Russlandexperte: „Putin ist kein großer Entscheider – wichtiger ist sein innerer Machtzirkel“

Das Bild, das der Westen über den Russland Präsidenten Wladimir Putin derzeit habe, sei falsch. Das russische Staatsoberhaupt sei "kein großer Entscheider" – wichtiger sei sein innerer Zirkel, meint der Russlandexperte Hans-Henning Schröder im Interview mit der "Huffington Post". 

Die Europäer würden mit Blick nach Russland zwei Fehler machen. Sie würden sich zu stark auf die Person Wladimir Putin fokussieren und glauben, Putin handle irrational. Doch beide Annahmen seien Irrtümer, so Schröder.

Dadurch würden westliche Beobachter die wahren Probleme innerhalb der Russischen Föderation übersehen und den außenpolitischen Kurs des Landes falsch einschätzen.

"Putin ist kein Spinner, irrational passiert in Moskau wenig," sagt der ehemalige Direktor des Deutschen Instituts für internationale Politik und Sicherheit und heutiger Mitherausgeber der "Russland-Analysen“ verschiedener Forschungsinstitute. Darüber hinaus meint Schröder, es sei wichtig zu verstehen, dass Putin keineswegs der starke Alleinherrscher sei, für den ihn viele halten. 

Putin, sein Machtzirkel und die Elite 

Aber welchen Stellenwert Putin innerhalb dieser Politik wirklich hat, sei auch für den Experten schwer zu beurteilen. Schröder habe den Eindruck, "dass Putin eine weniger zentrale Rolle spielt, als viele denken."

Das russische Staatsoberhaupt sei weder ein großer Entscheider noch ein großer Planer, sagt Schröder zur "Huffington Post". Demnach sei er vor allem jemand, der die kleine Machtelite des Landes zusammenhalte. Diese würde die Geschicke Russlands wirklich lenken und große Teile der Ressourcen besitzen. 

Auch der innere Machtzirkel Putins sei wichtig: Der ehemalige Verteidigungsminister Sergej Iwanow sei ein entscheidender Mann in diesem Kreis. "Mit seiner sehr rechten Linie scheint er sich momentan durchzusetzen", sagt Schröder. Demnach gilt Iwanow als enger Vertrauter des russischen Staatsoberhauptes. Er sei ein Hardliner und spreche sich vehement gegen einen westlichen Kurs Russlands aus.

Auch der ehemalige Finanzminister Alexei Leonidowitsch Kudrin sei, so Schröder, ein wichtiger Mann für Putin. Kudrin berate den Präsidenten bei Wirtschaftsfragen, könne für Putin aber durchaus gefährlich werden, da er auch ein Machtmensch sei. Das derzeitige Machtgefüge würde nur deshalb funktionieren, da alle Seiten profitieren, so der Experte zur Zeitung. Die Elite habe durch Putin einen Einfluss auf die Politik und der Präsident habe seine gewünschte Schlüsselrolle.

"Für die Elite ist Putin ein Gottesgeschenk", so Schröder. Das Volk vertraue der Elite nämlich nicht, aber dem russischen Staatsführer. Putin sei 1998 – vor seiner ersten Amtszeit als Premierminister – "zu einem PR-Modell aufgepumpt" worden, sagt Schröder im Interview. Durch seine starke Medienpräsenz verbreitete sich der Eindruck, Putin würde die Staatsgeschicke komplett in eigener Regie leiten.

Dieser Irrglaube sei für den Westen nicht ungefährlich. Europa müsse verstehen, wie die russische Elite tickt, meint Schröder. Sollte der Westen einen Dialog mit Russland anstreben, müsse man auch das politische Handeln von Putins innerstem Zirkel erkennen können.

Nur wenn der Westen verstehe, "wo die Kompromisslinien liegen – und wo es Punkte gibt, an denen man einfach nicht weiterkommt", sei es denkbar, dass aus dem "Feind wieder ein Partner wird". (so) 

Quelle: https://www.epochtimes.de/politik/welt/russlandexperte-putin-ist-kein-grosser-entscheider-wichtiger-ist-sein-innerer-machtzirkel-a1320436.html