Die Akademik Lomonosov, der Welt bisher einziges schwimmendes Kernkraftwerk (FPU). Das 144 mal 30 Meter große Schiff, das vom staatlichen Atomkraftwerk Rosatom gebaut wurde, verfügt über zwei Reaktoren mit zwei 35-Megawatt-Kernreaktoren, die denen ähneln, die für Eisbrecherschiffe verwendet werden.Foto: ALEXANDER NEMENOV/AFP/Getty Images)

Russland: Wetterdaten deuten auf Schaden an Atomreaktor – FSB wollte Klinikärzten Maulkorb verordnen

Von 30. August 2019 Aktualisiert: 30. August 2019 13:39
Nach dem Unfall auf dem russischen Militär-Testgelände Njonoksa mit sieben Todesopfern verstärken Wetterdaten den Eindruck, es müsse ein Atomreaktor gewesen sein, der beim Test einer Lenkwaffe beschädigt worden sei.

Immer noch unklar ist die Ursache eines mutmaßlichen Unfalls auf dem russischen Militär-Testgelände Njonoksa, der sich am 8. August ereignet haben soll und im Zuge dessen es offenbar zu einer Freisetzung von Radioaktivität kam. Bei dem Vorfall, der auf einer schwimmenden Plattform stattgefunden haben soll, starben nach derzeitigem Informationsstand mindestens sieben Menschen, darunter fünf Experten des staatlichen Atomtechnologieunternehmens Rosatom.

Es wurde zunächst davon ausgegangen, dass bei einem Test in der Arktis ein geheimer Antrieb für einen der Lenkflugkörper explodierte. Die „Daily Mail“ berichtete, ein in der Testphase befindlicher Marschflugkörper vom Typ „Burewestnik“ habe eine Testreihe durchlaufen, bevor er an die Marine des Landes zum Zwecke der Bestückung russischer Atom-U-Boote ausgeliefert werden soll. Dieser Marschflugkörper soll einen Atomreaktor als Antrieb nutzen.

In der 30 Kilometer vom Testgelände Njonoksa entfernten 200 000-Einwohner-Stadt Sewerodwinsk soll es über eine halbe Stunde hinweg zu einer Verzwanzigfachung der gemessenen natürlichen Radioaktivität gekommen sein. Menschen deckten sich mit Jodtabletten ein, vereinzelt wurden Szenarien ähnlich der Situation nach dem Unglück 1986 im Sowjet-Reaktor Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Pripjat deutlich. Nach zwei Stunden sei die erhöhte Radioaktivität jedoch wieder abgeklungen.

Strikte Geheimhaltung verhindert Transparenz bei der Aufklärung

Die Informationspolitik der Regierung in Moskau zu diesem Vorfall war bis dato eine defensive. Vielfach werden Fragen abgeblockt mit dem Hinweis, dass diese Bereiche beträfen, die der Geheimhaltung unterliegen.

Nun hat eine Aussage für Aufsehen gesorgt, die ein Arzt einer Klinik in der nordrussischen Großstadt Archangelsk unter Zusicherung der Anonymität gegenüber einem Reporter des „Spiegel“ gemacht hat. Dieser zufolge sollen drei schwer verletzte Männer im Zusammenhang mit dem Vorfall auf dem Militärgelände dort eingeliefert worden sein, von denen zwei später verstorben seien. Die Todesursache sei jeweils nicht die Folge einer herkömmlichen Verletzung infolge eines Unfalls gewesen, sondern die Folge radioaktiver Strahlungsbelastung.

„Die Männer waren nackt und mit Folie bedeckt, ihre Kleidung steckte in Plastiktüten“, beschrieb die „Spiegel“-Quelle die Situation, als die Männer eingeliefert worden seien. Über die Möglichkeit einer radioaktiven Kontamination sei nicht gesprochen worden, die Untersuchung sei „teils mit nackten Händen“ erfolgt.

Kurz bevor die Männer operiert werden sollten, seien, so der Arzt, Strahlenmesstechniker in den OP-Saal gekommen – und:

Eine von ihnen rannte gleich wieder heraus, als sie die Werte sah.“

Die Rede war in diesem Zusammenhang von einer Betastrahlung von 25.000 Mikroröntgen pro Stunde am Kopf eines der Patienten – wobei bereits 10 000 Mikroröntgen schwere gesundheitliche Schäden nach sich ziehen könnten.

FSB beschlagnahmt Krankenakten

Am Tag nach dem Vorfall seien Agenten des Inlandgeheimdienstes FSB in die Klinik gekommen und hätten alle Beteiligten dazu veranlasst, eine Erklärung zur Geheimhaltung zu unterschreiben. Die in Bezug stehenden Krankenakten seien beschlagnahmt worden. In der Belegschaft wolle man sich aber nicht daran halten. Pfleger befürchten, selbst in gesundheitsgefährdendem Ausmaß radioaktive Strahlung abbekommen zu haben. Das Gebaren der Verantwortlichen erinnere die Betroffenen an Tschernobyl.

Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ) sieht ebenfalls eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass ein Kernreaktor in die Ereignisse vom 8. August involviert sein könnte.

Ursprünglich hatten russische Behörden, nachdem in Sewerodwinsk ein starker Anstieg der Radioaktivität festgestellt wurde, der wenige Stunden später wieder zurückging, gar keinen Zusammenhang mit dem Testgelände erkennen lassen. Die Rede war ursprünglich von einem Raketenmotor mit Flüssigtreibstoff, der bei einem Test explodiert sei. Die amtlichen Nachrichtenagenturen TASS und RIA Nowosti sprachen von einem „Brand“ beim „Probelauf eines Flüssigtriebwerks“.

Am 12. August wurden fünf Rosatom-Wissenschaftler in Sarow beerdigt. Das dortige Nuklearzentrum hatte zuvor mitgeteilt, dass Strahlung gemessen worden sei, aber nicht länger als eine Stunde. Weder die eigenen Experten noch externe hätten später eine Kontamination festgestellt. Als die Nachricht über radioaktiv kontaminierte Verletzte die Runde machte, wurde dann vom Test eines Antriebs mit einer Radionuklidbatterie gesprochen.

Zerfallsprodukte wie in Kernreaktor

Allerdings hätten, so berichtet die NZZ, Daten des nationalen russischen Wetterdienstes Rosgidromet aus den Tagen nach der Explosion in der Provinz Archangelsk bestimmte radioaktive Isotope in der Luft und in Niederschlägen erkennen lassen, die typischerweise bei einer Kettenreaktion erzeugt würden.

Nachgewiesen seien bislang Strontium-91, Barium-139, Barium-140 sowie Lanthan-140, allesamt Zerfallsprodukte von radioaktiven Edelgasen, in die in Kernreaktoren entstehende Radioisotope der Edelgase Krypton und Xenon zerfallen, wenn die in die Umwelt gelangten. Dies lege, wie Nuklearexperte Horst-Michael Prasser von der ETH Zürich gegenüber der NZZ schilderte, die Erklärung nahe, dass ein Kernreaktor in den Unfall involviert gewesen sein musste.

Einige Tage nach dem Vorfall hatte die „Daily Mail“ über einen Lenkflugkörper des Typs „Burewestnik“ berichtet, der auf Grund seiner Ausstattung mit einem Atomantrieb als Hyperschallwaffe in der Lage sein soll, sich mit einer Geschwindigkeit von 11 000 Stundenkilometern, also etwa neunfacher Schallgeschwindigkeit, Zielen annähern zu können. Konventionelle Abwehrsysteme sollen nicht in der Lage sein, einen solchen Flugkörper rechtzeitig genug zu bemerken, um ihn noch abfangen zu können. Noch in diesem Jahr sollte die Lenkwaffe der russischen Armee zur Verfügung stehen.

Implizite Bestätigung eines Waffentests

Im Vorjahr hatte Russlands Präsident Wladimir Putin erklärt, führende Militärs und Vertreter der russischen Rüstungsindustrie wären über die vorangegangenen Jahre in der Lage gewesen, eine Reihe von neuen Waffentypen entwickelt zu haben, deren Schwerpunkt Luftverteidigung und Hyperschalltechnologie wären. Die Systeme reichten dabei von Hyperschallgleitern, die ihrerseits Hyperschallraketen oder konventionelle Waffen transportieren können, bis zu kleineren taktischen Gefechtsfeldwaffen.

Auf diese Weise sei man in der Lage gewesen, ein strategisches Gleichgewicht mit den USA wiederherzustellen. Im Bereich der Hyperschallwaffen sei man den Amerikanern sogar um Jahre, wenn nicht sogar Jahrzehnte voraus. Spätestens ab 2020 sollten diese Systeme voll einsatzfähig sein.

Mittlerweile hat dem Bericht der NZZ zufolge auch Moskaus Botschafter bei den internationalen Organisationen in Wien, Alexei Karpow, ausdrücklich erklärt, dass der Test vom 8. August in Verbindung mit der Entwicklung einer Waffe gestanden habe. Russland sei zu deren Bau gezwungen gewesen, um auf die amerikanische Aufrüstung im Bereich Raketenabwehr zu reagieren. Damit hat die russische Regierung erstmals selbst explizit angedeutet, dass in Njonoksa ein nuklearer Raketenantrieb getestet wurde.



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