Rumänien: Im Land ohne Träume

Von 6. Januar 2012 Aktualisiert: 6. Januar 2012 9:01
Rumänien, ein Land, das in der Korruptionsstatistik an einer der hinteren Stellen steht, erlebt gegenwärtig einen rasanten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel.

Als ein relativ armer Staat im Balkan mit 22 Millionen Einwohnern hat Rumänien im letzten Jahr durch die internationale Finanzkrise und eine schlechte Wirtschaftspolitik einen jähen wirtschaftlichen Abschwung erlebt, der den Menschen schmerzhafte Einschnitte abverlangt. Es trifft vor allem die Armen.

„Kommen Sie, steigen Sie auf“, sagt der zahnlose Mann mit dem faltigen Gesicht an der Fahrradverleihstation im Park vor dem „Haus des Volkes“ in Bukarest.

„Mit dem Rad entdecken Sie Bukarest von seiner schönsten Seite“, legt er nach.

Nach langer Arbeitslosigkeit ist er froh, endlich etwas Sinnvolles zu tun. Jeden Tag an einer anderen Fahrradverleihstation. Fast alle Parks in Rumäniens Hauptstadt hat heute eine und Bukarest hat viel Grün.

Das Projekt in dem er tätig ist, wird wie vieles in Rumänien, von der EU gefördert und soll den Stadtmenschen die schnelle Fortbewegung mit dem Rad in der seit dem wirtschaftlichen Boom im Verkehrsinfarkt erstickenden Stadt ermöglichen. Baustellen sind allgegenwärtig, mit EU-Förderung wird die Innenstadt grundsaniert. Rumänien hat sich verändert, seit 2007 ist das Balkanland EU-Mitglied.

Rumänien – vom jähen wirtschaftlichen Aufschwung in den Absturz

War Rumänien bis vor wenigen Jahren ein Synonym für bittere Armut, Rückständigkeit und postsozialistische Mangelwirtschaft, ist dieser Grauschleier heute zumindest in den Städten einem modernen Erscheinungsbild mit Shoppingmalls und modernen Kleinwagen, vergleichbar mit anderen westeuropäischen Metropolen, gewichen.

Auf den ersten Blick ist nichts von den schweren wirtschaftlichen Problemen zu erkennen, die das junge, finanzschwache Rumänien fest im Griff haben. Ein Land mit Niedriglöhnen, das jahrelang als internationale Produktionsstätte seinen Aufschwung erlebt hat und seit Kurzem einen steilen Absturz, als die Finanzkrise kam.

Berüchtigt ist Rumänien für Schattenwirtschaft, Steuerhinterziehung, Schwarzarbeit. Auf der Liste der korrupten Staaten von Transparency International belegt Rumänien zusammen mit anderen südosteuropäischen Staaten und Italien die hinteren Plätze in EU-Europa.

Das Land ist hochverschuldet, bei der EU, der Weltbank und vor allem beim IWF, dem Internationalen Währungsfonds. Marius Petcu ist Chef des größten Gewerkschaftsbundes Rumäniens. Er sagt: “Rumänien ist dabei, ein Labor der Deregulierung zu werden, eine Avantgarde, eine „Inspirationsquelle“ für Neoliberale in Europa.“

Das Nachbarland Bulgarien hat ähnliche Probleme, obwohl dort der Tourismus am Schwarzen Meer boomt. Allerdings kämpft die Region um ihren guten Ruf, denn immer mehr Touristen aus aller Welt kommen nur hierher, um sich zu Billigpreisen zu betrinken.

„Wir haben keine Träume mehr.“

In seinem narbigen Wohnblock im Nordwesten Bukarests sitzt ein hagerer Mann mit dunklen Augen, der leicht hinkt und den Gebrauch der kaputten Hand noch üben muss. Schmerzen bestimmen seit seinem Sturz am 23.12.2010 sein Leben. Davor waren es nur die seelischen, die körperlichen Schmerzen versinnbildlichen nun für ihn den Zustand und die Nöte seines Volkes.

Der 42-jährige Adrian Sobaru arbeitete beim staatlichen Fernsehen als Beleuchter im „Haus des Volkes“. Am Tag vor Heilig Abend wollte er ein Zeichen setzen.

Während einer Parlamentssitzung sprang er von einem sieben Meter hohen Balkon über dem Premierminister in den Sitzungssaal. Im Fall rief er „Freiheit“. Er trug ein weißes T-Shirt, auf dem er mit dunklem Stift schrieb: „Ihr habt uns niedergemäht. Ihr habt die Zukunft unserer Kinder zerstört. Ihr könnt uns Geld und Leben nehmen, aber nicht die Freiheit.“

Das Parlament tagt im ehemaligen „Haus des Volkes“ des ehemaligen Diktators Nicolae Ceauşescu, und dieser Prunkbau wurde nicht in kleinen Dimensionen erdacht. Die Abgeordneten liefen durcheinander, manche sahen das Blut, manche weinten. Der Premierminister lief vom Podium zu Sobaru. Sanitäter trugen den Schwerverletzten durch die Palastflure davon. Der Senatssprecher brach die Sitzung ab. Eigentlich stand für diesen Tag ein Misstrauensvotum gegen die Regierung auf dem Programm.

Adrian Sobaru hat den Sturz nur knapp überlebt und sitzt mit seiner Familie auf dem Sofa in seiner winzigen Wohnung. Zu sechst haben sie rund 6000 Lei, etwa 740 Euro, wobei schon die Hälfte für Medikamente für den kranken Sohn weggeht.

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Ein paar Tage vor dem Sprung schrieb der Verzweifelte einen Brief, den er an niemanden schickte. Er schrieb mit rotem Stift auf liniertem Papier. „Ihr habt das Land und seine Menschen verkauft, wollt ihr denn, dass wir alle den Müll durchwühlen? Rumänien fällt auseinander. Man hat uns betrogen und belogen, jeden Tag.“ Seine Familie liebe er mehr als sein Leben, schrieb er und erzählte von Calin, seinem Sohn, der Autist sei und eine spezielle Behandlung brauche, aber jetzt reiche das Geld dafür nicht mehr. „Ich bin müde“, schrieb er. „Wir haben keine Träume mehr.“ Wie Adrian Sobaru geht es seit Juni 2010 vielen Rumänen.

Der Aufschwung endete abrupt. Erst stieg die Arbeitslosigkeit, das Haushaltsdefizit wuchs an, dann beschloss der Staat, einen 20-Milliarden-Euro-Notkredit beim IWF zu beantragen. Um den strengen Auflagen des IWF gerecht zu werden, ohne auf die Einkommenssteuer von nur 16 Prozent verzichten zu müssen, haben Präsident Traian Basescu und seine Mitte-Rechts-Partei PDL ein enormes Sparpaket eingeführt. Sämtliche Löhne und Gehälter im öffentlichen Sektor wurden um ein Viertel gekürzt, die Mehrwertsteuer auf 24 Prozent erhöht, zudem strich das Kabinett Sozialleistungen. Viele Krankenhäuser und Schulen wurden geschlossen.

„Die Maßnahmen waren ungerecht“

„Die Maßnahmen waren ungerecht und betreffen in erster Linie die Frauen, die im öffentlichen Sektor überrepräsentiert sind“, sagt Rovana Plumb, die im Europäischen Parlament die rumänischen Sozialdemokraten vertritt. Tatsächlich verdienen die Beschäftigten etwa im Bildungssektor, wo zu 70 Prozent Frauen arbeiten, laut Angaben des rumänischen Statistikamtes im Schnitt nur noch 300 Euro im Monat. Im Gesundheitswesen mit einem Frauenanteil von 80 Prozent liegt der Durchschnittslohn mit 277 Euro noch niedriger. Die Lebenshaltungskosten unterdessen steigen auf EU-Niveau.

„Die Gehälter waren nie üppig“, sagt die Grundschullehrerin Cristina Senos, „doch vor den Sparmaßnahmen haben sie sich zumindest allmählich ein bisschen verbessert“.

Als ein relativ armer Staat im Balkan mit 22 Millionen Einwohnern hat Rumänien im letzten Jahr durch die internationale Finanzkrise und eine schlechte Wirtschaftspolitik einen jähen wirtschaftlichen Abschwung erlebt. Während der globalen Wirtschaftsflaute hat sich Rumänien von einer schnell wachsenden Wirtschaft und einem attraktiven Standort für ausländische Investoren in eine Problemzone verwandelt, die nun dringende Hilfe benötigt.

Der Handykonzern Nokia hatte erst vor drei Jahren den Standort Bochum geschlossen und die Produktion nach Rumänien verlagert. Nun ist es dem Unternehmen offenbar auch dort zu teuer und es verlegt die Produktion nach Asien.

Adrian Sobaru hat seine Arbeit beim staatlichen Fernsehen behalten, jedoch wird er nun nicht mehr im „Haus des Volkes“ eingesetzt.

„Freiheit!“ hat Adrian Sobaru bei seinem Sprung gerufen. Deshalb wird er von manchen zum Helden erklärt. Ein Internetmagazin verlieh ihm gar eine Freiheitsurkunde. Aber was meint er mit „Freiheit“?

Ist „Freiheit“ verreisen wohin man will, was im kommunistischen Rumänien nicht möglich war?

Oder ist „Freiheit“ das Ankommen im Kapitalismus?

Er sagt: „Freiheit? Ich weiß nicht, was das ist.“