Costa Rica – Der Natur den Frieden erklärt

Von 1. Dezember 2008 Aktualisiert: 1. Dezember 2008 1:46

Strahlend zeigt Mayra auf ein strohiges Fellbündel hoch oben im Baum. Es ist eine Faultiermutter mit ihrem Baby. Wie in Zeitlupe hangeln sich die beiden durch das Geäst. Ihre zögerliche Langsamkeit ist unbeschreiblich. In den Bäumen um die Ökolodge „Tesoro Verde“ leben mehrere Faultiere, ebenso Klammeraffenfamilien, Hellrote Aras und Tukane mit prächtig gefärbten Schnäbeln. „Grüner Schatz“ heißt „Tesoro Verde“ übersetzt. Die kleine Herberge liegt inmitten des Regenwaldes auf der paradiesischen Halbinsel Osa. Gegründet wurde „Tesoro Verde“ von Bäuerinnen aus der Gemeinde Los Planes. Die Frauen wollten ihre Lebensqualität verbessern und gleichzeitig in Harmonie mit der Natur leben. Mayra und ihre Freundinnen nahmen an Seminaren zum ländlichen Tourismus teil. Sie gründeten einen Umweltschutzverein und erbauten die Ökolodge aus einheimischen Hölzern. Im gemütlichen Speiseraum verwöhnen die Frauen Gäste aus aller Welt mit Hausmannskost. Die Produkte stammen aus der Umgebung, Solarstrom und der sparsame Umgang mit Wasser sind eine Selbstverständlichkeit.

Ökolodge „Tesoro Verde“ auf der Halbinsel Osa. (Jutta Ulmer)
Ökolodge „Tesoro Verde“ auf der Halbinsel Osa. (Jutta Ulmer)

Noch vor 30 Jahren wurde Raubbau auf der Halbinsel Osa betrieben. Männer kamen von nah und fern, um Gold zu suchen, edle Tropenbäume zu fällen und aus dem Dschungel Weideland zu machen. Wilderer töteten Jaguare, Boas und Meeresschildkröten. Flüsse und Tümpel wurden vergiftet. In den 1980er Jahren fand ein Umdenken statt. Ein großer Teil der Halbinsel wurde unter Naturschutz gestellt und der Nationalpark Corcovado eingerichtet. Gerne organisiert Mayra Tageswanderungen in das Schutzgebiet, das heute zu den artenreichsten Zonen dieser Erde zählt. Beladen mit Sandwiches, Früchten und Wasser starten wir in der Dunkelheit gemeinsam mit unserem Führer Raul den 25-Kilometer-Marsch. Die Ruhe der Nacht wird plötzlich vom Zirpen der Grillen durchbrochen. Aras beginnen zu kreischen, Amseln zu zwitschern. Darüber hinaus begleiten Hokkohühner und Brüllaffen das Dschungelkonzert mit ihren lauten Rufen. Blaue Riesenschmetterlinge schwirren durch die frische Morgenluft, während Raul doziert: „Auf Osa leben 270 Vogel-, 150 Säugetier- und 120 Reptilienarten. Einigen davon werden wir heute ganz sicher begegnen.“ Schon nach kurzem sehen wir einen Ameisenbär und etwas später Krokodile, Schlangen namens Hühnerfresser und Jesus-Christus-Echsen, die übers Wasser laufen. Je weiter der Tag fortschreitet, desto heißer und anstrengender wird es. Wir steigen über skurril geformte Wurzeln, schlüpfen unter Lianen hindurch und erfreuen uns an Epiphyten, die in den Astgabeln der Urwaldriesen nisten. Raul erklärt, wie aus dem Saft des Kautschukbaums Gummi hergestellt wird und dass der „Indio-Desnudo“-Baum wegen seiner rötlichen Rinde „Nackter Indianer“ heißt. Irgendwann kommt er auf frühere Zeiten zu sprechen, als er durch die Wälder schlich, um seltene Tiere zu jagen. Er hat sich vom Wilderer zum Naturschützer entwickelt, wie viele andere seiner ehemaligen Kollegen. Die Ökolodges und Naturparks bieten den Bewohnern der Halbinsel neue Zukunftsperspektiven. Ehemalige Wilddiebe und Goldsucher arbeiten heute als Parkwächter, Naturführer oder Köche.

Baumwurzeln. (Michael Wolfsteiner)
Baumwurzeln. (Michael Wolfsteiner)

Früher wurde nicht nur auf Osa Raubbau an der Natur betrieben. Die Abholzung war in den 1980er Jahren in ganz Costa Rica sehr weit fortgeschritten. Als die Regen- und Nebelwälder nur noch 20 Prozent der Landesfläche bedeckten, drang die Naturkatastrophe ins Bewusstsein der Politiker. Das kleine Land setzte sich nun zum Ziel, seine Wälder und Küsten zu retten sowie naturverträglichen Tourismus zu fördern. Bäume wurden gepflanzt und Schutzgebiete eingerichtet, sodass heute über 50 Prozent des Landes von Wald bewachsen sind und 25 Prozent der Fläche Costa Ricas unter Naturschutz stehen. Schnell wurde das mittelamerikanische Land als Ökotourismus-Destination bekannt. Wer faszinierende, gewaltige Natur sucht, ist hier richtig. Der „Arenal“ beispielsweise ist einer der aktivsten Vulkane der Welt. Jahrhundertelang schlief er fest, bis es 1968 unerwartet zu einem heftigen Ausbruch kam. 87 Menschen und zwei Dörfer wurden unter glühenden Felsen und Asche begraben. Um den Krater herum entstand eine bizarre Lavalandschaft. Seit jenem Tag spuckt, faucht und brodelt der Vulkan. Ein idealer Platz, um sich das Naturschauspiel anzusehen, ist die „Arenal Observatory Lodge“. Von US-amerikanischen Vulkanforschern als Beobachtungsstation erbaut, wird die Lodge heute als Hotel genutzt. Sie ist nur 2,7 Kilometer vom Arenal entfernt und liegt inmitten eines privaten Naturreservats. Mit allen anderen Gästen versammeln wir uns bei Einbruch der Dunkelheit auf dem Besucherbalkon, um den Feuerzauber zu bestaunen. Der Vulkan schleudert heiße Felsstücke meterweit in den Himmel. Dann sucht sich rot glühende Lava an seinen Hängen ihren Weg ins Tal. Auf Dröhnen, Grollen und Zischen folgt Stille – bis zur nächsten Eruption.

Nebelwald in Monteverde. (Jutta Ulmer)
Nebelwald in Monteverde. (Jutta Ulmer)

Am Fuße des Vulkans „Arenal“ wurde der riesige „Arenalsee“ aufgestaut, der wegen seiner starken Winde bei Surfern beliebt ist. Wir setzen vom einen zum anderen Seeufer im Boot über und fahren dann im Kleinbus auf holprigen Straßen weiter nach Monteverde. Monteverde hat wegen seiner Nebelwälder weltweite Berühmtheit erlangt. Ganzjährig fällt hier ein leichter Nieselregen. Nebelschleier lassen Bäume und Büsche gespenstisch aussehen. Es riecht nach feuchtem Humus und Laub. Von Blättern und Blüten tropft es sanft auf unsere Haare, Haut und Regenjacken. In Höhe der Baumkronen wurde ein Hängebrückensystem in den Wald gebaut. Der drei Kilometer lange Rundweg führt über acht Brücken und bietet Einblicke in die oberen Stockwerke des Nebelwaldes, die einem sonst verborgen bleiben. Alle Bäume sind moosüberwuchert. Auf manchen leben über 100 weitere Pflanzenarten: Unter Farnen, Orchideen und Lianen werden die Wirtsbäume unsichtbar. Der sagenumwobene Quetzal führt hier seine Balzflüge auf. Kolibris umschwirren Blüten, in Bromelien sitzen Rotaugenfrösche und am Waldboden tummeln sich Nasenbären. Früher lebte auch die 2,5 Zentimeter große Goldkröte hier. Sie wurde 1989 das letzte Mal gesehen und gilt seither als ausgestorben. Abholzung und die globale Erwärmung werden als Gründe für ihr Verschwinden gesehen.

Hängebrücke über den Urwaldriesen Monteverdes. (Jutta Ulmer)
Hängebrücke über den Urwaldriesen Monteverdes. (Jutta Ulmer)

Mit Óscar Arias Sánchez hat Costa Rica einen Präsidenten mit einer großen Zukunftsvision. „Frieden mit der Natur“ nennt er das Programm, das sein Land international zum Vorreiter beim Klimaschutz machen soll. Er will aus Costa Rica bis 2021 weltweit den ersten CO2-neutralen Staat machen. Erreicht werden soll das durch die Stilllegung von Kohlekraftwerken, die Förderung von Hybrid-Autos und die Anpflanzung von weiteren Bäumen. Umweltschützer weisen kritisch darauf hin, dass die bereits bestehenden Gesetze nicht hinreichend eingehalten werden. Ergänzend zu dem neuen Programm fordern sie mehr Personal in den Reservaten, um dem Raubbau an der Natur wirklich Einhalt gebieten zu können. Dass es Wilderern und Holzfällern immer wieder gelingt, die Parkwächter zu umgehen, macht auch Mayra auf der Halbinsel Osa wütend. Unglaublich stolz dagegen ist sie darauf, dass ihr Land 95 Prozent seiner Energie aus Wasserkraft und Erdwärme bezieht. Viele Costaricaner nennen sich wie Mayra „Conservacionista“ und haben das Umweltbewusstsein verinnerlicht. Anders als in den Nachbarländern wird der Abfall hier nicht auf die Straße geworfen. Energie wird gespart, Wasser bewusst verbraucht und mancherorts sogar der Müll getrennt. Unverbrauchte Natur ist die wichtigste Ressource Costa Ricas, nicht zuletzt, weil wegen ihr die Touristen in das kleine Land kommen und die ersehnten Devisen mitbringen.

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