Fair und durchsichtig

Bei Temperaturen von 1.500 Grad Celsius wird Glas geschmolzen. (Jutta Ulmer)
Bei Temperaturen von 1.500 Grad Celsius wird Glas geschmolzen. (Jutta Ulmer)

Der Raum wird erhellt von rotglühendem Glas und den Feuern der Schmelzöfen. Es ist heiß. Hochkonzentriert hantieren Männer mit Zangen, Spachteln und Blasrohren herum. Sie formen aus geschmolzenem Glas kleine Engel, schnörkellose Vasen und reich verzierte Krüge. Schweigend bilden Glasbläsermeister und Gehilfen eine Einheit, deren wohlgeordnetes Tun wir bislang nicht verstehen. Vor dem Betreten der Produktionsstätte wurden wir angehalten, die Kunsthandwerker während der Arbeit nicht zu stören. Geschmolzenes Glas kühlt nämlich sehr schnell ab, so dass nach seiner Entnahme aus dem Ofen nur wenig Zeit für die Formgebung und Verzierung bleibt. Don Carlos hat ein Weinglas produziert, legt nun sein Blasrohr weg und kommt auf uns zu. Er ist klein, schwarzhaarig und gehört dem Volk der Quiché-Indígenas an. Gemeinsam mit 16 anderen Glasbläsern hat er 1976 die Kooperative Copavic gegründet. „Wir waren es leid, uns von unserem damaligen Chef weiter ausbeuten zu lassen. Deshalb haben wir beschlossen, uns selbständig zu machen. Wir kauften Land, bauten darauf das Fabrikgebäude und nahmen für die Ausstattung der Werkhalle einen Kredit auf.“

Die Kunst liegt darin, dem glühenden Glas die richtige Form zu geben. (Jutta Ulmer)
Die Kunst liegt darin, dem glühenden Glas die richtige Form zu geben. (Jutta Ulmer)

Die Glasbläser-Kooperative liegt im guatemaltekischen Hochland in der kleinen Gemeinde Cantel auf 2.000 Meter Höhe. Nur zehn Kilometer entfernt ist die Provinzhauptstadt Quetzaltenango, die mit ihren Sprachschulen, netten Cafés und schönen Hotels bei Touristen beliebter Ausgangspunkt für Ausflüge in die Umgebung ist: Man kann zu farbenfrohen Indígena-Märkten fahren, in heißen Quellen baden, Vulkane besteigen und die Glasbläser in Cantel besuchen. Don Carlos freut sich, dass wir da sind, und erzählt, wie schwer es am Anfang war, einen Markt für die mundgeblasenen Glaswaren zu finden. „Zum Glück kamen wir in den 1990er Jahren mit Organisationen des Fairen Handels in Kontakt. Wir erhielten Designberatung, technische Unterstützung und exportieren seither unsere Produkte in Weltläden in Europa und den USA. Der Faire Handel garantiert uns gerechte Preise und nimmt so viel ab, dass wir ganzjährig produzieren können.“ Zwar sind die Löhne bei Copavic niedrig. Für Guatemala unüblich erhalten die Kunsthandwerker aber 14 Monatsgehälter. Außerdem haben sie eine Kranken-, Unfall- und Lebensversicherung, die Copavic bezahlt. Ein Teil des Gewinns der Kooperative fließt in Projekte der Dorfgemeinschaft wie Trinkwasser- und Stromversorung. Gearbeitet wird von fünf Uhr morgens bis ein Uhr nachmittags. Die Tätigkeit ist hart, wird aber gerne gemacht, weil die Glasbläser ihre eigenen Chefs und am Gewinn beteiligt sind. Guatemala ist ein armes Land. Vor allem in der indigenen Bevölkerung sind Schulbildung, Gesundheitsversorgung und sauberes Trinkwasser keine Selbstverständlichkeit. „Die meisten von uns lebten früher in Armut. Heute haben wir eigene Häuser, halten ein paar Hühner und können unsere Kinder in die Schule schicken“, so Don Carlos.

Erkaltet das Glas - und das geschieht rasch - ist alles zu spät. (Jutta Ulmer)
Erkaltet das Glas – und das geschieht rasch – ist alles zu spät. (Jutta Ulmer)

Copavic stellt die gläsernen Einzelstücke aus 100 Prozent Altglas her, das die Kooperative von Getränkeherstellern in Quetzaltenango bezieht. Es wird sortiert, gereinigt und dann im Ofen bei 1.500 Grad Celsius stundenlang geschmolzen. Don Carlos fragt mich, ob ich Glas blasen möchte. „Sehr gerne“, antworte ich und bin erstaunt, wie viel Puste man benötigt, um aus dem glühenden Glasklumpen am Ende des langen Metallrohrs eine luftgefüllte Glaskugel zu machen. Schnell nimmt mir Don Carlos das Blasrohr aus der Hand, während sein Gehilfe fast zeitgleich „meine“ Glaskugel mit einer Hohlform umschließt. Durch gefühlvolles Blasen in die Hohlform hinein gibt Don Carlos nun „meiner“ Glaskugel die endgültige Gestalt: Aus ihr wird ein extra großes Trinkgefäß! Leider kann ich den Kelch nicht erwerben. Er muss zum langsamen Abkühlen drei Tage in die Aushärtungskammer. Sollte er dann der Qualitätskontrolle genügen, wird er im angeschlossenen Werksverkauf ausgestellt oder sorgfältig verpackt und auf Reise – vielleicht in einen Weltladen in Deutschland – geschickt.

Reise Info
Den Glasbläsern der Kooperative Copavic bei der Arbeit zuschauen kann man Montag bis Freitag von 9:30 bis 12:30 Uhr und am Samstag von 9:30 bis 11:30 Uhr. Der angeschlossene Werksverkauf hat Montag bis Freitag von 8:00 bis 17:00 Uhr geöffnet.
Weitere Informationen zu Copavic findet man unter www.copavic.com.
Glaswaren von Copavic aus Fairem Handel sind in Deutschland bei www.gepa.de, in Österreich bei www.weltlaeden.at und in der Schweiz bei www.claro.ch erhältlich.

Quelle: https://www.epochtimes.de/reise/die-welt-entdecken/fair-und-durchsichtig-a508878.html