Warum die Amerikaner die Schweiz lieben

Von 20. November 2008 Aktualisiert: 20. November 2008 0:31
Amerikaner entdecken ihre Wurzeln

„That`s amazing, oh my good – it`s real!“ Spitze Schreie der Verzückung waren im September in der Schweizer Bergwelt zu vernehmen. Über 130 Journalisten aus allen Teilen der Erde waren auf Einladung der Schweiz Tourismus in dem facettenreichen Land auf medialer Erkundungstour. An einem historischen Bahnhof der 100-jährigen Rhätischen Bahn boten Statisten einen Einblick in das arbeitsreiche Alltagsleben damaliger Schweizer Bewohner aus der Gründerzeit der Bahnlinie, die zum Weltkulturerbe zählt.

Das Event gleicht nach Ankunft des Sonderzuges einem Ameisenhaufen: wie elektrisiert surren die Kameras aufgeregter amerikanischer, asiatischer und indischer Journalisten im Wettkampf, um dieses Schauspiel historischer Schweizer Ursprünglichkeit einzufangen. Es sind Szenen ohne Drehbuch, die stellenweise an Momente in einem Zoo erinnern. Die Schauspieler sind sich Ihrer Rolle bewusst, ebenfalls sind die jungen Schweizer Organisatoren der siebentätigen Pressereise jederzeit am Geschehen orientiert. Antworten wie: „Kenn ick nich, hier war ich noch nie, muss mein Chef fragen…“ auf Fragen der Journalisten, die auf Pressereisen in der Vergangenheit in anderen Teilen des Kontinents schon mal zu vernehmen waren, sind im Repertoire der Allroundbetreuer nicht vorhanden.

Die Sehnsucht nach „heiler Welt“ mit Brauchtum und Traditionen

Gleichwohl trifft diese perfekte Inszenierung den Nerv insbesondere der amerikanischen Journalisten mit dem Traum nach einem Stück „heile Welt“ in der abgeschiedenen alpinen Schweiz mit glasklaren Bergseen in unberührter üppiger Natur fernab der tobenden US-Finanzkrise, Rassismus und Wegwerfgesellschaft. Zaina Fausto, Leiterin des Reisebüros der Schweiz Tourismus in Los Angeles bestätigt diesen Trend: „Immer mehr Amerikaner hegen den Wunsch, die Stätten ihrer europäischen Herkunft zu erkunden, um eine traditionelle historische Identität zu erfahren, die das Einwanderungsland USA mit seiner erst 200-jährigen Geschichte in dieser Form nicht bieten kann.“

„Heile Welt“ in unberührter üppiger Natur. (Thilo Gehrke)
„Heile Welt“ in unberührter üppiger Natur. (Thilo Gehrke)

Sie gibt zu Bedenken: “In den USA gibt es die Sekte der „Amish People“, einer Glaubensgemeinschaft Schweizer Ursprungs, die alle Neuerungen der Technik ablehnt und in ihren Reservaten besucht werden kann. Wir merken an steigenden Reisebuchungen, dass „Amish People“ und der verkitschte Nachbau von Teilen des „Old Europe“ in den US-Freizeitparks zunehmend das Interesse an der realen Welt nicht mehr ersetzen kann.“

Nebenbei gelang es den Reiseprofis der Schweiz Tourismus einen interkulturellen Dialog unter den Teilnehmern anzuschieben. Garry Wingenberg von der Chicago Tribune ist vom Baustil der Schweizer Bergdörfer fasziniert und sagt: “Bei uns in den USA haben wir National-Parks. Dort kann man sich nicht so frei bewegen wie hier, da es dort gefährliche wilde Tiere wie Bären, Panther, Schlangen und Krokodile gibt. Hier beeindrucken Tradition und Brauchtum und die wirklich alten Häuser und alles ist schnell zu erreichen, bei uns herrschen ganz andere Distanzen.“

Thilo Gehrke, 41, ist Journalist, Fotograf und freier Autor in Hamburg. Er hat die deutsche Wiedervereinigung unter sozialen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Aspekten medial begleitet und ist Mitglied im Wissenschaftlichen Forum für Internationale Sicherheit an der Führungsakademie der Bundeswehr.

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