Verschwörungstheorien sind weit verbreitet – und nicht alle sind falsch, sagt US-Psychologe in der „Washington Post“

Von 28. Januar 2019 Aktualisiert: 29. Januar 2019 5:56
In der „Washington Post“ hat sich Psychologe Rob Brotherton mit mehreren Behauptungen zum Thema „Verschwörungstheorien“ befasst. Er kam dabei zu mehreren Schlussfolgerungen, die gängigen Thesen über deren Verbreitung zuwiderlaufen.

Mit einem eher ungewöhnlichen Thema befasste sich vor einigen Tagen die „Washington Post“. Der akademische Psychologe am Barnard College und Autor des Buches „Suspicious Minds: Why We Believe Conspiracy Theories“ Rob Brotherton nahm in einem Artikel Stellung zu, wie er es nennt, fünf Mythen über vermeintliche oder tatsächliche Verschwörungstheorien.

Diese habe es zu jeder Zeit gegeben, von links ebenso wie von rechts, und sowohl in der breiten Bevölkerung als auch unter Gelehrten hätte Verschwörungsdenken stets eine Bedeutung erlangt. In jüngster Zeit sei diese gar wieder gestiegen. Dabei würden Außenstehende bezüglich der Anhänger des „Verschwörungsdenkens“ vielfach falsche Einschätzungen an den Tag legen. Fünf davon widerlegt Brotherton in seinem Essay:

1. Verschwörungstheorien sind keine Domäne eines extremen Narrentums

Es gebe zweifellos Theorien, so skizziert der Autor, die als so absonderlich erscheinen, dass die Anzahl der Anhänger dauerhaft weit von einer kritischen Masse entfernt bleibt. Paradebeispiel dafür seine die „flache Erde“ oder die „Echsenmenschen“-Verschwörung – oder die Verwendung von Aluminiumhüten, die gleichsam zum Symbol für Verschwörungsdenken geworden sind.

In einer Umfrage im Jahr 2013 erklärten vier Prozent aller wahlberechtigten US-Amerikaner, sie hielten es für plausibel, dass Echsenmenschen die Welt regierten. Sieben Prozent meinten 2018, es könnte sein, dass die Erde keine Kugel sei. Etwa doppelt so viele hielten das mythische Wesen Bigfoot für real.

Dennoch ist die Vorstellung, dass Verschwörungen generell existierten und einen Einfluss auf das Weltgeschehen hätten, deutlich weiter verbreitet. Mehr als die Hälfte der US-Amerikaner glaubte demnach zumindest an eine der dort aufgeführten Verschwörungstheorien. In anderen Ländern wie Großbritannien wichen die Werte nicht allzu deutlich davon ab.

So meinten 2013 Gallup zufolge 19 Prozent der Befragten, die US-Regierung hätte hinter den 9/11-Anschlägen gestanden, um damit einen Krieg im Nahen Osten zu legitimieren. Zudem meinen 24 Prozent, der Geburtsort des früheren Präsidenten Barack Obama habe nicht in den USA gelegen. Ein Prozent mehr denkt, die Banken der Wall Street hätten den Zusammenbruch 2008 in bewusstem Zusammenwirken herbeigeführt.

Die erfolgreichste Verschwörungstheorie hat seit ihrem ersten Auftreten 1963 nie unter 50 Prozent an Anhängern gehabt und zuletzt 61 Prozent – nämlich, dass es eine Verschwörung mit Beteiligung höchster Regierungskreise im Zusammenhang mit der Ermordung des früheren Präsidenten John F. Kennedy gegeben habe. In diesem Fall ist die Theorie, wonach die Warren-Kommission keine wahrheitsgemäße Darstellung der Ereignisse und Hintergründe gegeben habe, sogar mehrheitsfähig.

2. Verschwörungstheorien sind – trotz Social Media – heute nicht weiter verbreitet als je zuvor

Obwohl vielfach darüber geklagt wird, dass in der heutigen Zeit dank der sozialen Medien Verschwörungstheorien weiter verbreitet wären denn je zuvor, weisen Studien das Gegenteil nach. In einer der bislang umfassendsten Untersuchungen aus dem Jahr 2014 werteten Joseph Uscinski und Joseph Parent mehr als 100 000 Leserbriefe an die „New York Times“ und die „Chicago Tribune“ aus den Jahren 1890 und 2010 aus – und fanden heraus, dass es ein permanent präsentes, aber nicht stetig wachsendes Hintergrundrauschen in Form von Verschwörungstheorien gab.

Bereits im alten Athen habe es, wie eine andere Untersuchung herausfand, Schauspiele des Attischen Theaters gegeben, die sich mit vermeintlichen Verschwörungen befassten, die alle Lebensbereiche betroffen haben sollen. Insgesamt seien im 19., 20. und 21. Jahrhundert möglicherweise lediglich mehr Verschwörungstheorien dokumentiert worden. Präsent waren sie aber offenbar durch alle Zeiten hindurch. Manche antisemitischen Vorstellungen, die heute zum Narrativ entsprechender Gruppen gehören, etwa jene vom „jüdischen Brunnenvergifter“, reichen weit bis ins Mittelalter zurück.
Das Internet, so macht Brotherton deutlich, erleichtere zwar die Verbreitung von Verschwörungstheorien, Menschen gingen aber deshalb nicht öfter online, um solche zu lesen.

3. Nicht alle Verschwörungstheorien sind Erfindungen

Manche wissenschaftliche Untersuchungen sollen nach Darstellung von Medien die Gründe herausgefunden haben, warum Menschen an Verschwörungstheorien glauben. Die Thesen dazu sind breit gefächert. Sie reichen von unbewussten Formen von Voreingenommenheit als Ursache über Hilfskonstrukte, um Komplexität zu bewältigen, weiter über den Unwillen, glauben zu wollen, manche Entwicklungen fänden tatsächlich die Billigung von Mehrheiten bis hin zu Informationsmängeln oder logischen Denkfehlern.
Allerdings, so Brotherton, spielen sich die Inhalte von Verschwörungstheorien nicht immer nur im Kopf des Theoretikers allein ab, sondern manchmal stecke tatsächlich ein Kern an Wahrheit darin.

Regierungen und Organisationen tun Dinge im Geheimen. Geheimdienste planen Attentate und Staatsstreiche, spionieren Leute aus, versuchen die öffentliche Meinung zu manipulieren.“

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Auch wenn eine Reihe von Theorien unsinnig sei, gäbe es tatsächlich auch nachgewiesene Fälle, in denen Regierungen an Bestechung, Gedankenkontrollexperimenten oder Versuchen beteiligt waren, die Medien zu beeinflussen.
Personen, die generell die Existenz von Verschwörungen abstritten, würden bisweilen auch jene leugnen, die tatsächlich stattgefunden hätten, meint Brotherton. Dies bedeute nicht, dass man all diesen Theorien Glauben schenken solle – aber Verschwörungsdenken könne nicht allein als psychologischer Mangel abgetan werden.

4. Verschwörungstheorien sind keine existenzielle Gefahr für die Gesellschaft

Ohne Zweifel gibt es Risiken, die von Verschwörungstheorien ausgehen, etwa auf einzelne Menschen, die eine Prädisposition dazu haben, sich unkontrolliert in diese hineinzusteigern und sie zum Anlass für irrationales Handeln zu nehmen. Diverse Amokläufe, Attentate wie jenes von Timothy McVeigh oder Angriffe wie beispielsweise jener auf ein Restaurant, das im Zentrum des so genannten „Pizzagate“-Skandals gestanden haben soll, geben davon ein Beispiel.

Manche warnen auch davor, dass solche Theorien die Polarisierung anheizen, weil sie dazu beitragen würden, Andersdenkende als Feinde zu sehen. Allerdings bleibt offen, inwieweit Verschwörungstheorien nicht lediglich Einstellungsmuster bestärken, die ohnehin schon vorhanden waren. Dass jede Verschwörungstheorie automatisch einen Anschlag nach sich zieht, hält der Autor für einen Mythos.
„Diese Personen sind aber die Ausnahme, nicht die Regel“, betont Brotherton.

Jede Verschwörungstheorie ohne jeden Beweis zu einer existenziellen Bedrohung hochzustilisieren, entspricht ironischerweise demselben Denkmuster, das in erster Linie Verschwörungstheorien produziert.“

5. Fakten ändern keine Meinung zu Verschwörungstheorien

Basierend auf einer Studie aus dem Jahr 2010 gingen Beobachter davon aus, dass Versuche, festgefahrene Überzeugungen mithilfe von Fakten zu verändern, ineffektiv blieben und insbesondere unter denjenigen, die am stärksten aus ideologischen Gründen eine von Fakten nicht gestützten Meinung vertraten, eher noch besonders beharrlich daran festhielten. Die Rede war von „motivated research“, also dem Bestreben, faktengestützte Argumente nur insofern zu suchen, als diese die eigene Überzeugung stützten, und von einem Backfire-Effekt durch die Konfrontation mit entgegenlautenden Fakten.

Entsprechend hieß es vielfach in Medien, es wäre sinnlos, Anhängern von Verschwörungstheorien entgegenlautende Fakten zu präsentieren.

Eine 2017 veröffentlichte Studienreihe mit mehr als 10 000 Teilnehmern, die mit 52 unterschiedlichen Darstellungen konfrontiert wurden, zeigte hingegen, dass Bürger nachweisbare Fakten zumindest zur Kenntnis nehmen, auch wenn diese dem eigenen Weltbild widersprechen.

Im Fall von Verschwörungstheorien würde zwar eine Korrektur offensichtlich fehlerhafter Auffassungen nichts an der grundsätzlichen Bejahung einer solchen Glaubensüberzeugung ändern, aber bis zu einem gewissen Grad könne Fact-Checking oder die Ansprache logischer Fehlschlüsse den Glauben an Verschwörungstheorien reduzieren.