Neuer Angriff auf letzte syrische Islamistenbastion Idlib – erneute Fluchtwelle in die Türkei möglich

Epoch Times30. Mai 2019 Aktualisiert: 30. Mai 2019 8:46
Syriens Regierung und Russland verstärken ihre Angriffe auf die letzte syrische Islamistenbastion Idlib. Nun wächst international die Sorge vor einer neuen Großoffensive, die eine humanitäre Krise und eine neue Fluchtwelle in die Türkei nach sich ziehen könnte.

Seit Ende April haben die syrischen Regierungstruppen und ihre russischen Verbündeten ihre Angriffe auf die letzte Rebellenbastion Idlib verstärkt. Hunderte Zivilisten wurden bereits getötet und dutzende Krankenhäuser, Schulen und Märkte zerstört.

Eigentlich gilt für die Region seit September eine Waffenruhe, doch wurde die von der Türkei und Russland ausgehandelte Vereinbarung nie komplett umgesetzt. Die Angriffe wecken nun die Sorge vor einer neuen Großoffensive auf Idlib.

Warum ist Idlib wichtig?

Die Provinz im Nordwesten Syriens ist die letzte Region unter Kontrolle der islamistischen Rebellen. Der Großteil von Idlib und der angrenzenden Gebiete in den Provinzen Hama, Aleppo und Latakia werden von der Dschihadistenallianz Hajat Tahrir al-Scham (HTS) kontrolliert, die aus dem syrischen Al-Kaida-Ableger hervorgegangen ist. Rivalisierende islamistische Rebellengruppen mussten vergangenes Jahr nach einem Machtkampf ihre Gebiete räumen.

Mehr als drei Millionen Menschen leben in der ländlichen Region an der Grenze zur Türkei – die Hälfte davon Flüchtlinge aus anderen Landesteilen. Neben Zivilisten haben sich auch zehntausende Islamisten in Idlib gesammelt, die frühere Rebellenbastionen wie Aleppo, Daraa und Ost-Ghuta verlassen mussten. Im Fall einer Großoffensive wird mit heftigen Kämpfen gerechnet. Es droht zudem eine humanitäre Krise und eine neue Fluchtwelle in die Türkei.

Was ist bisher passiert?

Um eine Offensive der Truppen des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad abzuwenden, vereinbarten die Türkei und Russland im vergangenen September eine Waffenruhe für Idlib. Die Vereinbarung von Sotschi sieht auch den Abzug aller Islamisten und schwerer Waffen aus einer Pufferzone um die Region vor. Zur Überwachung der Waffenruhe stationierte die Türkei tausende Soldaten auf Beobachtungsposten um Idlib.

Die Pufferzone wurde jedoch nie vollständig umgesetzt. Auch gelang es der Türkei nicht, den Einfluss der Islamisten zurückzudrängen. Stattdessen brachte HTS vergangenes Jahr fast die ganze Region unter ihre Kontrolle. Ende April starteten die Assad-Truppen neue Artillerie- und Luftangriffe auf HTS-Stellungen im Süden von Idlib und in angrenzenden Gebieten. Dabei wurden bereits dutzende Kliniken, Schulen und Märkte zerstört.

Will Assad Idlib erobern?

Der Experte Aron Lund bezweifelt, dass Assad die Region komplett erobern will. „Die Einnahme des ganzen Gebiets wäre eine riesige Operation, der sich die Türkei sicher widersetzen würde“, sagt der Forscher von „The Century Foundation“. Schließlich würde eine Großoffensive hunderttausende Flüchtlinge zur türkischen Grenze treiben. Vielmehr gehe es Damaskus um die Einnahme kleinerer Gebiete am Rand von Idlib.

Wie der Regionalexperte Sam Heller sagt, könnte Assad damit die Distanz zwischen den HTS-Gebieten und dem russischen Militärstützpunkt Hmeimim und anderen wichtigen Einrichtungen vergrößern, die immer wieder von Idlib aus beschossen werden. Außerdem könnte Damaskus mit der Offensive den Druck auf die Türkei erhöhen, ihren Teil der Vereinbarung von Sotschi umzusetzen, sagt der Experte der „International Crisis Group“.

Was wollen die Türkei und Russland?

Der Deal sieht vor, dass die Türkei Druck auf die Islamisten ausübt, zwei wichtige Straßen für den Verkehr freizugeben. Dies sind die wichtige Nord-Süd-Verbindung M5 sowie eine Straße von Hama nach Latakia. Die Türkei will eine Offensive unbedingt verhindern und hält trotz der Kämpfe an ihren Beobachtungsposten um Idlib fest. Sie hat aber nur begrenzt Einfluss in Idlib, seitdem dort die protürkischen Rebellengruppen von HTS verdrängt wurden.

Russland unterstützt zwar das Vorgehen Assads in Idlib, hat jedoch derzeit kein Interesse an einer internationalen Krise. Nach Einschätzung des Militärexperten Nawar Oliver will Russland nicht seine Beziehungen zur Türkei oder den Astana-Prozess mit Ankara und Teheran zum Syrien-Konflikt aufs Spiel setzen. Noch sei die Vereinbarung von Sotschi nicht tot, sagt der Forscher vom „Omran Centre for Strategic Studies“. „Es gibt noch Hoffnung.“ (afp)

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