Kasey Keller – der „Soccer“ aus den USA

Von 22. Mai 2006 Aktualisiert: 22. Mai 2006 1:29
Ein Publikumsliebling in Mönchengladbach
Kasey Keller signiert nebenbei T-Shirts und Autogrammkarten - ganz Profi eben. (Kasey Keller signiert nebenbei T-Shirts und Autogrammkarten – ganz Profi eben. (Foto: Steffen Andritzke/DNE)

„Das Kaugummi fehlt, denke ich spontan, als Kasey Keller plötzlich vor mir steht. Sonst ist alles so, wie man es sich eben bei einem Ami vorstellt: das Sonnenschutzschild cool auf dem Kopf, ein lässiges T-Shirt und Bermuda-Shorts. Dazu ein lustiges Lächeln. „Hi“, sagt er und reicht mir seine Hand.

Wir stehen vor der Sportbar im Borussenpark, wo das Kurzinterview eigentlich stattfinden soll. Hier geht es aber nicht. Es ist zu voll und viel zu laut. Herr Weinmann von Borussia scheint meine Bedenken zu ahnen: „Sie können auch in mein Büro gehen – da haben sie etwas mehr Ruhe“, sagt er. „Nett“, denke ich und auf dem Gang zu seinem Büro wird mir bewusst, dass es mehr als nur nett ist, mir dieses Interview so kurzfristig noch zu ermöglichen. Es ist der letzte freie Nachmittag von Kasey Keller. Morgen ab nach Frankfurt zum letzten Punktspiel, danach WM-Vorbereitung.

„Frag doch endlich!“

Als wir im Büro sitzen und ich mein Diktiergerät aus der Tasche fummele, trifft mich ein entschlossener Blick von Kasey: „Es kann losgehen mit den Fragen – ich wär dann soweit – time is cash“, scheint mir dieser Blick zu sagen, der auf einmal sehr fordernd ist. Nebenbei signiert er Autogrammkarten. Ein T-Shirt wird ihm vom Fanbeauftragten gereicht. „Bitte draufschreiben für Maik“… Keine Frage, Mr. Keller ist nicht nur einer der besten Torhüter, die derzeit in der Bundesliga halten, er ist auch Publikumsliebling in Mönchengladbach. Er signiert – ich bin irritiert. Erneut schaut er kurz auf. Dann wieder dieser fordernde Blick: „Frag doch endlich“ ….

Kasey Keller (29. 11. 1969 in Olympia, Washington, USA) ist Torhüter der USA- Nationalmannschaft. Er spielt zur Zeit beim deutschen Traditionsverein Borussia Mönchengladbach. Davor spielte er bei FC Southampton, Tottenham Hotspur, Rayo Vallecano, Leicester City, FC Millwall, Portland Timbers, Portland University. Er ist bereits zweimal USA-Fußballer des Jahres geworden und kann auf über 90 Länderspiele zurückblicken. (Kasey Keller (29. 11. 1969 in Olympia, Washington, USA) ist Torhüter der USA- Nationalmannschaft. Er spielt zur Zeit beim deutschen Traditionsverein Borussia Mönchengladbach. Davor spielte er bei FC Southampton, Tottenham Hotspur, Rayo Vallecano, Leicester City, FC Millwall, Portland Timbers, Portland University. Er ist bereits zweimal USA-Fußballer des Jahres geworden und kann auf über 90 Länderspiele zurückblicken. (Foto: Steffen Andritzke/DNE)

Zuerst frage ich ihn, wie er im Land des Football & Baseball überhaupt zum „Soccer“ geworden ist. „Fußball ist sehr populär in den USA. Im Fernsehen sieht man zwar hauptsächlich die anderen Sportarten, aber an den Schulen spielen sehr sehr viele Jugendliche Fußball.“ Nun sprudelt es nur so aus ihm heraus. Man merkt, dass er diesen Sport mit Leidenschaft betreibt, dass er Fußball liebt und dass es für ihn nicht nur ein Job ist. Er erzählt, dass er an der Universität gespielt hat, dass er verschiedene Jugend-National-Teams durchlaufen hat, dass sein Lieblingsverein die „Dallas Cowboys“ sind und dass er schon immer den FC Liverpool gerne spielen sah.

Einmal in Fahrt gekommen ist Mr. Keller kaum zu stoppen. Plötzlich schaut er kurz auf die Uhr seines Handys. „Oh, sorry, my wife …“ er wählt kurz eine Nummer „Sorry, Darling, I’m late… Bin gleich da…“

Deutsche Fans sind toleranter

Dann knüpft er problemlos da an, wo er gerade aufgehört hatte: „…. einen Unterschied zwischen den Ligen in England und Deutschland sehe ich vor allem bei den Zuschauern. Als Borussia in Dortmund spielte, besuchte mich ein Freund aus England. Besorgt fragte er mich: kann mein Sohn ein Gladbachtrikot dort auf der Tribüne tragen, ohne dass er angepöbelt wird? Ich sagte: kein Problem. In England wäre das sehr schwierig bei einem Derby im Trikot der Gastmannschaft zwischen den Heimfans zu sitzen.“

Das war’s zu diesem Thema und ein erneuter kurzer Blick suggeriert mir: „Nächste Frage bitte!“

„Was für eine Platzierung erhoffst du dir mit deiner Mannschaft bei der WM?“ möchte ich von ihm wissen. „Oh, das ist eine sehr schwere Gruppe mit Ghana, Italien und Tschechien. Aber wir haben eine gute Mannschaft. Wenn wir unsere besten Elf auf dem Platz haben, können wir gegen alle gewinnen. Wir haben acht Positionen, die sogar doppelt besetzt sind. Fällt da jemand aus, so können wir ihn gleichwertig ersetzen. Allerdings trifft das leider nicht auf alle Positionen zu. Sollte zum Beispiel Claudio Reyna ausfallen, haben wir ein echtes Problem. Das hat man auch beim Spiel gegen Deutschland gesehen, als wichtige Spieler von uns fehlten. Sollten jedoch alle topfit sein, dann können wir jeden, aber auch jeden schlagen.“

Offensichtlich möchte sich Kasey nicht auf eine konkrete Platzierung festnageln lassen.

Später? Mal sehen

Mit 36 gehört er nicht mehr wirklich zu den Youngstern in der Bundesliga. Es interessiert mich ob er schon Pläne für die Zeit nach seiner Karriere als Fußballer hat: „Golf spielen – meine Frau kann dann arbeiten gehen“, feixt der Sunnyboy schelmisch  „….nee, mal im Ernst, ich kann es mir leisten in Ruhe eine Arbeit zu suchen, die ich dann machen möchte. Ich bin seit fast 20 Jahren unter ständiger Kontrolle. Dann bin ich frei und kann in Ruhe etwas suchen was mir gefällt. Vielleicht arbeite ich ja als Trainer oder Berater einer Universitätsmannschaft. Oder als Berater beim Fernsehen. Ich habe auch sehr gute Freunde in der Musikindustrie – ich kann mir auch vorstellen da irgendetwas zu machen. In einer Großküche werde ich mit meinem Soziologie-Studium aber wohl eher nicht arbeiten“ …da ist es wieder, dieses lustige Feixen …

Servicewüste Deutschland

Immer für ein Späßchen bereit - Kasey Keller, der Publikumsliebling. (Immer für ein Späßchen bereit – Kasey Keller, der Publikumsliebling. (Foto: Steffen Andritzke/DNE)

„Was vermisst du in Deutschland?“ frage ich und voller Wucht kommt „Service!“ aus ihm herausgeschossen. Sein Blick wird dabei unerwartet ernst und ich habe das Gefühl, als hätte mich ein Abstoß von ihm direkt ins Gesicht getroffen. „In Deutschland denken die Ladenbesitzer, sie tun dir einen Gefallen, wenn sie den Laden aufmachen – in Amerika tust du den Geschäftsinhabern einen Gefallen, wenn du zu ihnen ins Geschäft  kommst.“ Offensichtlich habe ich ein Thema angeschnitten, das Kasey sehr beschäftigt und er erzählt weiter: „ Als meine Frau Schuhe kaufen wollte und die Verkäuferin fragte, ob sie diese Schuhe auch in Größe 8 hat , blieb diese hinter ihrer Ladentheke sitzen, schaute kurz auf und sagte : nein, glaub ich nicht. In Amerika wäre die Verkäuferin aufgesprungen und hätte nachgeschaut oder hätte ihr auch andere Schuhe gezeigt um sie ihr zu verkaufen. Dort haben die Verkäufer ein wirkliches Interesse etwas zu verkaufen, da sie dafür Prozente bekommen. Nicht wie in Deutschland, wo sie sowieso ihr festes Gehalt bekommen. Es scheint ihnen egal zu sein, ob sie etwas verkaufen; sie kriegen sowieso ihr Geld. Egal, ob sie etwas verkaufen, egal, ob sie etwas leisten, sie kriegen sowieso ihr Geld.“

„Das klingt ein bisschen wie Kommunismus“ füge ich ein. „Exactly !!!“ sagt er entschieden und weiter: „ Wenn einer hart arbeitet, soll er auch mehr verdienen. Stell dir vor, du bist ein Doktor und du hast viel gelernt und musstest vielleicht neben deinem Studium sogar noch arbeiten – und dann sollst du das gleiche verdienen wie jemand, der keine Leistung bringt – impossible! Der Doktor denkt sich dann: ich habe jahrelang gelernt und studiert, jetzt arbeite ich lange und hart, ich habe den Stress und viel Verantwortung und wenn ich einen Fehler mache stirbt mir der Patient vielleicht sogar – und ich soll das gleiche Geld bekommen wie jemand, der keine Ausbildung und auch kein großes Interesse an seiner Arbeit hat? Das funktioniert nicht!“ Kasey lässt keinen Zweifel aufkommen, dass er zu diesem Thema eine Meinung hat und dass er auch gewohnt ist sie zu vertreten. Auf meine Frage, ob er etwas über die derzeitigen Zustände in China weiß, sagt er: „Ich denke, dass dort eine Milliarde Sklaven für 10 Typen arbeiten. Wenn du die Arbeit nicht für 1 Dollar machen willst – o.k. – wir haben eine Milliarde, die den Job für 75 Cent machen… Kommunismus ist kein System, in dem man leben kann!“

„Glaubst du an irgendetwas?“

Während er dies sagt schießt mir durch den Kopf, dass die Kommunisten auch jeglichen Glauben bekämpfen und von allen Menschen fordern ausschließlich nur an die KP zu glauben. Spontan frage ich: „Glaubst du an irgendetwas?“

„Ich glaube nicht an organisierte Religion. Es gibt wirklich auch schlechte Menschen, die jeden Sonntag in die Kirche gehen und fromm beten aber am Montag sind sie wieder die gleichen schlechten Menschen. Ich versuche zu jedem nett zu sein, meinen Nachbarn zu helfen und meine Kinder gut zu erziehen – und ich soll in die Hölle kommen, nur weil ich sonntags nicht in die Kirche gehe?“

Während er das sagt, schaut er erneut zur Uhr, steht auf und schultert seine Sporttasche. Als der Satz beendet ist, nimmt er einfach meine Hand, drückt sie mit einem Lächeln einmal kräftig und verschwindet ohne große Worte des Abschieds zu verschwenden durch die Tür. Ich kann gerade noch auf den Gang hinterherlaufen und ihm ein „thanks a lot“ hinterher rufen. Noch im Gehen dreht er sich um, lächelt wieder und ruft „no problem!“ bevor er hinter der nächsten Tür verschwindet. Auf einmal ist es ruhig. Auf einmal ist es merkwürdig ruhig und ich fühlte mich als wäre ein Hurrikane in der Steppe von Kansas über mich hinweg gefegt…



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