Peter Scholl-Latour – sein letztes Buch: Der Fluch der bösen Tat

Titelbild
Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte der Bestsellerautor seine allerletzten handschriftlichen Manuskripte fertiggestellt, die dann dem Verlag übergeben wurden. Scholl-Latour benutzte weder einen PC, noch Internet, E-Mail oder Handy.Foto: Cover Prpyläen Verlag
Von 11. September 2014

Die deutsche Medienlandschaft ist ärmer geworden, als am 16. August 2014 Peter Scholl-Latour im Alter von 90 Jahren in Rhöndorf am Rhein gestorben ist. Deutschlands erster Bundeskanzler, Konrad Adenauer, starb im Alter von 91 Jahren am 19. April 1967 in Rhöndorf. Auf dem dortigen Waldfriedhof wurde im engsten Familienkreis ohne Medienpräsenz einer der herausragendsten und universal gebildetsten Journalisten unserer Zeit in aller Stille begraben. Ein Staatsakt in der Frankfurter Paulskirche oder Vergleichbares war nicht nötig – große Menschen sind von vornehmer Bescheidenheit geprägt.

Für das Motto seines am 12. September 2014 in Berlin erscheinenden Buchs wählte Scholl-Latour ein Zitat aus Friedrich Schillers „Wallenstein“: „Das eben ist der Fluch der bösen Tat, dass sie fortzeugend, immer Böses muss gebären“.  Nur wenige Tage vor seinem Tod hatte der Bestsellerautor seine allerletzten handschriftlichen Manuskripte fertiggestellt, die dann dem Verlag für den späteren Druck übergeben wurden. Scholl-Latour benutzte weder einen PC, noch Internet, E-Mail oder Handy.

Er hat wie kaum ein Zweiter fast 200 Länder der Erde bereist, war seit seinen frühesten Tagen in allen großen Krisengebieten und galt bis zuletzt als einer der renommiertesten Kenner sämtlicher Konfliktherde auf der Erde. An ein persönliches Ereignis möchte ich erinnern: In meiner aktiven beruflichen Laufbahn war ich u.a. ständig in London. Oftmals wohnte ich im Hilton Hotel Park Lane am Hyde Park. 

Am 5. September 1975 gab es in diesem Hotel einen Terror-Anschlag der IRA. Peter Scholl-Latour und ich begegneten uns in der Lobby, und wir verließen gemeinsam fluchtartig das Hotel; ich lud ihn ein zu einigen Drinks in meinen Business-Club auf der Mall, unweit des Buckingham Palace. Wir hatten eine wunderbare, völlig einvernehmliche Unterhaltung – er war damals 52 Jahre alt und extrem weltenkundig, ich war 31 Jahre und noch am Beginn wichtiger Entdeckungen. Die jesuitische Schul- und Geistesbildung hat uns auch verbunden.

Peter Scholl-Latour hat wahrscheinlich weit mehr Kriegs- und Krisenherde besucht als einer seiner wagemutigen Kollegen.

"Gefangene der eigenen Lügen"

Das erste Kapitel seines letzten 350-Seiten-Buchs ist überschrieben mit: „Gefangene der eigenen Lügen“. Und die wichtigsten Zeilen aus der Feder des bedeutenden Welterklärers sollten jedem Leser in dieser bedrohlichen Zeit zu denken geben:

·        „…Vor einem Jahr konnte die Welt mit Gelassenheit auf das anstehende Jahr 2014 blicken. Eine kriegerische Konfrontation auf europäischem Boden schien nicht mehr vorstellbar. Man redete sich ein, aus den schrecklichen Lektionen des Ersten Weltkriegs gelernt zu haben. Heute sind diese Illusionen zerplatzt…

·        Der absurdeste Territorialkonflikt spielt sich in der Ukraine ab, und das Blutvergießen erreicht seinen Höhepunkt präzis in einer Region, die im Zweiten Weltkrieg zu den blutigsten Schlachtfeldern gehörte…

·        Am 17. Juli passierte der tragische Absturz der Malaysian-Airways-Maschine MH 17, der den bislang kontrollierbaren Widerstreit vollkommen aus dem Ruder laufen ließ. Es lag bestimmt nicht im Interesse Wladimir Putins, eine solche Tragödie heraufzubeschwören. Das dramatische Ereignis, das Russland sofort der allgemeinen Verurteilung aussetzte, war für den russischen Staatschef ein schwerer Rückschlag. Wenn eine Regierung ein Interesse daran hatte, eine solche Eskalation zu vermeiden, dann diejenige im Kreml. Aber der Schuldspruch war schon gefällt…

·        Durch einen grausamen Zufall wurden am gleichen Tag die Furien des Krieges in unmittelbarer Nachbarschaft Europas entfesselt. Der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu gab seiner Armee den Befehl, in den Gaza-Streifen einzurücken und die dort eingebunkerten Tunnel der palästinensischen Widerstandsbewegung zu sprengen.

·        Die Verluste unter der palästinensischen Zivilbevölkerung waren entsetzlich und trugen dazu bei, dass die Weltöffentlichkeit, die bislang Israel zuneigte, in Protest und sogar Abscheu gegen den Judenstaat umschlug…

·        Die arabische Welt, deren Schwankungen und Exzesse kaum zu erklären sind, hat sich in einen Zustand begeben, der sie schon unmittelbar nach dem Tod des Propheten heimgesucht hatte – in die innere Spaltung und Zerrissenheit, die Fitna…

·        Während Barack Obama alle Schuld für den ukrainischen Bürgerkrieg der Kreml-Führung anlastet – vielleicht um seine berechtigte Kritik an Benjamin Netanjahu etwas milder gestalten zu können –, scheinen der Abzug von ISAF aus Afghanistan und die ungelösten Machtverhältnisse am Hindukusch völlig aus den Schlagzeilen verschwunden…

·        Ich bin mir bewusst, dass ich mich mit dieser Einführung dem Vorwurf des Antiamerikanismus aussetze. Aber wir erliegen spätestens seit dem IRAK-Feldzug einer umfassenden Desinformation, die in den USA, Großbritannien und Israel durch perfekt organisierte Institutionen betrieben wird und im Grunde ebenso ernst zu nehmen ist wie die allgegenwärtige Überwachung durch die NSA…

·        Der dümmste Ausdruck, der den deutschen Kommentatoren in den vergangenen Monaten eingefallen ist, um jene Stimmen zu diffamieren, die ein Minimum an Objektivität bei der Beurteilung der russischen Diplomatie anforderten, lautet ‚Putin-Versteher’.

·        Der frühere US-Botschafter in Berlin John Kornblum hat mich 2003 bei einer öffentlichen Anhörung zum zweiten IRAK-Krieg als Feind der USA bezeichnet, um mir nach dem Desaster von Bagdad und dem Zerplatzen der Illusionen eines amerikanischen ‚nation-building’ im arabischen Raum unter vier Augen zuzugestehen, dass ich am Ende Recht behalten hätte…“

Diese maßstäblichen Aussagen lesen wir auf den Seiten 9 – 19 des Buches eines Mannes, der kenntnisreicher als viele der machtvollen Politiker ist. Was uns die Masse der Medien verschweigen oder verheimlichen müssen, wird hier faktenreich offengelegt.

Was Helmut Schmidt sagte

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt sagte bei dem Festakt zum 90. Geburtstag von Peter Scholl-Latour Anfang März 2014 in Berlin u.a.: „Journalisten können auf sehr unterschiedliche Arten den Lauf der Welt kommentieren. Zum Beispiel aus der bequemen Perspektive heimischer Schreibstuben. Oder aber: Sie begeben sich selbst in die Fremde und machen sich ein eigenes Bild. Zweifellos gehört Peter Scholl-Latour eindeutig zur letzten Gattung… Ich nehme mir die Freiheit, Peter Scholl-Latour als meinen Freund anzureden… Seine Arbeit hat gezeigt, dass es möglich ist, sich gegen den Mainstream der öffentlichen Meinung zu stellen. Ich erinnere, wie Peter Scholl-Latour dem westlichen Jubeltaumel über den Arabischen Frühling mit berechtigter Skepsis begegnete. Vorausschauend hat er die Erwartung einer raschen Demokratisierung nach westlichem Vorbild als naive Utopie entlarvt…“

Damit endet das Buch auf Seite 345.

Foto: Cover Prpyläen Verlag

Peter Scholl-Latour

Der Fluch der bösen Tat

Hardcover

Propyläen-Verlag Berlin

ISBN: 9783549074121

Erscheint: 12.09.2014

24.99 Euro

ePub

Propyläen-Verlag Berlin

ISBN: 9783843709491

Erscheint: 12.09.2014

19.99 Euro



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