Roma – Volk ohne Land

Von 22. Januar 2012 Aktualisiert: 22. Januar 2012 0:21
Es scheint ein Bürgerkrieg im Verborgenen. Sinti und Roma in Osteuropa werden von Rechtsextremisten oder gar von Staats wegen verfolgt und ausgegrenzt. Der Rassismus scheint oftmals inoffiziell als gesellschaftsfähig.

Im der kommunistischen Ära offiziell assimiliert, verloren viele Roma in Osteuropa nicht erst seit der Finanzkrise ihre wirtschaftliche Grundlage, deren traditionellen Berufe wie Kesselflicker oder Bärenführer sind im modernen Europa nicht gefragt. Ihre große Mehrheit lebt in tiefster Armut und hat ein immenses, historisch aufgehäuftes Modernisierungsdefizit. Nicht wenige werden in die Kriminalität gedrängt oder machen sich in das wirtschaftlich verheißungsvollere Westeuropa auf.

Dorthin, wo die Gassen immer enger werden und die Hautfarbe der Menschen immer dunkler, verirrt sich selten ein Tourist. Nicht weit entfernt vom neuen futuristischen Shoppingcenter am Busbahnhof von Varna, einer bulgarischen Großstadt am schwarzen Meer, liegt ein Stadtteil der in keinem Stadtplan verzeichnet ist. In engen Verschlägen ohne sanitäre Anlagen hausen Romafamilien am Berghang inmitten schwelender Müllberge.

Vor einer Baracke hat die mobile Ambulanz heute Sprechstunde um eine Gesundheitsversorgung für die Ärmsten der Stadt zu ermöglichen. Neben einer langen Warteschlange aus elenden Gestalten wird ein Schaaf ausgeweidet.

Ein Mann mit verlebtem Gesicht greift meinen Arm und will mein Geld sehen. Schnapsgeruch entströmt seinem zahnlosen Mund. Schnellen Schrittes, meine Wertsachen fest im Griff, entferne ich mich.

Roma – am Rande der Gesellschaft

Die extrem prekären Lebensbedingungen – Analphabetismus, fehlende Gesundheitsvorsorge, Arbeitslosigkeit, Abhängigkeit von geringfügigen staatlichen Hilfen – oder ein Abgleiten in Prostitution und Kleinkriminalität sind in vielen Roma-Gruppen seit mehreren Generationen das gültige Existenzmodell.

Sie stehen am untersten Rand der Gesellschaft, sie haben keine Lobby und sind politisch schlecht organisiert. Der Rassismus gegen sie ist ein gesellschaftlicher Konsens, der von einem Großteil der herrschenden Eliten länderübergreifend legitimiert wird. Manche Beobachter sprechen bereits von einem Scheitern der Zivilgesellschaft in Osteuropa. Tatsächlich scheinen viele Länder der Region nur auf dem Papier wirklich gut in das moderne politische Europa integriert zu sein. Im bulgarischen Varna, erinnert auch hier auf den ersten Blick nichts an die soziale Schieflage , die sich angesichts der wirtschaftlichen Krise, an der auch Rumäniens Nachbarland Bulgarien trotz des boomenden Tourismus am nahen Gold und Sonnenstrand, leidet abzeichnet.

In Westeuropa häufig unbeachtet, ist der Diskurs osteuropäischer Eliten geprägt von Rassismus und Nationalismus, Gewalt gegen Minderheiten ist somit indirekt legitimiert. Es ist ein Krieg gegen die Roma. Es gibt Aufmärsche gegen sie, selbsternannte Ordnungshüter schikanieren und bedrohen sie; um die Viertel, in denen sie wohnen, werden Mauern errichtet; ihre Häuser werden angezündet; sie werden von ihren Wohnorten vertrieben, manchmal brutal ermordet.

Selbst in Frankreich werden illegal im Land lebende Roma von der Regierung Sarkozy als Gefahr für die innere Sicherheit und zum Feindbild stilisiert. Im Sommer vergangen Jahres räumte die Polizei rigoros die Roma-Lager, Präsident Nicolas Sarkozy polemisierte gegen sie, Massenabschiebungen fanden statt.

Tschechische Republik: Rechtsradikale marschieren jedes Wochenende gegen Roma

Auch das Leben in tschechischen Varnsdorf (Warnsdorf), dem einst deutschen Zentrum des Schluckenauer Zipfels, ist nicht leicht. Die Textilbetriebe von einst sind lange schon zugesperrt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei über 20 Prozent. Von Perspektive keine Spur. Wer weg kann, geht weg. Andere kommen dagegen zuhauf: die „sozial Unangepassten“, wie es neu-tschechisch heißt. Ein Sprachgebrauch, der seit kurzem das politisch korrekte „Roma“ ersetzt hat, das die „normalen Leute“ ohnehin nie benutzt haben. Für sie waren und sind die Roma schlichtweg „Zigeuner“. Die zugezogenen Roma lebten vormals in tschechischen Kleinstädten, meist im attraktiven Speckgürtel von Prag. Immobilienhaie kauften ihre Wohnungen auf. Den Roma erlassen sie die angehäuften Mietschulden und verfrachten sie in die nordbömische Provinz.

Die hier herrschende Arbeitslosigkeit und die Wuchermieten zwingen die Roma oft direkt in die Kriminalität, um an Geld zu kommen. Die staatliche Unterstützung, von der sie in der Regel leben, weil es heutzutage anders als zu sozialistischen Zeiten keine Nachfrage mehr nach ungelernten Roma-Hilfsarbeitern gibt, reicht vorn und hinten nicht. Zumal die staatliche Unterstützung in Krisenzeiten von Prag aus gekürzt wird. „Die Roma geraten in einen sozialen Teufelskreis, aus dem es kein Entrinnen gibt“, sagt der Soziologe Ivan Gabal, der sich seit Jahren diesem Thema widmet.

Mit dem organisierten Zuzug der Roma ist in den letzten Monaten folglich die Kriminalität gewachsen. Statistiken vergleichen sie mit der von tschechischen Großstädten. Die „weißen“ Tschechen trauen sich nicht mehr, ihre Kinder unbeaufsichtigt aus dem Haus zu lassen.

Als 20 Roma, mit Macheten bewaffnet, sechs „weiße“ Tschechen in einer Disco angriffen und in die Flucht schlugen, war das Maß voll. Seither wird demonstriert. „Wir lassen uns nicht zum Müllplatz der Republik machen“, lautet der allgemeine Tenor im Schluckenauer Zipfel.

An jedem Wochenende droht der Protest neuerlich zu eskalieren. Demonstrationen mit markigen Reden von extra aus Prag und anderswo angereisten Rechtsradikalen enden seither mit Märschen zu den Behausungen der Roma. „Tschechien den Tschechen, Zigeuner ins Gas!“ brüllen die Kahlköpfe.

Ungarn: Milizen jagen Roma

Sie drohen, prügeln, verbreiten Hasstiraden: Rechtsradikale Milizen jagen Roma in einem ungarischen Dorf Angst und Schrecken ein. Der Ort Gyöngyöspata ist im April 2010 nicht nur in Ungarn Symbol für eine gescheiterte Minderheiten-Politik geworden. Die rechtsradikale Partei Jobbik hatte bei den letzten Wahlen in Ungarn 17 Prozent erreicht und zog ins Parlament ein. Sie hetzt offen gegen „kriminelle Zigeuner“ und propagiert einen Antikapitalismus, der von altbekannten Feindbildern getragen wird.

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Doch das Geflecht der Ursachen für die ausufernde Gewalt gegen Roma in Osteuropa ist komplexer. Gemein ist den eigentlich sehr unterschiedlichen Roma-Gemeinschaften vor allem eines: ihre große Mehrheit lebt in tiefster Armut und hat ein immenses, historisch aufgehäuftes Modernisierungsdefizit. Unter den kommunistischen Diktaturen wurde dieses Defizit durch den formalen Schul- und Arbeitszwang kaschiert, aber nicht beseitigt. Zudem werden typische Roma-Berufe wie Kupferschmied, Bärenführer oder Kesselflicker in der heutigen modernen Industriegesellschaft nicht mehr benötigt. Nach 1989 überließen die postkommunistischen Regierungen die Roma-Gruppen sich selbst.

EU-Millionen zur Roma-Hilfe versickern oft für Studien , Konferenzen oder den Roma-Organisationen

Es gibt in keinem einzigen osteuropäischen Land und auch auf EU-Ebene keine umfassende Strategie, um den betroffenen Roma aus dieser Situation herauszuhelfen. Zwar stellen einzelne Länder und die EU immer wieder Millionenbeträge als Roma-Hilfe zur Verfügung, doch das Geld versickert häufig in Behörden, für Studien oder Konferenzen und bei Roma-Organisationen selbst. Letzteres konstatiert beispielsweise der rumänische Soziologe Nicolae Gheorghe, lange Jahre Roma-Beauftragter der OSZE: Die winzigen Roma-Eliten in Osteuropa hätten es nicht geschafft, der Mehrheit der Roma auch nur punktuell aus ihrem Elend zu helfen. Stattdessen gebe es inzwischen überall in Osteuropa eine kleine, verbürokratisierte Roma-Elite, die Fördergelder konsumiere.

Märchenhaft reiche osteuropäische Romakönige, die so ihre Macht ausbauen und wenig Interesse an der Eigenständigkeit ihrer „Untertanen“ haben.

Die Perspektivlosigkeit der Roma in Osteuropa hat dazu geführt, dass viele von ihnen in den Westen wandern, vor allem aus Rumänien und Bulgarien. Nach Italien, Spanien, Frankreich und England sind neuerdings wieder deutsche Großstädte Ziele der Roma. Eine Bleibe in einer deutschen Asylbewerberunterkunft mit einer garantierten gesundheitlichen Mindestversorgung ist im mit Romaverfolgung historisch vorbelasteten Deutschland immer noch lukrativer als die ungewisse Zukunft in der Heimat.

In westeuropäischen Ländern arbeiten sie für ein paar Euro pro Stunde in Putzdiensten, auf dem Bau, als Buntmetallsammler oder betteln, nicht wenige stehlen. Je nach Gesetzeslage erhalten sie Sozialhilfe oder Kindergeld. Für viele ist das mehr, als sie in ihren Heimatländern jemals erwarten können. Doch natürlich ist Westeuropa damit überfordert, die jahrzehntealten sozialen Probleme ganzer osteuropäischer Bevölkerungsschichten zu lösen.

Es bedürfte einer kohärenten gesamteuropäischen Strategie, um den Roma vor Ort aus ihrer Perspektivlosigkeit zu helfen. Dabei sollte sich niemand Illusionen über schnelle Erfolge machen. Gefragt ist über Jahre hinweg sehr schrittweise, aufwendige Sozialarbeit. Und natürlich der Wille aller Beteiligten eine Lösung zu finden.

 

Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im wissenschaftlichen Forum für internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.