Grüner Strom: Nicht überall, wo Ökostrom drauf steht, ist auch Ökostrom drin.Foto: iStock

Wenn Ökostrom nicht reicht … – oder – Warum grüner Strom nicht immer grün ist

Epoch Times29. Oktober 2020 Aktualisiert: 29. Oktober 2020 16:03
Die Welt befindet sich an einem Scheideweg – nicht nur wegen Corona – auch die Herkunft unseres Stroms, kann die Zukunft formen. Aufgrund der Vielzahl an Angeboten können Endverbraucher diese maßgeblich beeinflussen, aber Vorsicht, nicht überall, wo "grüner Strom" drauf steht, kommt automatisch Ökostrom aus der Steckdose.

Welche Farbe hat eigentlich Strom? Schwarz, blau, grün oder doch gelb? Die Antwort ist immer dieselbe. So wie der Endverbraucher es wünscht, wobei die Farben stellvertretend für verschiedene Anbieter oder Stromerzeuger stehen: Schwarzer Strom kommt oft aus Kohle und Atomkraftwerken, grüner oder Ökostrom hingegen stammt aus regenerativen Quellen – einschließlich Wasserkraft (blau), Biogas (grün) und Photovoltaik (gelb).

Über die Wahl des Stromanbieters können Endkunden damit maßgeblich Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Energiewende, denn auch beim Strom bestimmt die Nachfrage das Angebot. Wenn es in Deutschland nur eine Menge X grünen Strom gibt, aber mehr benötigt wird, kaufen Stromanbieter grünen Strom aus dem Ausland hinzu.

Gleichzeitig, wenn mehr Kohlestrom erzeugt, als verbraucht wird, wird dieser ins Ausland verkauft. Und all das passiert in ein und demselben Stromnetz. Der Strom der aus Ihrer Steckdose kommt muss also keineswegs grün sein, nur weil Sie grünen Strom bezahlen. Es gibt jedoch weitere Maßnahmen, wie zum Beispiel einen „Klimaschutzbeitrag“, mit dem Stromkunden unkompliziert nachhaltige Projekte unterstützen können.

Ein Ausflug ins Deutsche Stromnetz

Strom aus der Steckdose ist wie die Spitze des Eisbergs, der Rest des Eisbergs, Elektrizität, ist weitaus komplexer. Elektrischer Strom kann nicht wie Nahrungsmittel verpackt, gelagert und nach Bedarf stückchenweise aufgetaut werden. Daran könnten auch smarte Geräte oder Millionen Solarzellen nichts ändern. Strom muss in dem Moment verbraucht werden, in dem er erzeugt – oder physikalisch korrekt – umgewandelt wird.

Und was ist mit den großen Stromspeichern wie Wasserkraftwerken oder Batteriespeichern? Auch darin wird keine elektrische Energie gespeichert, sondern im Wasserkraftwerk potenzielle Energie (Energie der Lage), die durch Öffnen von Rohrleitungen zunächst in kinetische (Energie der Bewegung), dann in mechanische (Energie in mechanischen Systemen) und schließlich in elektrische Energie umgewandelt wird. In der Batterie ist die Energie chemisch gespeichert und wird durch chemische Reaktionen umgewandelt und kann verbraucht werden.

Aufgrund der Vielzahl der Verbraucher von Waschmaschinen über (Straßen-)Beleuchtung bis hin zu großen Industriebetrieben, die so viel Strom verbrauchen wie eine ganze Kleinstadt, gibt es keinen Moment an dem KEINE Energie benötigt wird und folglich auch keinen Moment an dem ALLE Kraftwerke stillstehen. Diese Strommenge wird Grundlast genannt. Kleine Schwankungen werden über die schweren Turbinen oder Schwungräder von Generatoren (mechanische Energie) abgefangen, größere Schwankungen durch Ab- und Zuschalten von Kraftwerken.

All diese Kraftwerke und mit wenigen Ausnahmen alle Verbraucher verwenden dasselbe Stromnetz, sodass es theoretisch egal ist, ob sich das Kraftwerk in den Alpen und der Verbraucher an der Küste befindet, oder umgekehrt. Der Strom steht allen Teilnehmern im Stromnetz zur Verfügung – so viel wie momentan erzeugt wird.

Wo grüner Strom draufsteht, muss kein grüner Strom drin sein

Dieses Phänomen führt zu einem weiteren Effekt, den Stromkunden im Hinterkopf behalten sollten, wenn sie sich beispielsweise bewusst für Ökostrom entscheiden. Weil alle Kraftwerke dasselbe Stromnetz speisen, ist der Strom darin immer eine Mischung verschiedenster Erzeugungsverfahren: Kernkraft, Kohle, Gas und Öl, Wasserkraft, Wind- und Solarstrom sowie Strom aus Geothermie- und Biogasanlagen. Wenn der Strom aus der Steckdose eine sichtbare Farbe hätte, wäre die allemal braun.

Kauft nun ein Endverbraucher ausdrücklich grünen Strom, heißt das nicht, das seine Steckdosen neu verkabelt werden und direkt mit der nächsten Wasser- oder Windkraftanlage verbunden werden. Stattdessen verpflichtet sich der Stromanbieter zum Kauf von Ökostrom in der verbrauchten Menge. Betreibt er gleichzeitig eigene konventionelle Kraftwerke muss er diesen, vom Kunden ungenutzten, Strom entsprechend verkaufen.

Entscheiden sich viele Kunden für Ökostrom, steigt die Nachfrage danach an der Strombörse, dadurch sinkt der Preis für konventionell erzeugten Strom und wird für Erzeuger auf lange Sicht unwirtschaftlich. Auf diese Wiese können Kunden indirekt Einfluss auf die Gestaltung – und das Tempo – der Energiewende nehmen.

Wem Ökostrom nicht reicht … sollte sich auch an die eigene Nase fassen

Ökostrom ist heute nicht mehr teurer als herkömmlicher Strom und bietet damit die anspruchslose Möglichkeit einen entscheidenden Einfluss zu nehmen. Darüber hinaus integrieren immer mehr Stromanbieter weitere „grüne“ Aspekte in ihre Tarife. Das macht die Wahl des „richtigen“ Anbieters jedoch nicht immer einfacher.

Andererseits ermöglicht die gezielte Nachfrage bei einem Stromanbieter eine Vorauswahl nachhaltiger Anbieter – und regt die „weniger grünen“ Anbieter vielleicht zum Umdenken an. Jeder enttäuschte Kunde ist schließlich eine verpasste Einnahmequelle.

Und wer als Kunde noch mehr für Klima, Natur und Umwelt tun möchte, sollte sich auch selbst an die Nase fassen und sich fragen, ob er nicht seine eigenen Gewohnheiten überdenken sollte. Muss beispielsweise der Flur genauso geheizt werden, wie das Wohn- oder Kinderzimmer? Müssen Fernseher oder Radio den ganzen Tag ununterbrochen dudeln? Und muss ich für die 300 Meter zum Bäcker wirklich das (Elektro-)Auto nehmen?



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