Merkel, Macron und ein schwieriger Frieden

Epoch Times9. November 2018 Aktualisiert: 9. November 2018 16:01
Im Wald von Compiègne unterzeichneten die Deutschen zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in einem Eisenbahnwaggon den Waffenstillstand und damit ihre Kapitulation. Heute freffen sich der französische Präsident Macron und Kanzlerin Merkel am gleichen Ort.

Es ist ein mit Geschichte überfrachteter Ort, an den der französische Präsident Emmanuel Macron Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Samstag eingeladen hat: Auf einer Waldlichtung bei Compiègne nordöstlich von Paris will der Staatschef den Grundstein für eine neue deutsch-französische Erinnerungskultur legen – hundert Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs 1918.

Merkel ist die erste deutsche Kanzlerin, die diesen hochsymbolischen Ort besucht. Denn der Ort war tabu, seit Adolf Hitler ihn zur Demütigung der Franzosen nutzte.

Im Wald von Compiègne unterzeichneten die Deutschen zum Ende des Ersten Weltkriegs vor 100 Jahren in einem Eisenbahnwaggon den Waffenstillstand und damit ihre Kapitulation.

Hitler rächte sich im Juni 1940 nach dem deutschen Einmarsch in Frankreich für die „Schmach“, indem er denselben Waggon wieder aus dem Museum holen und in den Wald schaffen ließ. Historische Bilder zeigten den Diktator bestens gelaunt auf der Lichtung, er persönlich diktiert den Franzosen im Waggon die Friedensbedingungen.

Macron will den „Ort der Revanche“ nun gemeinsam mit der Kanzlerin in einen Ort der „allerletzten Versöhnung“ zwischen Deutschland und Frankreich umdeuten, wie einer seiner Mitarbeiter es formuliert. Um Fallstricke beim Besuch Merkels zu vermeiden, hat das französische Protokoll die Zeremonie betont nüchtern gehalten: Merkel und Macron werden der geschätzten zehn Millionen Toten des Ersten Weltkriegs schweigend gedenken, Reden sind nicht vorgesehen.

Beide Politiker werden einen Kranz niederlegen und eine Plakette einweihen, auf der in Deutsch und Französisch zu lesen sein wird:

„Anlässlich des 100. Jahrestags des Waffenstillstands vom 11. November 1918 haben der Präsident der französischen Republik, Emmanuel Macron, und die Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland, Angela Merkel, hier die Bedeutung der deutsch-französischen Aussöhnung im Dienste Europas und des Friedens bekräftigt.“

Eine heikle Lichtung im Wald

Doch auch die französische Erinnerungskultur steht einem zeitgemäßen Gedenken teilweise im Wege. Denn die 1922 angelegte und in den 1930er Jahren erweiterte Gedenkstätte von Compiègne strotzt vor Siegesbewusstsein.

Im Zentrum der Waldlichtung liegt der monumentale „heilige Stein“, der verkündet: „Hier unterlag am 11. November 1918 der kriminelle Hochmut des deutschen Reichs, besiegt von den freien Völkern, die zu unterjochen es beansprucht hatte.“ Am Fuße dieses Steins soll die neue Gedenkplakette angebracht werden.

Für die Feierlichkeiten zum 100. Jahrestag haben die Franzosen alleine 20.000 Euro aufgewendet – 5000 Euro aus Spenden -, um die Inschrift des „heiligen Steins“ wieder besser lesbar zu machen. Unweit steht ein Denkmal von 1922 für die Wiederangliederung Elsass-Lothringens an Frankreich. Es zeigt den am Boden liegenden deutschen Adler, durchbohrt von einem Schwert.

Die französische Präsidentschaft hofft, Aussöhnungsgeschichte schreiben zu können: Merkel und Macron träten „in die Fußstapfen von Helmut Kohl und François Mitterrand“, heißt es aus dem Elysée-Palast. Die Bilder von dem Kanzler und dem Präsidenten, die sich auf einem Soldatenfriedhof in Verdun im September 1984 an den Händen hielten, gingen um die Welt.

Vermutlich wird besonders ein Bild von diesem Samstag in Erinnerung bleiben: Merkel und Macron im Nachbau des historischen Eisenbahnwaggons – das Original wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört. Diesmal dürften die Vertreter Deutschlands und Frankreichs nebeneinander sitzen, wenn sie sich im Waggon in das Goldene Buch eintragen – und nicht konfrontativ gegenüber, wie 1918 und 1940. (afp)

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