Ein völlig mit Müll bedeckter Fluss in Peking.Foto: Getty Image

Chinas Umweltproblem ist ein System-Problem

Epoch Times19. Juli 2007 Aktualisiert: 19. Juli 2007 18:25
Umweltexperte Yi: „Selbst wenn Sie Ihr ganzes Vorstellungsvermögen einsetzen, können Sie die Umweltschäden in China nicht erfassen!“

750.000 Menschen sterben in China jährlich an den Folgen der Umweltverschmutzung. Das besagt die von der Weltbank in Zusammenarbeit mit der Regierung der Volksrepublik China erstellte Studie: „Die Kosten der Umweltverschmutzung in China“. Doch die Zahl der Todesfälle ist wieder aus der Studie gestrichen worden, da die Regierung in Peking „soziale Unruhen“ befürchtet, wie kürzlich in der „Financial Times“ zu lesen war. Und tatsächlich finden sich in der aktuellen Fassung des Weltbank-Berichts keine Daten über die Folgen der Umweltverschmutzung in China.

Zur Weltbankstudie und den Vertuschungen seitens der chinesischen Regierung sprach Die Neue Epoche mit dem chinesischen Umweltexperten und Kommentator des Radiosenders Free Asia, Zheng Yi. Laut Yi übersteigt das wahre Ausmaß der Verschmutzung die Ergebnisse der Studie um ein Vielfaches. Das Umweltproblem in China sei ein Problem des dortigen politischen Systems, so der Experte. Ohne eine Reform des bestehenden Systems und die Einführung demokratischer Strukturen sei es absolut unmöglich, die gravierenden Umweltschäden zu bewältigen und eine gewisse Lebensqualität sicherzustellen. .

Epoch Times: Herr Zheng, am 3. Juli berichtete die Financial Times, dass die tatsächliche Anzahl der Todesfälle infolge Umweltschäden in China aus der kürzlich verfassten Weltbank-Studie wieder gestrichen worden sei. Peking fürchte „soziale Unruhen“, sollten die Zahlen öffentlich bekannt werden. Was ist Ihre Meinung, warum wurden die 750.000 Todesopfer nicht erwähnt?

Zheng Yi, Kommentator in der Sendung „Das chinesische Ökosystem schlägt Alarm“ des Radiosenders Free Asia.Zheng Yi, Kommentator in der Sendung „Das chinesische Ökosystem schlägt Alarm“ des Radiosenders Free Asia.Foto: The Epoch Times

Zheng Yi: In Wirklichkeit ist die gesamte Situation viel schwerwiegender als es die Weltbank-Studie sagt. Da ist eigentlich gar kein Vergleich möglich. Nehmen Sie einmal die Krebserkrankungen oder die Atemwegserkrankungen, die alle Folge der Umweltverschmutzung sind. Allein die Anzahl der Krebskranken in der stark belasteten Region Huaihe übersteigt die offiziellen Angaben der WHO um das zigtausendfache. Glauben Sie ja nicht, dass ich die Maßeinheit verwechselt habe, die Tatsachen gehen weit über Ihre Vorstellung hinaus! Selbst wenn Sie Ihr ganzes Vorstellungsvermögen einsetzen, können Sie die Umweltschäden in China nicht erfassen! Die vorzeitigen Todesfälle durch die Folgen der Umweltverschmutzungen sind um das zigfache gestiegen. Früher redete man nur von einem Krebsdorf in einer Region, dort wo die Quelle der Verschmutzungen lag, sozusagen. Aber jetzt, wo gibt es denn kein Krebsdorf? Jetzt ist nicht mehr die Rede von einem Krebsdorf, sondern nur noch von einem Krebsfluss! Entlang des gesamten Flusslaufes findet man überall Krebskranke.

Natürlich erhalten ausländische Untersuchungen aufgrund ihres offiziellen Charakters mehr internationale Aufmerksamkeit. Sie wirken glaubwürdiger. Aber diese Untersuchungen und Bewertungen richten sich nicht nach dem absoluten Grad der Umweltverschmutzung. Würden sie nämlich die geographischen oder die politischen Faktoren, wie etwa Proteste gegen das chinesische Regime, berücksichtigen, würden nicht nur 16 von 26 Weltstädten mit der schlimmsten Luftverschmutzung in China liegen, sondern alle 26!

Epoch Times: Was ist Ihrer Meinung nach die Hauptursache für die Umweltverschmutzung in China?

Zheng Yi: Die Umweltverschmutzung in westlichen Ländern ist sozusagen eine „Verschmutzung wegen Unwissens“. Das heißt, die Verschmutzung entsteht, weil man beispielsweise die Auswirkung einer bestimmten Industriesparte auf die Umwelt nicht kennt. Sobald diese aber erkannt wird, kann ein demokratisches System diesen Fehler korrigieren. So ist die Umwelt im Westen immer besser geworden, man ist dort schon durch die schlimmste Zeit durchgekommen. Das Umweltproblem in China ist eigentlich ein Problem des politischen Systems. Obwohl man dort genau weiß, dass die Umweltverschmutzungen sehr schlimm und deren Auswirkungen für die Menschen tödlich sind, kann das kommunistische System Chinas das Problem nicht lösen. Die Belastung nimmt nur immer mehr zu, weil die Regierungsbehörde, die die Gesetze umsetzt, davon profitiert. Je schlimmer die Verschmutzung, umso besser. Nehmen wir an, dass es in der Stadt „X“ zehn Unternehmen gibt, die die Umwelt verschmutzen, dann könnte die Behörde zehn Euro bekommen. Wenn es in dieser Stadt aber nur ein Unternehmen gäbe, dann könnte sie nur einen Euro verlangen. Zudem schlägt die Verschmutzung von Luft und Boden auch nicht negativ zu Buche, wenn die Arbeit der lokalen Regierung durch die ihr vorgesetzte Regierungsebene beurteilt wird. Weil die Wirtschaftsvorteile zu eng verknüpft sind, kollaborieren Regierungsbehörde, Justizbehörde, die Behörde für Umweltschutz und die Unternehmen – und verschmutzen gemeinsam die Umwelt. Die wirklichen Opfer sind die normalen Bürger. Sie haben keine Vertreter, keine Oppositionspartei, keine Medien, die für sie sprechen können. Sie können nur unter einer solchen Lebensumgebung leiden, die ihre Gesundheit gefährdet. Von den großen Wirtschaftsinteressen getrieben, aber ohne jegliche Überwachung, kann das chinesische Regime niemals die gegenwärtige Umweltsituation ändern, egal wie viel Geld und Kraft es einsetzt, egal wie laut man ruft, egal wie viele Sündenböcke hingerichtet werden. Das alles hilft nicht wirklich, weil sich dahinter das jeweilige Interesse versteckt!

Epoch Times: Kann der Bericht der Weltbank Ihrer Meinung nach China erschüttern?

Zheng Yi: Die westlichen Medien bezeichnen die Zahlen in der Studie als „erschreckend“. In China selbst kann dies wenig bewegen, weil die Chinesen völlig abgestumpft sind. Seit 1989 hegen die meisten Chinesen keine Hoffnung mehr auf politische Reformen, sie sind ratlos. Aber sowohl die Verursacher der Umweltverschmutzung als auch die ratlosen Zuschauer, alle müssen die Konsequenzen tragen. Wir hinterlassen unserem Volk und vor allem der nächsten Generationen einen Scherbenhaufen. Die jetzige Generation kann schon nicht mehr ausweichen. Die innere Haltung von vielen Chinesen ist so, dass es ihnen egal ist, wenn Menschen auch nach ihrem Tod unter dieser oder jener Katastrophe leiden müssen. Diese Einstellung hat sicher sehr zu einer Verschlimmerung beigetragen. Das ist in der Welt beispiellos!

Epoch Times: Wie kann man das Problem Ihrer Meinung nach bekämpfen?

Zheng Yi: Wenn wir die Umweltverschmutzung wirkungsvoll bekämpfen und unsere Umgebung verändern wollen, geht das nicht ohne eine gründliche politische Reform und ohne den Aufbau eines demokratischen Systems. Erstens wären da Meinungsfreiheit und Pressefreiheit. Nur wenn die Katastrophen wahrheitsgetreu berichtet werden, können die Menschen sich ein Bild machen, wie die Situation unseres Landes aussieht. Staatliche Medien stellen derzeit aber eine Informationsblockade auf und filtern „unglückliche“ Nachrichten aus.

Zweitens: Versammlungsfreiheit muss gewährt werden. Zum Beispiel, wenn ein Fluss verseucht wird, müssen Bewohner, die am Fluss leben, doch die Freiheit haben, eine Organisation zu gründen und für ihre Interessen kämpfen zu dürfen. In China wird diese Freiheit dem Volk nicht gewährt. Das wird als Verbrechen angesehen, nämlich Subversion.

Drittens müssten landesweit Umweltschutzorganisationen aufgebaut werden. Wir brauchen größere Organisationen, die unsere Umwelt schützen. Wir brauchen auch Menschen, Politiker, die unsere Interessen vertreten. Also lautet die Frage, ob die Oppositionspartei im Parlament erlaubt wird.

Viertens: Ein Rechtsstaat muss aufgebaut werden. Ein Beispiel: Ereignet sich ein Umweltschaden, werden sicherlich Fälle auftauchen, die vors Gericht gebracht werden. Auf der ganzen Welt sind die Schadensverursacher im Unrecht. Aber in China ist das anders. Die Unternehmen, die mit Chemikalien verunreinigen, bleiben in solchen Fälle die Gewinner. Die Polizei und der Gerichtshof stehen beide auf der Seite der Industrien. Ein unaghäniges Rechtssystem gibt es nicht. Die Behörden nehmen Bestechungsgelder an. Zum Teil gehören die Industrie und Fabriken den Kadern selbst. Also, wenn das Rechtssystem nicht die Unabhängigkeit hat, braucht man auch nicht von einem Rechtsstaat zu sprechen.

Wenn ein Fluss verschmutzt wird, dauert es mindestens hunderte Jahre, bis er sich regeneriert hat. Und leiten wir auch nur einen Tropfen Abwasser in einen Fluss und dieser gelangt dann weiter ins Grundwasser, ist es sehr schwer, diesen Schaden in Hunderten von Jahren wieder gutzumachen. Und manchmal können Fahrgäste nie wieder zurückkommen; ein erodierter Boden benötigt dann mehrere tausend oder zehntausend Jahre, um sich zu erholen.

Das Interview wurde von der Reporterin Gao Lin der Epoch Times geführt.


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