Lügde-Prozess geht in die Zielgerade – Angeklagten droht lange Haft mit Sicherungsverwahrung

Epoch Times3. September 2019 Aktualisiert: 3. September 2019 13:37
Am Donnerstag will das Detmolder Landgericht die Urteile gegen die beiden Angeklagten sprechen. Die meisten Zeugenvernehmungen fanden aus Opferschutzgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Der Großteil der Opfer war zu den Tatzeiten zwischen drei und 14 Jahren alt.

Der jahrelang unentdeckte massenhafte Kindesmissbrauch von Lügde gilt als einer der größten Skandale der vergangenen Jahrzehnte.

Nun geht der Hauptprozess um die hundertfachen Sexualstraftaten auf dem Campingplatz der nordrhein-westfälischen Stadt auf die Zielgerade.

Am Donnerstag will das Detmolder Landgericht die Urteile gegen die beiden Angeklagten sprechen. Dabei drohen den geständigen Männern hohe Haftstrafen mit anschließender Sicherungsverwahrung.

Die Urteile gegen den 56-jährigen früheren Dauercamper Andreas V. aus Lügde und den 34-jährigen Mario S. aus Steinheim im Kreis Höxter sollen gut sieben Monate nach Bekanntwerden der Missbrauchsfälle fallen – und genau zehn Wochen nach dem Beginn des Prozesses.

In diesen gut zwei Monaten vernahm die Detmolder Jugendschutzkammer an insgesamt zehn Verhandlungstagen 33 Zeugen, darunter 16 Opfer und zwölf Angehörige.

Zeugenvernehmungen unter Ausschluss der Öffentlichkeit

Die meisten Zeugenvernehmungen fanden aus Opferschutzgründen unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt: Der Großteil der Opfer war zu den Tatzeiten zwischen drei und 14 Jahren alt.

V. und S. gelten als Haupttäter der Missbrauchsserie, die bundesweit Entsetzen auslöste. Die Staatsanwaltschaft fordert für die beiden geständigen Männer lange Haftstraßen mit anschließender Sicherungsverwahrung.

V. soll nach dem Willen der Anklage für 14 Jahre hinter Gitter, S. für zwölfeinhalb Jahre. Viele der 17 Nebenklageanwälte schlossen sich dieser Strafmaßforderung an, einige Opferanwälte beantragten noch höhere Strafen.

V.s Verteidigung plädierte auf zwölf Jahre Haft, ohne sich in ihrem Schlussvortrag zur Frage einer möglichen Sicherungsverwahrung zu äußern. Die Verteidigung von S. nannte in ihrem Plädoyer kein konkretes Strafmaß.

Zum Prozessbeginn am 27. Juni hatten wegen der Missbrauchsserie von Lügde noch drei Beschuldigte auf der Anklagebank gesessen.

Der dritte Angeklagte aus Stade in Niedersachsen legte ebenfalls ein Geständnis ab und wurde bereits am 17. Juli wegen Beihilfe und Anstiftung zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt.

Mildes Urteil stößt auf Kritik

In Teilen der Öffentlichkeit und bei Nebenklägern stieß dieses als zu milde empfundene Urteil auf harsche Kritik. Die Staatsanwaltschaft legte Revision ein – sie hatte zwei Jahre und neun Monate Haft gefordert und damit eine Freiheitsstrafe, die nicht mehr zur Bewährung ausgesetzt werden kann.

Das offenkundige Behördenversagen bei der Lügder Missbrauchsserie war nicht Thema des Detmolder Strafprozesses. Zwar hob die Vorsitzende Richterin Anke Grudda bereits am ersten Verhandlungstag hervor, dass der lange Tatzeitraum von rund zwei Jahrzehnten und die große Zahl der Straftaten „fassungslos“ mache.

Aber Versäumnisse von Behörden und die Frage, warum die Missbrauchstaten so lange unentdeckt blieben, seien nicht Gegenstand der Hauptverhandlung.

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Bei den Ermittlungen zu den Serienstraftaten auf dem Campingplatz Eichwald in Lügde-Elbrinxen war bei der Polizei Lippe Beweismaterial verschwunden.

Dauercamper V. hatte Mädchen als Pflegetochter

Auch das Verhalten von Jugendämtern im Tatzeitraum wurde scharf kritisiert. So war dem früheren Dauercamper V. ein Mädchen als Pflegetochter anvertraut worden.

Als die Missbrauchsserie Ende Januar endlich bekannt wurde, reagierte Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul (CDU) alarmiert.

Er richtete eine Stabsstelle Kindesmissbrauch und Kinderpornografie im Düsseldorfer Innenministerium ein, die auf diesen Deliktfeldern neue Strukturen in der Polizeiarbeit vorantreiben soll.

Auch ein politisches Nachspiel werden der Missbrauchsskandal und die zutage getretenen Versäumnisse staatlicher Stellen haben.

Im Juni setzte der Düsseldorfer Landtag einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss ein. Das Parlamentsgremium soll das Vorgehen der Ermittlungsbehörden, der Jugendämter und der nordrhein-westfälischen Landesregierung im Fall Lügde durchleuchten. (afp)