Honduras geheimnisvolle Karibik-Schönheit

Regina und Pablo tanzen in der Mitte des Kreises. Sie wippen mit dem Becken und schwingen die Hüfte. Ihre Bewegungen sind lustvoll, erotisch und schön. Begleitet wird der jahrhundertealte Fruchtbarkeitstanz vom Gesang der anderen und Toms fesselnden Trommelschlägen. Rasant wirbeln sie durch die sternenklare Nacht und hypnotisieren die Anwesenden mit ihrem rhythmischen Bum-bum. Es ist ein ganz normaler Samstagabend auf der winzigen Karibikinsel Chachahuate. Die Inseljugend trifft sich, um sich ein bisschen zu amüsieren – ohne CD-Player, Handy und Auto, denn Strom, ein Mobilfunknetz und Straßen gibt es hier nicht. Chachahuate misst höchstens 30 mal 150 Meter und ist eine von 15 kleinen Inseln, die zusammen die Cayos Cochinos bilden. Als „klassische karibische Schönheit“ wird die Inselgruppe vor der honduranischen Atlantikküste häufig beschrieben. Denn wohin man schaut, sieht man türkisblaues Meer, weißen Sandstrand und Unmengen an Kokospalmen. Die meisten Inseln sind unbewohnt. Auf Chachahuate aber leben etwa 50 Menschen. Sie sind Nachkommen afrikanischer Sklaven und Kariben und werden Garífuna genannt. Ihre Einkommensquellen sind Fischfang und Tourismus. Allerdings kommen nur wenige Reisende auf Chachahuate. Die Anfahrt ist mühsam, die Unterkunft sehr bescheiden und das Paradies nur wenig bekannt.

Wir haben eine kleine Hütte auf Chachahuate fünf Meter vom Meer entfernt gemietet. Sie wurde, wie alle Häuser hier, aus Brettern, Bambus und Palmblättern gebaut. Für die Körperpflege erhalten wir täglich einen Liter Süßwasser. Mit einem kanadischen Pärchen, einer Französin und den 50 Inselbewohnern teilen wir zwei Latrinen. Dass es ohne Strom kein Licht gibt, versteht sich von selbst. Dafür glitzern nachts die Sterne wahnsinnig hell und man kann authentischen Garífuna-Alltag erleben. Bei Sonnenaufgang werfen ein paar Männer in Inselnähe Fischernetze aus. Andere paddeln mit ihren Kanus zu weiter entfernten Fangplätzen. Am Strand wirbeln Kinder durch den Sand und bitten uns, beim Bau einer Schaukel zu helfen. Sie klettern auf Palmen, spielen Ball und lassen Frisbee-Scheiben fliegen. Die Mädchen haben schwarzes, krauses Haar, geschmückt mit Zöpfchen und bunten Perlen und sind besonders niedlich anzuschauen.

Wir möchten die Ruhe des Meeres am Morgen zum Schnorcheln nützen. Schließlich gehören die Cayos Cochinos zum Mesoamerican Barrier Reef, dem zweitgrößten Korallenriff der Welt. Mit unserer eigenen Schnorchelausrüstung tauchen wir ins Karibische Meer ein, wo rotfleckige Zackenbarsche, blauschnauzige Kaiserfische und gelbstreifige Snapper leise durchs Wasser gleiten. Prächtig gefärbte Papageifische weiden Algen von den Korallen ab, während uns ein ein Meter langer Barrakuda neugierig folgt. Die Welt unter Wasser sieht heil und friedlich aus und ist doch in einem besorgniserregenden Zustand. Globale Erwärmung, Überfischung und Umweltverschmutzung bedrohen weltweit die Riffe mit ihrer faszinierenden Flora und Fauna. Um dem entgegenzuwirken wurden die Cayos Cochinos 1993 unter Naturschutz gestellt und 2003 vom honduranischen Staat als Naturmeeresdenkmal ausgewiesen. Das Schutzgebiet umfasst 489 Quadratkilometer und wird von der Honduras Coral Reef Fund verwaltet. Ziele der Nichtregierungsorganisation sind die wissenschaftliche Beobachtung des Riffs sowie der Schutz seiner Tiere und Pflanzen. Wir können uns kaum sattsehen an dem lichtdurchfluteten Riff mit seinen violetten Seefächern, riesigen Elchgeweih- und versteinerten Hirnkorallen. Die starke Sonne und ein knurrender Magen zwingen uns dann aber doch irgendwann, zur Insel zurückzuschwimmen.

Die Garífuna besitzen eine eigene Küche, die afrikanische und karibische Kochkunst miteinander verbindet. Wieder an Land empfehlen uns unsere Gastgeber „Machuca“ zum Mittagessen. Das ist eine traditionelle Fischsuppe, die mit Kokoswasser zubereitet wird. Dazu gibt es Reis, einen Knödel aus Kochbananen und gebratenen, fangfrischen Fisch. Zwar ist kommerzieller Fischfang im geschützten Riff der Cayos Cochinos verboten. Die Garífuna aber dürfen unter Einhaltung arterhaltender Auflagen im Meer vor ihrer Insel fischen. Um eine alternative Einkommensquelle zum Fischfang zu schaffen, bildet die Honduras Coral Reef Fund junge Fischer zu Touristenführern aus. Einen solchen benötigen wir für den nächsten Tag, weil wir einen Bootsausflug machen möchten. Rafael, so heißt es, sollen wir suchen. Wir schlendern von Fischerhütte zu Fischerhütte, in deren Schatten die Inselbewohner Netze flicken, Karten spielen, Wäsche waschen oder, wie Rafael, in der Hängematte schaukeln. Schnell werden wir mit ihm handelseinig. Morgen wird er mit uns eine Tour auf Cochino Mayor, die größte der 15 Inseln unternehmen.

Auf Cochino Mayor gibt es einen intakten tropischen Regenwald, durch den man eine kleine Wanderung machen kann. Vom Strand steigt ein schmaler Weg an zum höchsten Punkt der Insel, der immerhin 145 Meter über Normalnull ist. Den Wanderpfad säumen alte Urwaldriesen, in deren Astgabeln wir Bromelien und Orchideen entdecken. Von Eichen hängen moosbewachsene Lianen herab. Am Boden wachsen riesige Farne. Hauptattraktion der Insel sind Rosarote Boas, von denen wir zwei zu Gesicht bekommen. Die bis zu zwei Meter langen Schlangen kommen nur auf den Cayos Cochinos vor. Wegen eines Mangels an schwarzen Farbpigmenten sind sie milchweiß bis pink. In den 1990er Jahren war der Bestand der Rosaroten Boa stark dezimiert, da sie gefangen und an Schlangenzüchter in aller Welt verkauft wurde. Ein Schutzprogramm der Honduras Coral Reef Fund trug zur Rettung der Rosaroten Boa bei. Heute soll es wieder 1.000 Exemplare auf den Cayos Cochinos geben.

Nach getaner Wanderung schippert uns Rafael nach Chachahuate zurück, wo wir Omar schon von weitem am Strand stehen sehen. Er hat uns vor zwei Tagen in seinem Boot hierher gebracht. Heute ist er mit einer Gruppe Tagesausflügler unterwegs, kommt auf uns zu und sprudelt gleich los: „Leider kann ich euch morgen nicht wie abgemacht abholen. Sturm und Gewitter sind im Anzug. Bootfahren wird morgen zu gefährlich sein. Ihr könnt jetzt gleich mit mir zurückfahren oder ich hole euch ab, wenn das Unwetter vorüber ist. Wann das ist, kann ich nicht sagen.“ Sollen wir Hals über Kopf das Paradies verlassen oder bei einem tropischen Gewittersturm von ungewisser Länge in unserer palmblattbedeckten Hütte bleiben? Deutsch wie wir sind, entscheiden wir uns für Sicherheit, packen und sitzen ein paar Stunden später in einem schmucklosen Hotelzimmer auf dem Festland. Nachts um zwei beginnt es zu stürmen, Regen peitscht gegen das Fenster, die nächsten 24 Stunden schüttet es in Strömen. Chachahuate steht vermutlich unter Wasser und dennoch konnten und wollten die Inselbewohner wegen des Unwetters nicht fliehen. Uns wird bewusst, wie traditionell und naturnah die Garífuna auf den Cayos Cochinos leben und wie verstädtert wir sind.

Reise Info:
In Sambo Creek bietet Omar Acosta (Tel: 00504-383-8031) Bootsüberfahrten und Tagesausflüge zu den Cayos Cochinos an. In La Ceiba können Tagesausflüge bei www.garifunatours.com gebucht werden.
Informationen zu den Cayos Cochinos gibt es unter www.cayoscochinos.org sowie im Reiseführer „Honduras“ aus der Reihe Reise-Know-How (ISBN 978-3-8317-1756-9).

Quelle: https://www.epochtimes.de/reise/die-welt-entdecken/honduras-geheimnisvolle-karibik-schoenheit-a464984.html