Zwischen Waldgöttern, Touristen und Fernsehhelden

Lautlos gleitet der Einbaum über den See. Juan Chan K’in hält die Balance und rudert im Stehen. Der kühle Morgenwind streicht über sein weißes, tunikaähnliches Gewand. Sein langes, flatterndes Haar gibt ihm ein archaisches Aussehen. Juan Chan K’in ist Lacandone und lebt in der kleinen Gemeinde Nahá inmitten des Regenwaldes, der Selva Lacandona. Er ist Mitte 50 und erzählt uns von der Zeit, als er noch ein Kind und sein Dorf unentdeckt war.

„Damals lebten wir in Einklang mit k’ax, dem Wald. Er gab uns alles, was wir zum Leben brauchten. Wir sammelten Früchte und Samen, jagten Papageien und Affen. Mein Papa brachte mir hier im See schwimmen und fischen bei. Außerdem unterrichtete er mich im Gebrauch von Heilkräutern. Meine Schwestern sponnen k’uch-Fäden, die sie den Kranken um den Hals banden. Und Chan K’in Viejo, unserer Führer, sprach Zaubersprüche gegen böse Omen. All das ist unwichtig geworden. Unsere Traditionen gehen verloren.“

Die Lacandonen sind das einzige Maya-Volk, das von den spanischen Konquistadoren nicht unterworfen wurde. Sie flüchteten im 18. Jahrhundert in den Regenwald des südmexikanischen Bundesstaates Chiapas, wo sie isoliert in Familienclans lebten. Erst im 20. Jahrhundert kamen sie mit der Zivilisation in Kontakt. Ihre ursprünglich-mystische Lebensweise machte sie zu Lieblingsobjekten der Ethnologen. Ihr Volk zählt 650 Personen, die in den drei Dörfern Nahá, Metzabók und Lacanjá wohnen.

Juan Chan K’in rudert zum Seeufer und führt uns durch dichten Regenwald zurück nach Nahá. Vor ihren Häusern sitzen Dorfbewohner. Sie tratschen, lachen und beobachten uns. Die meisten Männer haben einen Kurzhaarschnitt und tragen ein T-Shirt zur Jeans. Xikul, das traditionelle Leinengewand, ist genau so out wie schulterlanges Haar. Wissenschaftler, Missionare, Touristen und Fernseher haben die Lebenswelt der Lacandonen innerhalb 50 Jahren verwestlicht. Nur noch wenige halten an alten Lebensweisen fest. Neben Juan Chan K’in gehört zu den Bewahrern der Traditionen Don Antonio, den wir in seinem Götterhaus treffen. Wir können uns leider nicht mit ihm unterhalten, da er nur seine Muttersprache Maya-Lacandon spricht.

Don Antonio ist Schamane und wird für uns eine Maya-Zeremonie durchführen. Er wählt aus 20 Götterschalen drei für das Ritual aus: Den Waldgott Känänk’ax, den Gott der Reisenden Itzana und Äkyantho, den Gott, der unsere westliche Welt schuf. In den Götterschalen zündet er Copalharz an. Rauch steigt auf und trägt Don Antonios Singsang-Gebete zu den Göttern im Himmel. Einen Teil des Weihrauchs fängt er mit Bergpalmblättern ein, die er uns zum Abschied schenkt. Der Rauch soll uns auf unserer weiteren Reise beschützen und gesund erhalten. Von den Dorfbewohnern selbst wird Don Antonio nur noch selten aufgesucht. Aspirin und Penicillin haben die traditionellen Rituale verdrängt. Vermutlich wäre Nahás letzter Schamane ohne Touristen arbeitslos.

In den vergangenen Jahren haben die Lacandonen ihre Dörfer verstärkt für fremde Besucher geöffnet und Zentren des Ökotourismus errichtet. Finanziert werden die Tourismusprojekte vom mexikanischen Staat. Im Gegensatz zu den anderen indigenen Völkern Mexikos erhalten die Lacandonen viele staatliche Fördergelder. 1972 wurde ihnen sogar ein 600.000 Hektar großer Teil der Selva Lacandona zugesprochen sowie die Verwaltung der Maya-Ruinen Bonampak und Yaxchilán übertragen. Sie vergeben dafür in ihrem Gebiet des Regenwaldes Konzessionen für Ölbohrungen und Holzfällerrechte so, wie es die Politiker im fernen Mexiko-Stadt wünschen. Geld haben die Lacandonen erst in den 1950er Jahren kennengelernt. Davor war der Wald ihre Lebensgrundlage, ihre Welt. Das Denken und Handeln wurde von der Gemeinschaft bestimmt. Heute entscheidet jeder individuell.

In der Nähe der Ruinenstätte Bonampak liegt Lacanjá. Dieses Lacandonen-Dorf ist leichter erreichbar und noch verwestlichter als Nahá. Seine Bewohner ließen sich von US-amerikanischen evangelikalen Sekten missionieren. Sie beten zum Christengott und fürchten das Jüngste Gericht. Ihr Leben dreht sich um die Bibel und den Tourismus. In Lacanjá gibt es in fast jedem Haus Gästebetten oder ein Restaurant. Wir haben per E-Mail im Campamento Río Lacanjá eine cabaña rustica gebucht und sind dann doch etwas erstaunt, dass es sich um eine Schutzhütte auf Stelzen ohne Tür und Schloss handelt. Umgeben von Urwaldriesen bietet lediglich ein Moskitonetz Schutz vor den Tieren der Nacht.

Naturnah sind wir untergebracht. Das passt zu unserer Herberge, denn sie entspricht mexikanischem Ökotourismus-Standard. Es gibt Mülltrennung, Solarstrom und ein vielfältiges Tourangebot. Man kann Wanderungen durch die Selva Lacandona unternehmen, River Tubing im Río Lacanjá machen und natürlich Bonampak besuchen. Wir engagieren Enrique, der uns in seinem Taxi zu den Maya-Ruinen fährt. Es wird vermutet, dass Bonampak ein Fürstentum war und zwischen 650 und 800 n. Chr. seine Blütezeit hatte. Die Ruinen sind nicht spektakulär. Einzigartig aber sind die Wandmalereien im Templo de las Pinturas. In drei Kammern dokumentiert ein Gemäldezyklus Ereignisse aus dem Leben der Maya vor der spanischen Eroberung: Prunkvoll geschmückte Herrscher ziehen in den Krieg, adlige Frauen opfern Blut, Feinde werden den Göttern dargebracht, Musiker flöten und trommeln. Den Lacandonen ist die kleine Stätte schon immer als Zeremonialzentrum bekannt.

Die Weltöffentlichkeit erfuhr von ihrer Existenz Mitte des letzten Jahrhunderts. Auf dem Ruinengelände sehen wir viele Lacandonen. Sie bieten ihre Dienste als Führer an und verkaufen Kunsthandwerk. Bestseller sind die Imitationen ihrer früher verwendeten Pfeile und Bögen. Während sie zu Hause in Lacanjá westlich angezogen sind, tragen die Männer an diesem Touristenort weiß-wallende Gewänder und die Frauen hübsche Blümchenkleider. Denn so möchten Gäste aus aller Welt die Lacandonen sehen: geheimnisvoll, ursprünglich, fotogen.

 

Reise-Info:

In Nahá ist der Tourismusverantwortliche K’in García Martínez telefonisch unter +52 555 150 5953 erreichbar.

Nähere Informationen zum Campamento Río Lacanjá in Lacanjá findet man unter www.ecochiapas.com/lacanja.html

 

Quelle: https://www.epochtimes.de/reise/die-welt-entdecken/zwischen-waldgoettern-touristen-und-fernsehhelden-a612802.html