klassen die Revolte der Unterdrückten, das Proletariat, braucht und in einer vorübergehenden Diktatur dieses die Produktionsmittel in Besitz nehmen muss; ebenso braucht die Abschaffung der Klasse des Geschlechts die Revolte der Unterdrückten, der Frauen, und deren Inbesitznahme der Kontrolle über die Reproduktion. (…) Genau wie am Ende einer sozialistischen Revolution nicht nur die Abschaffung von ökonomischen Klassenprivilegien, sondern die Aufhebung der Klassenunterschiede selbst steht, so muss die feministische Revolution, im Gegensatz zur ersten feministischen Bewegung, nicht einfach auf die Beseitigung männlicher Privilegien, sondern auf die des Geschlechtsunterschiedes selbst zielen: Genitale Unterschiede zwischen einzelnen Menschen haben dann keine gesellschaftliche Bedeutung mehr.“ (Quelle: Firestone, S., ebenda S.10)

Die Gender-Perspektive – Auswechselbarkeit von Mann und Frau

Bei Firestone finden wir bereits die zentralen Gedanken der heutigen Gender-Perspektive – vor allem: Der Unterschied zwischen Mann und Frau ist die Ursache aller Unterdrückung. Um diese zu überwinden, „muss eine absolute Gleichheit von Frau und Mann hergestellt werden“. Firestone weiss zwar, dass sie mit ihrer Auffassung „die biologische Wirklichkeit“ angreift, doch ist sie der Auffassung:

„Die Menschheit hat begonnen, über die Natur hinauszuwachsen. Wir können die Aufrechterhaltung einer diskriminierenden, auf Geschlecht basierenden Klassengesellschaft nicht länger damit rechtfertigen, dass sie ihre Ursprünge in der Natur selbst hat. Es sieht in der Tat so aus, als ob wir uns schon aus rein pragmatischen Gründen davon befreien müssen.“ (Quelle: Firestone, S., ebenda S.10)

In der Gender-Perspektive heißt das analog: Die geschlechtliche Verschiedenheit von Frau und Mann hat keine Bedeutung mehr. Da die „biologische Wirklichkeit“ aber nicht abgeschafft werden kann, wird sie nun für komplett unwichtig und bedeutungslos erklärt. Genau hier liegt der Grund, warum die Gender-Perspektive das Wort „Gender“ gewählt hat, warum sie diesem Wort die Bedeutung „sozial konstruierte Rollen, unabhängig vom Geschlecht“ gegeben hat und warum sie das Wort „Geschlecht“ ablehnt.

In der Vorbereitung zur 4. Weltfrauenkonferenz kämpften die Verfechterinnen der Gender-Perspektive mit allen Mitteln darum, dass in der Definition von Gender nur ja nicht mehr irgendwie die Begriffe „zwei Geschlechter, Mann und Frau“ vorkämen. Geschlecht soll nicht mehr zählen; es geht nur noch um Gender.

Denn mit „Gender“ lässt sich erreichen, was mit „Geschlecht“ nicht geht: Die Vorstellung von einer absoluten „Gleichheit“ im Sinne von Auswechselbarkeit von Frau und Mann.

Ziel ist die klassenlose Gesellschaft, die von der grundlegendsten Klasse, die es gibt, befreit ist: von der „Klasse des Geschlechts“.

Die erste Strategie für die Umsetzung der neuen Gleichheit im Gender Mainstreaming heißt: Eine 50/50-Quotenregelung für Männer und Frauen für sämtliche Arbeits- und Lebensbereiche.

Bei der Neudefinition von Gleichheit durch die Gender-Perspektive geht es also nicht um gleiche Rechte, gleiche Chancen und gleiche Würde, sondern um „statistische Gleichheit“. Frauen sollen 50 Prozent aller Arbeitsplätze bis hin zu den höchsten Ämtern einnehmen und Männer gezwungen werden, 50 Prozent der Säuglings- und Kinderpflege zu übernehmen. Alternativ (und leichter zu erreichen) sollen alle Frauen mit oder ohne Kinder jederzeit einer vollzeitigen Erwerbstätigkeit nachgehen. Die Kinderpflege übernimmt der Staat.

Die zweite Strategie zur Umsetzung der neuen Gleichheit heißt: Die Frau muss die alleinige und absolute Kontrolle über die Reproduktion haben, d. h. freien Zugang zu Verhütung und Abtreibung, wenn möglich während der gesamten Schwangerschaft. Nur so kann sie „Gleichheit“ mit dem Mann und statistisch gleiche Teilnahme an der Erwerbstätigkeit erreichen.

In Kurzform: Das Ziel der Gender Agenda ist die Abschaffung jeglichen Unterschiedes zwischen Frau und Mann.

Die Strategie dazu heißt: Es zählt nicht mehr Geschlecht, sondern nur noch Gender. Die politische Umsetzung heißt: Statistisch gleiche Teilnahme der Frau am bezahlten Arbeitsleben außer Haus und die absolute Kontrolle der Frau über die Reproduktion.

Firestone hat die Zukunft der Gleichheit so vorgedacht: Gleichheit werde nur erreicht, schreibt sie, wenn die Frauen von der Last des Kindergebärens befreit sind: „Die Reproduktion des Menschen durch nur ein Geschlecht [die Frau] würde ersetzt werden durch zumindest die Möglichkeit von künstlicher Reproduktion. Die Kinder würden dann beiden Geschlechtern in gleicher Weise geboren werden, oder unabhängig von Mann und Frau, je nachdem, wie man es sieht.“ (Quelle: Firestone, S., ebenda S.10)

Die Neudefinition von Familie

Wo das Geschlecht, d. h. die konkrete Leiblichkeit von Mann und Frau unwichtig geworden ist, gibt es auch keine Komplementarität der Geschlechter mehr. Wo es nur noch um Gender statt um Geschlecht geht, ist es unwichtig, ob eine Frau sexuelle Beziehungen mit einem Mann oder einer Frau hat, mit einem oder mit mehreren Menschen. Die Gender Agenda setzt sich deshalb für die Gleichstellung zahlreicher sexueller Lebensweisen und damit für eine komplette Neudefinition von Ehe und Familie ein:

„Die schwul-lesbische Kultur lässt sich auch als subversive Kraft sehen, die das hegemonische Konzept der Familie herausfordert. Das kann durchaus auf eine Weise geschehen, bei der die Leute nicht merken, dass sich der Vorstoß gegen die Familie als solche richtet. Ein einfacher Slogan nach dem Motto ’Weg mit der Familie!’ wird als Drohung aufgefasst, nicht so sehr gegen die herrschende Klasse, sondern vielmehr gegen die Arbeiterklasse, deren Angehörige zur Wahrung von Sicherheit und Stabilität ihres Lebens oftmals auf die Familie setzen. Damit die subversive Natur der schwulen Kultur wirksam genutzt werden kann, müssen wir alternative Deutungsmodelle für menschliche Beziehungen anbieten.“ (Quelle: Riddiough, C., Socialism, Feminism and Gay/Lesbian Liberation, in: Women and Revolution, hg. Lydia Sargent, Boston, 1981, S. 87.)

Die Feministin Ellen Herman schreibt: „(Junge Feministinnen) … wollen die Freiheit, ihre gegenwärtigen und zukünftigen Familien ohne Sanktionen in jeder erdenklichen Weise gestalten: Sie wollten Frauen oder Männer lieben, Sex mit einer oder parallel mit mehreren Personen haben, mit oder ohne Kinder leben, an der Elternschaft teilhaben ohne zwangsläufig auch an der Reproduktion teilzuhaben. Nur wenn es ihnen gelingen würde, Familien jeglicher Art zu erfinden – ohne Angst vor Spott oder Selbstverachtung –, ergäbe sich für Frauen die Hoffnung, ihre wahre Identität zu erlangen, anstatt als Gefangene einer Geschlechts- oder Gender-Klasse in eine Kategorie gesteckt zu werden.“ (Quelle: Herman, E., Still Married After All These Years, Sojourner: The Women’s Forum, Sept 1990, S. 14)

Aus der Sicht der Gender-Feministen müssen Ehe und Familie abgeschafft oder völlig umgedeutet werden. Nur dann kann sich auch die Sexualität aus den „Zwängen“ befreien. Zuerst gilt es, „der heterosexuellen Ideologie, die die männliche Vorherrschaft am Leben erhält, den Kampf“ anzusagen. (Quelle: Jagger, A., a.a.O., S. 15)

Das Inzest-Tabu muss fallen, schreibt Firestone (Quelle: Firestone, S., a.a.O., S. 59.):

Das Inzest-Tabu wird lediglich gebraucht, um die Familie zu erhalten; wenn wir die Familie abschaffen würden, würden auch die Verdrängungen fallen, die die Sexualität in spezifische Ausdrucksformen pressen.“

[Die Aufhebung des Inzest-Tabus ist in der Tat ein zentrales Instrument zur Zerstörung der Familie. Von Gender-Feministen wird es schon lange gefordert, z. B. von Judith Butler. Jetzt, 2007, steht es offen zur Disposition in der BRD. Siehe z. B. www.anwalt.de/presse/pdf/anw_presse_20070307_19.pdf, Anm.d. Hg.]

Shulamith Firestone attackierte auch noch eines der letzten Tabus unserer Gesellschaft (Quelle: Firestone, S., a.a.O., S. 240):

Tabus bezüglich Erwachsenen-Kind-Sex und homosexuellem Sex würden ebenso verschwinden wie nicht-sexuelle Freundschaften… Alle engen Beziehungen würden das Körperliche mit einbeziehen.“

Dekonstruktivistische Theorien

Wir können die Gender-Perspektive nicht besprechen, ohne auf eine der bekanntesten Verfechterinnen einzugehen, auf die amerikanische Philosophin und Professorin für Literaturwissenschaft Judith Butler. Ihr Buch „Das Unbehagen der Geschlechter“ erschien 1991. Ihre Theorien, soweit sie für den vorliegenden Kontext relevant sind, lassen sich im Ergebnis so zusammenfassen:

1. Es gibt beliebig viele, frei wählbare Gender.

2. Es gibt kein „wahres“ männliches oder weibliches Geschlecht, diese Worte sind nur gesellschaftlich konstruierte Begriffe, um Machtverhältnisse, nämlich die Herrschaft des Mannes über die Frau, aufrechtzuerhalten.

3. Nicht nur „Gender“ ist gesellschaftlich konstruiert, sondern auch „Geschlecht“ (sex).

4. Ziel muss die „Dekonstruktion“, d. h. die Auflösung von Mannsein und Frausein sein.

So schreibt Butler über die Unterscheidung zwischen Geschlecht (sex) und „Geschlechtsidentität“ (Gender) [Butler, J., Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt 1991, (englische Originalausgabe: Gender Trouble, Routledge 1990), S. 22-23. Zum besseren Verständnis für den heutigen Leser, der mit dem Wort Gender vertraut ist, wurden die englischen Originalworte sex und gender jeweils an den entsprechenden Stellen in Klammern eingefügt. An einer Stelle weicht der Text geringfügig von der deutschen Übersetzung ab. Anm. d. Hg]:

Ursprünglich erfunden, um die Formulierung ’Biologie ist Schicksal’ anzufechten, soll diese Unterscheidung das Argument stützen, dass die Geschlechtsidentität (Gender) eine kulturelle Konstruktion ist, unabhängig davon, welche biologische Bestimmtheit dem Geschlecht weiterhin hartnäckig anhaften mag. Die Geschlechtsidentität (Gender) ist also weder das kausale Resultat des Geschlechts, noch so starr wie scheinbar dieses. Die Unterscheidung Geschlecht (sex) und Geschlechtsidentität (Gender) erlaubt vielmehr, die Geschlechtsidentität (Gender) als vielfältige Interpretation des Geschlechts zu denken und sie ficht bereits potentiell die Einheit des Subjekts an. Wenn der Begriff Geschlechtsidentität (Gender) die kulturellen Bedeutungen bezeichnet, die der sexuell bestimmte Körper (sexed body) annimmt, dann kann man von keiner Geschlechtsidentität (Gender) behaupten, dass sie aus dem biologischen Geschlecht folgt. Treiben wir die Unterscheidung Geschlecht (sex) / Geschlechtsidentität (Gender) bis an ihre logische Grenze, so deutet sie vielmehr auf eine grundlegende Diskontinuität zwischen den geschlechtlich bestimmten Körpern (sexed bodies) und den kulturell bestimmten Geschlechtsidentitäten (Gender) hin. (…) Setzen wir für einen Augenblick die Stabilität der geschlechtlichen Binarität (binary sex) voraus, so folgt daraus weder, dass das Konstrukt ’Männer’ ausschließlich dem männlichen Körper zukommt, noch dass die Kategorie ’Frauen’ nur weibliche Körper meint. Ferner: Selbst wenn die anatomischen Geschlechter (sexes) in ihrer Morphologie und biologischen Konstitution unproblematisch als binär erscheinen (was noch die Frage sein wird), gibt es keinen Grund für die Annahme, dass es ebenfalls bei zwei Geschlechtsidentitäten (zwei Gender) bleiben muss. (…) Wenn wir jedoch den kulturell bedingten Status der Geschlechtsidentität (Gender) als radikal unabhängig vom anatomischen Geschlecht denken, wird die Geschlechtsidentität (Gender) selbst zu einem freischwebenden Artefakt. Die Begriffe Mann und männlich können dann ebenso einfach einen männlichen und einen weiblichen Körper bezeichnen wie umgekehrt die Kategorien Frau und weiblich. (…)

Wenn man den unveränderlichen Charakter des Geschlechts bestreitet, erweist sich dieses Konstrukt namens ’Geschlecht’ vielleicht als ebenso kulturell hervorgebracht wie die Geschlechtsidentität (Gender).“ 

Judith Butler gehört zur Führungsspitze von IGLHR (International Gay and Lesbian Human Rights Commision), einer internationalen Homosexuellenorganisation. Die IGLHR ist eine von der UN akkreditierte NGO und war aktiv in der Vorbereitung für die 4. Weltfrauenkonferenz in Peking beteiligt.

Von der Theorie zur Praxis

Mann und Frau – nur „Scheinwesen“?

Judith Butlers Theorien – so weit entfernt sie von der alltäglichen Realität sein mögen – haben längst Eingang in Politik und Strategie der UN gefunden. So heißt es in einem Buch zum Thema Gender und UN:

Das Konzept von ’Gender als Macht’ ermöglicht es uns, einen Schritt weiterzugehen: Vorzuschlagen, dass unsere gesamte Art, über menschliche Wesen zu denken und zu sprechen, auf Macht beruht. Gerade die Worte ‚Frauen‘ und ‚Männer‘ sind Ausdruck dieser Macht. Individuen als ‚Frauen‘ oder ‚Männer‘ zu bezeichnen, ist die Ausübung von Macht, denn die Bezeichnung ruft eine Reihe von Erwartungen hervor darüber, wer jemand ist, wer er nicht ist und welchen Spielraum er in Bezug auf seine Wahlmöglichkeiten hat.

’Gender als Macht’ argumentiert, dass Frauen und Männer gemacht, nicht geboren sind. Sie werden durch genau diese Labels geschaffen – es sind Labels, die einige Türen öffnen und andere schließen. Das Labeling erzeugt ein Scheinwesen [fictitious being]… und setzt die Ungleichheit weiter fort, weil jenes menschliche Wesen, das die eine Bezeichnung hat, mehr Rechte und Privilegien hat als das andere, das eine andere Bezeichnung hat.“ Quelle: Beckman, P. R., D’Amico, F., Women, Gender, and World Politics, Westport, CT: Bergin u.Garvey, 1994, S. 7.)

Die neue Gender Gleichheit

Das Ziel heißt: Gender Gleichheit. Wer könnte gegen Gleichheit sein? Schon in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung heißt es, dass alle Menschen gleich geschaffen sind. Doch den Vertretern der Gender-Perspektive geht es nicht um gleiche Würde, gleiche Rechte, gleiche Menschlichkeit. Sie haben Gleichheit, ohne dass man es bemerkt hätte, neu definiert. Es geht ihnen um statistische Gleichheit, um statistisch gleiche Quoten von Männern und Frauen in allen Sparten des öffentlichen und privaten Lebens.

Die Feministin Susan Okin schreibt über die Charakteristika der „gerechten Gesellschaft“: „Geschlecht hätte nicht mehr gesellschaftliche Relevanz als die Augenfarbe oder die Länge der Zehen. Es würden keine Annahmen über ‚männliche‘ und ‚weibliche‘ Rollen gemacht. Das Gebären von Kindern wäre konzeptuell so völlig vom Aufziehen der Kinder und von anderen familiären Verantwortungen getrennt, dass es ein Grund zur Überraschung und Anlass zur Sorge wäre, wenn Männer und Frauen nicht im gleichem Maße verantwortlich für das häusliche Leben wären, oder wenn die Kinder mehr Zeit mit einem Elternteil verbringen würden als mit dem anderen. Es wäre eine Zukunft, in der mehr oder weniger dieselbe Anzahl von Männern und Frauen an allen Bereich des Lebens, von der Säuglingspflege über die verschiedenen Arten bezahlter Arbeit bis zur hohen Politik teilnehmen würden.“ (Quelle: Okin, S., Justice, Gender, and the Family, New York, 1989, S. 170.)

Abwertend bezeichnet die Gender-Perspektive Unterschiede zwischen Mann und Frau als „Geschlechterstereotype“, die abgeschafft werden müssten. Die „Pekinger Aktionsplattform verurteilt es ausdrücklich, wenn Schulbücher Frauen und Männer „in traditionellen Rollen“ zeigen.

Alle „traditionellen Vorstellungen“ sollen aus Cartoons, Fernseh-Serien, Werbespots und Spielfilmen verschwinden. Stattdessen soll nur noch die angestrebte 50/50 Quotenregelung gezeigt werden: Männer und Frauen, die in gleicher Anzahl als Soldaten, Wissenschaftler, Feuerwehrleute und LKW-Fahrer arbeiten.

Aktionen, die nur Männer zeigen, sind ‚diskriminierend‘. Als Hausfrau soll eine Frau nur gezeigt werden, wenn sie ein Misshandlungsopfer ist oder ihr Ehemann ein religiöser Fanatiker.

Okin räumt zwar ein, dass es vielen Frauen Freude bereitet, sich um ein Kind zu kümmern. Aber da es Frauen wirtschaftlich verwundbar mache, wenn sie die Hauptrolle in der Säuglings- und Kinderpflege übernehme, müsse diese Rolle abgeschafft werden.

Es ist richtig, dass Frauen durch Schwangerschaft, Säuglings- und Kinderpflege verwundbar werden. Doch was ist eine angemessene Antwort darauf, eine Antwort, die auch die Bedürfnisse der Kinder miteinbezieht? Bisher haben Staat und Gesellschaft den Frauen verschiedene Formen des Schutzes angeboten, z. B. die Institution der Ehe. Okin ist nicht bereit, ein legitimes Bedürfnis der Frau nach Schutz anzuerkennen.

Die einzige Lösung für Susan Okin ist, die Unterschiede zwischen den Geschlechtern zu leugnen: „Eine gerechte und faire Lösung für das dringende Problem der Verwundbarkeit von Frauen und Kindern muss die gerechte Aufteilung von bezahlter und unbezahlter, von produktiver und reproduktiver Arbeit zwischen Männern und Frauen stärken und ermöglichen. Wir müssen auf eine Zukunft hinarbeiten, in der sich alle mit großer Wahrscheinlichkeit für diesen Lebensstil entscheiden.“ (Quelle: Okin, S., ebenda, S. 170.)

Auf diese Zukunft arbeiten heute schon viele Gender Feministinnen hin.

Die Abschaffung geschlechtlicher Verschiedenheiten um jeden Preis

Solche Theorien sind meilenweit von der alltäglichen Realität vieler Frauen in der ganzen Welt entfernt. Doch sind sie eng mit dem verbunden, was in der UN geschieht.

Die für Frauenforschung in der UN verantwortlich Behörde, INSTRAW, hat sich der gender-feministischen Auffassung angeschlossen. Auch für sie sind geschlechtliche Verschiedenheiten nur „geschlechtsstereotype Rollen“. Diese in Frage zu stellen scheint wichtiger als den konkreten Bedürfnissen von Frauen zu begegnen:

„Die praktischen Bedürfnisse von Frauen hängen in der Regel zusammen mit existierenden Geschlechterrollen, die den Frauen durch traditionelle Arbeitsteilung zugewiesen wurden. (…) Nur die praktischen Bedürfnisse zu befriedigen reproduziert lediglich diese Arbeitsteilung und die Machtverhältnisse, die den Status quo aufrechterhalten.“ (Quelle: INSTRAW, Gender Concepts in Development Planning, Basic Approach, 1995, S. 27)

Die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung ist für INSTRAW eine „institutionalisierte Form der Diskriminierung“:

„Strategische Ziele dagegen stellen bestehende geschlechtsspezifische Rollen und Stereotype, die auf der Prämisse beruhen, dass Frauen sich gegenüber Männern als Folge ihrer gesellschaftlichen und institutionellen Diskriminierung in einer untergeordneten Position befinden, in Frage. (…) Strategische Gender-Interessen suchen nach Zielsetzungen wie der politischen Gleichstellung von Frauen und Männern, der Beseitigung von institutionalisierten Formen der Diskriminierung von Frauen, der Abschaffung geschlechtsbezogener Arbeitsteilung, der Freiheit der reproduktiven Wahl und der Verhütung von Gewalt gegen Frauen.“ (Quelle: INSTRAW, ebd., S. 28)

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass INSTRAW die Frauen in den ärmeren Ländern jemals gefragt hat, ob sie ihre geschlechtsspezifische Arbeitsteilung aufgeben oder lieber praktische Hilfe möchten.

INSTRAW hat die Gender-Perspektive übernommen, wie sie schon Simone de Beauvoir vertrat: „Keine Frau soll das Recht haben, zu Hause zu bleiben und die Kinder zu erziehen. (…) Frauen sollten diese Wahlfreiheit nicht haben, denn wenn sie sie haben, werden zu viele Frauen sie wählen.“ (Quelle: Beauvoir, Simone de, zitiert in: Hoff Sommers, Ch., Who Stole Feminism, New York 1994, S. 256)

Im Klartext heißt das: Frauen sollte nicht erlaubt werden, selbst zu entscheiden, was sie wollen, denn sie sind ja nur von den gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnissen beeinflusst und wollen deshalb das Falsche: Schwangerschaft, stillen, sich um Säuglinge und kleine Kinder kümmern.

Die Gender Agenda redet davon, dass sie das Leben von Frauen verbessern möchte. Aber sie greift Frauen an, die zu Hause bei ihren Kindern bleiben möchten. Sie greift Frauen an, die ihre Kinder und Jugendlichen vor sexueller Ausbeutung schützen möchten. Sie verurteilt Frauen, die „traditionellen“ Berufen nachgehen möchten.

Die 50/50 Quoten­regelung

In zahlreichen Dokumenten wird immer wieder darauf hingewiesen, dass eine wirkliche Demokratie erst erreicht werden könne, wenn die absolute statistische Gleichheit in allen Bereichen öffentlichen und privaten Lebens verwirklicht ist.

In der „Pekinger Aktionsplattform“ geht es um:

„die Verpflichtung, folgendes einzuführen: das Ziel, einen gleichen Anteil von Frauen und Männern in Regierungsorganen und Regierungsausschüssen sowie in der öffentlichen Verwaltung und Justiz zu haben; u. a. spezifische Zielwerte festzulegen und Maßnahmen zur substantiellen Erhöhung des Frauenanteils durchzuführen, mit dem Ziel – erforderlichenfalls durch Fördermaßnahmen – eine gleiche Repräsentation von Frauen und Männern in allen Regierungs- und Verwaltungspositionen zu erreichen;… das Ergreifen von Maßnahmen – gegebenenfalls auch in den Wahlsystemen – die die politischen Parteien ermutigen, Frauen in öffentliche Wahlämter und Nichtwahlämter im gleichen Prozentsatz und gleichen Rang zu integrieren wie Männer; … das Überwachen und Evaluieren der Fortschritte bezüglich der Vertretung von Frauen.“ (Quelle: Platform for Action 192 (190))

Es ist erstaunlich, wie eloquent man eine 50/50 Quotenregelung fordern kann, ohne das Wort fünfzig zu benutzen

Gender-spezifische Statistiken

Wenn das Ziel statistische Gleichheit ist, muss diese gemessen werden. Die Pekinger Aktionsplattform fordert wiederholt gender-spezifische Statistiken. „Ungleichheit“ in der Beteiligung an bestimmten Ämtern und Positionen oder an gemessener Leistung wird als Beweis für „Diskriminierung“ herangezogen, nicht als Hinweis darauf, dass Männer und Frauen verschieden sind und möglicherweise Verschiedenes wollen.

Ziel der Gender-Agenda ist ein Meinungsklima, in dem Gleichstellung nicht mehr als Rechts- und Chancengleichheit gesehen wird, sondern als „statistisch gleicher Anteil“. Wird die statistische Gleichheit nicht erreicht, leitet die Politik des Gender Mainstreaming aktive Fördermaßnahmen zur Beendigung der „Diskriminierung“ ein.

Die Befürworter statistischer Gleichstellung können keine Belege dafür anführen, dass Männer und Frauen sich eine statistisch gleiche Beteiligung in allen Berufs- und Lebensbereichen wünschen. Für die Gender Aktivisten beweist der mangelnde Wunsch nach statistischer Gleichstellung nur, dass die Frauen durch „Geschlechtsstereotype“ sozialisiert wurden – und diese müssten abgeschafft werden.

Mehr Bürokratie

Um die Gender Agenda durchzusetzen, braucht es nicht nur neue Behörden zur Aufstellung geschlechts- bzw. gender-spezifischer Statistiken. Es braucht Experten für Gender-Analysen, Schulungen für Gender-Sensibilität und neue Ausbildungszweige für Gender Gleichstellungsbeauftragte.

Kurz: Es braucht eine wachsende Bürokratie. Je mehr die Gender Agenda umgesetzt wird, desto mehr gibt das den Studienabgängern für Gender Studies sowie den Gender-Feministen eine faktische Kontrolle über die gesellschaftlichen Institutionen.

Die Familienbefürworter setzen sich für Gerechtigkeit ein, unbedingt für Chancen- und Rechtsgleichheit für die Frau, nicht aber für statistische Gleichheit. In Wirklichkeit ist die Gender Agenda ein Angriff auf die natürlichen Unterschiede zwischen Mann und Frau und auf persönliche Entscheidungen.

Die Familienbefürworter sind der Auffassung: Kein Mädchen sollte entmutigt werden, eine Karriere in einem „nicht-traditionellen“ Beruf zu wählen, aber ebenso wenig sollte ein Mädchen dazu gezwungen werden. Einige Frauen genießen zu Recht die Herausforderung, sich in einem früher von Männern dominierten Feld zu behaupten. Künstliche Barrieren, die Frauen in der Vergangenheit von bestimmten Feldern abhielten, sollten abgebaut werden.

Aber eine durch Schaffung bestimmter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen mehr oder weniger erzwungene statistische Gleichheit ist ein direkter Angriff auf die Würde und Freiheit jedes einzelnen Menschen.

Werden künstliche Barrieren abgebaut, ändert sich tatsächlich die Verteilungsquote von Frauen und Männern in einigen Berufen. In einer Studie wurde die prozentuale Beteiligung von Frauen (18-65 Jahre) in ausgewählten Berufen im Jahre 1970 mit der im Jahr 1990 verglichen.

In einigen Bereichen gab es einen signifikanten Anstieg der Beschäftigung von Frauen: Der Anteil der weiblichen Barkeeper stieg von 26 auf 52 Prozent; der Anteil der Busfahrerinnen von 32 auf 50 Prozent, der Anteil der Anwältinnen und Richterinnen von 6 auf 26 Prozent. In anderen Bereichen aber (Soldat, Automechaniker, Bibliothekar, Krankenpflegerin, Pilot, Sekretärin, Lehrerin) blieb das prozentuale Verhältnis praktisch unverändert. (Quelle: Applied Social Research Program, Queens College, CUNY, zitiert in: Ms., Nov-Dez. 1995, S. 40.)

Es ist sogar möglich, dass der Abbau künstlicher Barrieren langfristig zeigen wird, dass sogenannte „Geschlechterstereotype“ in Wirklichkeit tatsächliche Unterschiede in den besonderen Interessen und Begabungen vieler Männer und Frauen widerspiegeln.

Feministen wollen, dass Frauen 50 Prozent aller „Entscheidungsträger-Positionen“ und wichtigen öffentlichen Ämter einnehmen. Aber Frauen fühlen sich nicht automatisch dadurch befreit, dass die Leitung in einer gigantischen Bürokratie jetzt eine Frau innehat. Frauen wollen selbst Entscheidungen treffen, unabhängig von politischen Zwängen.

Wenn es nach der ‚Pekinger Aktionsplattform‘ geht, werden den Frauen im Alltag mehr Entscheidungsspielräume entzogen und bürokratische Apparate erhalten zunehmend Macht und Einfluss.

Umgekehrte Diskriminierung

Die Forderung nach einer gleichen Quote von Männern und Frauen in politischen Ämtern führt auch nicht zu mehr Gerechtigkeit, sondern zu neuen Ungerechtigkeiten.

Eine Quotenregelung würde weiblichen Bewerbern einen unfairen Vorteil verschaffen, da weniger Frauen politische Ämter anstreben als Männer aus dem einfachen Grund: Es wird immer einen Teil von Frauen geben, auch unter den klügsten und talentiertesten, die Mutterschaft als ihre primäre Aufgabe sehen, und die deshalb auf ein zeitaufreibendes politisches Amt verzichten.

Die Durchsetzung einer 50/50-Quotenregelung nimmt außerdem Frauen und Männern die individuelle Freiheit, denjenigen Kandidaten zu wählen, den sie möchten. Nicht alle Frauen sind z. B. der Auffassung, dass ihre Interessen besser von Frauen vertreten werden.

Umgekehrt gilt auch: Wenn Frauen möchten, können sie zu 100 Prozent Frauen wählen. Wenn aber von vornherein festgelegt ist, dass 50 Prozent der Wahlämter mit Frauen besetzt werden müssen, ist das ein Angriff auf die Wahlfreiheit des Einzelnen.

Krieg gegen die Mutterschaft

Es gibt ein Haupthindernis auf dem Weg zur statistischen Gleichheit: Die Mutterschaft – die besondere Begabung der Frau, schwanger zu werden, Kinder zur Welt zu bringen, zu stillen und primäre Bindungssperson für den Säugling und das Kleinkind zu sein.

Wenn auch nur ein bestimmter Prozentsatz von Frauen Mutterschaft als ihre wichtigste Bestimmung wählt, wird statistische Gleichheit zur statistischen Unmöglichkeit.

Das wichtigste konkrete Ziel der Gender Agenda und des Gender Mainstreaming heißt deshalb: Krieg gegen die Mutterschaft.

Eine Übersicht über die feministischen Bücher zeigt: Neben Ehe und Familie stellen sie die Mutterschaft als Hauptquelle der Unterdrückung der Frau dar. Der Wunsch der Frau, „mütterlich“ zu agieren, d. h. in einer intimen, tagtäglichen, nahen Verbindung mit den Kindern zu stehen, wird als etwas gesehen, das der Frau von der „patriarchalischen Gesellschaft“ aufgezwungen wurde.

So glaubt die Feministin Nancy Chodorow: In einer Familie, in der der Vater arbeiten geht und die Mutter zuhause ist, lernt das Kind anzunehmen, dass Mann und Frau verschieden sind. Mädchen identifizieren sich mit den Müttern. Jungen lernen, dass sie nicht wie ihre Mütter sind. Hat der Gedanke von der Verschiedenheit der Geschlechter einmal Fuß gefasst, werden die Kinder auch später immer in Unterscheidungen denken – und so das Übel des Klassendenkens weitertragen. (Quelle: Chodorow, N., The Reproduction of Mothering, Berkeley 1978 (dt.: Das Erbe der Mütter, München 1985.).

Die ‚Pekinger Aktionsplattform“ enthält kein einziges positives Statement über Frauen, die ganztägig zu Hause als Mutter und Ehefrau arbeiten.

Als Lösungen für das Problem bietet die Gender Agenda u. a. an: „Ein verändertes soziales Bewusstsein“; „Retortenbabys“; die Verteilung der „Verantwortung für die Kindererziehung auf zahlreiche Haushalte“ und die „umfassende Beteiligung des Vaters an den Elternpflichten.“ (Quelle: Pogrebin, C., Family Politics, New York, 1983, S. 22-24.)

Die Familienbefürworter setzen sich sehr wohl dafür ein, dass Väter eine aktive Rolle in der Erziehung ihrer Kinder spielen. Kinder brauchen Mutter und Vater, aber das heißt nicht, dass jeder von ihnen genau gleich viel Zeit zu Hause und außer Haus verbringen muss. Mütterliche und väterliche Aufgaben sind nicht identisch.

Familienbefürworter sagen auch nicht, dass jede Mutter zu Hause bleiben solle oder dass Väter sich nicht an der Arbeit im Haushalt beteiligen sollten. Sie sind der Auffassung, dass jedes Paar das Recht hat, selbst zu entscheiden, wie sie Familienarbeit und Erwerbstätigkeit aufteilen möchten. Wenn Mann und Frau sich jeder zu gleichen Teilen an der Familienarbeit und der Erwerbstätigkeit beteiligen wollen, muss das möglich sein.

Wenn aber z. B. die Mutter ganz zu Hause bei den Kindern bleiben möchte und nur der Vater außer Haus arbeitet, sollte sich keine Regierung einmischen und diese Familie in irgendeiner Weise finanziell oder ideell bestrafen.

Kinder brauchen eine eins-zu-eins-Beziehung

Die neue Hirnforschung zeigt: Die ersten fünf Jahre eines Kindes sind die wichtigsten für die Entwicklung des Gehirns. Das Kind braucht in dieser Zeit intensive „eins-zu-eins“-Beziehungen. Kinder sind von Geburt an ausgestattet mit einer Person, die die „eins-zu-eins“-Beziehung geben kann: Mit der Mutter.

Selbst eine Mutter, die sehr gut verdient, kann sich nur in seltenen Fällen eine Ersatzmutter leisten, die die notwendige intensive Dauer-Bindungsarbeit übernimmt. Eine Mutter, die nur durchschnittlich verdient, kann ihre Kinder nur in Kinderkrippen geben, wo immer mehrere Kinder auf eine Bezugsperson kommen und es immer eine Fluktuation der Betreuerinnen geben wird.

Feministen sagen, dass die Gesellschaft Müttern ein schlechtes Gewissen mache, wenn sie bald nach der Geburt wieder arbeiten gehen. Aber wahrscheinlich ist es umgekehrt: Die Mütter haben von sich aus ein schlechtes Gewissen, weil sie spüren, dass auch der beste Krippenplatz nur zweite Wahl ist.

Die Auffassung der Gender Aktivisten ist, dass es „Frauen Power“ nur gibt, wenn jede Frau berufstätig und damit finanziell autonom ist. Doch wo bleiben Schwangerschaft, Geburt und Säuglingspflege? Wo bleiben die Bindungsbedürfnisse des Kindes?

Die Gender Agenda fragt nicht zuerst nach dem, was Kinder brauchen; sie hat nur ein kurzsichtiges Ziel im Auge: Um jeden Preis die Geschlechterdifferenzen einzuebnen.

Wenn eine Frau nicht erwerbstätig ist, weil sie für die Familie da sein möchte, ist sie abhängig davon, dass der Mann die gesamte finanzielle Verantwortung übernimmt. Solche ökonomische „Abhängigkeit“ bringt aber Frauen die „Power“, sich frei für das Muttersein entscheiden zu können. Die Familienbefürworter sind der Auffassung, dass eine Frau das Recht haben muss, ohne finanzielle oder gesellschaftliche Zwänge selbst entscheiden zu können, ob sie vollzeitig berufstätig sein möchte oder vollzeitig Mutter oder Teilzeit erwerbstätig.

Feministen bestehen darauf, dass nur erwerbstätige Frauen autonom sind. Doch wenn der größte Teil des Einkommens der Frau durch höhere Steuern, für Krippenplätze und andere Dienstleistungen, die die Frau vermehrt aufgrund ihrer Berufstätigkeit braucht, schon aufgefressen werden, wo liegt der Vorteil?

Einige Frauen sagen, dass sie zu Hause wirkliche Autonomie erleben. Sie können sich den Tag einteilen, selbst Entscheidungen treffen. Oft sind sie für das Management des Familieneinkommens zuständig und machen das Beste daraus.

Ein Argument, Frauen in die Erwerbsarbeit zu locken, heißt: Die Gesellschaft braucht die Talente und Gaben aller Bürger und Bürgerinnen. Für Mütter, die zu Hause sind, ist das eine Beleidigung. Sie besagt, dass Mütter, die sich zu Hause ihren Kindern widmen, ihre Talente vergeuden. Einem Kind zu helfen, zur Welt zu kommen und emotional sicher und mit guten Bindungsfähigkeiten aufzuwachsen, ist aber die wichtigste Arbeit, die in einer Gesellschaft getan werden kann.

Vollzeit-Mütter wehren sich dagegen, Bürger zweiter Klasse zu sein

Vollzeit-Mütter wehren sich dagegen, dass sie nur Bürger zweiter Klasse sein sollen, gefangen in „niederen, unterwürfigen“ Rollen, die nur darauf warten, durch Vollzeit-Erwerbstätigkeit befreit zu werden, so dass sich endlich die Gesellschaft ihrer Gaben und Talente bedienen kann.

Auf der Weltfrauenkonferenz bemerkte eine Amerikanerin, die zur Familienkoalition gehörte: „Uns sind keine Chancen genommen worden. Feministinnen scheinen zu denken, dass Vollzeit-Mütter das Haus nicht verlassen. Wir sind hier, in Peking!“

Unter den Müttern der Familienkoalition war eine Frau mit acht Kindern, die das Institut „National Institute of Womanhood“ („Nationales Institut für die Frau“) gegründet hatte. Eine andere Vollzeit-Mutter in Peking war Herausgeberin einer Frauenzeitschrift. Wieder eine andere leitete eine ehrenamtliche Initiative gegen die Ausbreitung der Prostitution.

Vorbedingung einer echten Partnerschaft zwischen Frau und Mann ist nicht, dass beide statistisch gleich viel Haus- und Erwerbsarbeit übernehmen. Vollzeitige Mutterschaft gibt Frauen Zeit- und Energie-Freiräume, die erwerbstätige Mütter oft nicht haben. Damit können sich Vollzeit-Mütter in vielerlei Weise in der Gesellschaft engagieren. Viele Frauen würden gerne zu Hause bleiben, müssen aber aus finanziellen Gründen erwerbstätig sein.

Wovon werden die Kinderkrippen bezahlt? Von Steuern – und hohe Steuern führen dazu, dass die Mutter erwerbstätig sein muss, weil sonst das Familieneinkommen nicht reicht.

Die finanziellen Zwangslagen kommen aber oft nicht von unsichtbaren „unausweichlichen“ ökonomischen Kräften, sondern sind von anderen geplant und gemacht. Die Gender Feministen sagen: „Heutzutage müssen die Frauen arbeiten gehen“. Was sie nicht sagen, ist, dass sie dafür gearbeitet haben, dass heutzutage die Frauen arbeiten gehen müssen.

Die Vertreter von Ehe und Familie sind gegen die Gender-Perspektive – nicht weil sie gegen Fortschritt in Frauenfragen wären, sondern gerade weil sie für die Frauen sind. Sollte die erträumte Zukunft der Feministinnen je wahr werden, wird die Welt weniger gerecht, weniger frei und weniger menschlich sein.

Anmerkungen:

Alle Zitate aus Fremdquellen sind nach dem Buch von Dale O’Leary direkt aus dem Englischen übersetzt mit Ausnahme der Zitate von Friedrich Engels und Judith Butler.

Auch die Zitate aus der „Pekinger Aktionsplattform“ sind direkt aus dem Englischen übersetzt. Im Internet ist einzusehen: Bericht der Vierten Weltfrauenkonferenz, Anlage II, Aktionsplattform, auszugsweise Übersetzung des Dokuments A/CONF.177/20 vom 17. 10. 1995, www.un.org/Depts/german/conf/beijing/beij_bericht.html

Dr. med. Christl Ruth Vonholdt ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und frühere Leiterin des Deutschen Instituts für Jugend und Gesellschaft. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind u. a. die Entwicklung von Identität, Bindungstheorien, Sexualität, Auseinandersetzung mit den Gender-Theorien und christliche Anthropologie. Der Artikel erschien ursprünglich im Deutschen Insitut für Jugend und Gesellschaft dijg.de: Die Gender Agenda (Teil 2). Teil 1 ist hier zu lesen.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Meinung des Verlags oder die Meinung anderer Autoren dieser Seiten wiedergeben.

Weitere Artikel:

„Gender Mainstreaming“ und die Rolle der UNO (Teil 1)

Der unbemerkte Niedergang: Eine Zivilisation gibt sich auf

Gender-Mainstream und „Sexualpädagogik der Vielfalt“: Welcher Zweck wird damit verfolgt? Wem nützt es?

Der Zerfall der Werte und die Gewöhnung der Gesellschaft an Verwahrlosung

Themen
Newsticker