„Nehmt keine Juden und Christen zu Gefährten“: Konya lässt Hass-Plakat nach Protesten entfernen

Von 24. Oktober 2019 Aktualisiert: 24. Oktober 2019 17:17
In der als streng religiös geltenden türkischen Stadt Konya haben islamistische Jugendorganisationen in einem gemeindeeigenen Schaukasten eine Hassbotschaft gegen Juden und Christen ausgehängt. Nach Protesten hat die AKP-Stadtregierung sie entfernt.

Das südwestanatolische Konya ist mit 2,1 Millionen Einwohnern die siebtgrößte Stadt der Türkei. Über Jahrhunderte hinweg war sie Zentrum islamischer Mystik und Sitz einer Vielzahl von Sufi-Orden. Nach deren Verbot durch die kemalistische Führung in der türkischen Republik entwickelte sich die Stadt auch zum Zentrum des politischen Islam.

Die islamistischen Bewegungen des Milli-Görüs-Gründers Necmettin Erbakan konnten in Konya stets deutlich überdurchschnittliche Ergebnisse erzielen, ebenso wie die nationalistischen Parteien MHP und BBP. Nach Gründung der AKP unter Recep Tayyip Erdoğan stellte diese mit Ergebnissen von deutlich über 60 und zum Teil über 70 Prozent auf kommunaler Ebene die absolute Mehrheit, die radikaleren Islamisten von der Saadet und die national-religiöse BBP konnten jedoch weiterhin Achtungserfolge verzeichnen.

Koranstelle aus einer Zeit der Stammesfehden

Jüngst erregte die Stadt weit über die Grenzen der Türkei hinweg Aufsehen – aber nicht aufgrund ihrer historischen und kulturellen Reize, sondern durch ein Plakat, das in einem gemeindeeigenen Schaukasten an einer Bushaltestelle ausgehängt war.

Darauf wurde, wie die „Jerusalem Post“ berichtet, ein Text aus der Sure 5, Vers 51 des Koran wiedergegeben, in dem es heißt:

Nehmt nicht die Juden und die Christen zu Verbündeten. […] Wahrlich, Allah weist nicht dem Volk der Ungerechten den Weg.“

Die Sure stammt aus der Zeit, in der sich nach islamischer Überlieferung der Prophet Mohammed in Medina befand, wo er inmitten teils religiös aufgeladener Stammesfehden als Schiedsrichter im Auftrag der Stadtoberen wirken sollte. In diesem Zusammenhang geriet er zusammen mit seinen muslimischen Gefährten in Konflikt mit den jüdischen Stämmen der Stadt, nachdem er einen davon, die Banū Qainuqāʿ, nach einer tödlichen Auseinandersetzung auf dem Markt vertreiben ließ.

Die Aufforderung aus Koran 5, 51 erging, nachdem ein Konvertit trotz der bestehenden Fehde zwischen den muslimischen Arabern und den jüdischen Stämmen Medinas noch enge geschäftliche Beziehungen zu diesen gepflegt hatte. Zahlreiche heutige Interpretationen wollen den Vers auf den damaligen Kontext beschränkt wissen, andere leiten daraus eine Mahnung ab, Muslime sollten sich nicht auf Zusagen von Nichtmuslimen verlassen, besonders radikale Lesarten wollen ein heute noch gültiges Gebot der Abschottung daraus ableiten.

Symbolische Beschneidung des Weihnachtsmanns

Die Urheber des Plakats dürften zum Kreis der Letztgenannten gehören. Sie beide, die Milli Genclik Vafki (Stiftung der Nationalen Jugend; MGV) und die Anadolu Gençlik Derneği (Anatolische Jugendvereinigung; AGD), stammen aus dem Umfeld der panislamischen Saadet-Partei, die immer noch ungebrochen an den Ideen des Milli-Görüs-Gründers Erbakan festhält und Erdoğans AKP als zu moderat einschätzt.

Die AGD hatte bereits Ende 2016 international für Aufsehen gesorgt, als sie vor der Fakultät für Literatur und Wissenschaft der Universität Istanbul eine Versammlung abhielt und dabei eine aufgeblasene Weihnachtsmannfigur erst einer symbolischen Beschneidung unterzog und dann zerstach. Im gleichen Jahr machten auch Anti-Weihnachts-Plakate in mehreren türkischen Städten wie jenes in Ikitelli die Runde, auf denen ein entrüsteter Mann mit traditioneller türkischer Kopfbedeckung einem Weihnachtsmann einen Faustschlag versetzte.

Wie „Ahval“ am Dienstag (22.10.) berichtete, hat die AKP-geführte Verwaltung von Konya nun nach Protesten die Plakate mit der Koransure entfernen lassen. Mehrere Oppositionspolitiker und Medienkommentatoren hatten diese zuvor als „Hassrede“ gebrandmarkt. Offizielle Vertreter der christlichen und jüdischen Gemeinden der Türkei hatten sich nicht zu der Angelegenheit geäußert.

Türkei-Analyst Louis Fishman von der Universität Brooklyn sprach auf Twitter von einem „gemeinsamen Erfolg von Muslimen, Christen und Juden, Säkularen und Religiösen, Türken, Kurden, Armeniern und mehr“. In der zu 98 Prozent als muslimisch geltenden Türkei gehören bis zu 320 000 Einwohner christlichen Gemeinden und etwa 12 000 dem Judentum an.

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