Müll aufheben – Laub liegen lassen!

Von 14. Mai 2008 Aktualisiert: 14. Mai 2008 10:44
Der Verein Komitee für Igelschutz e.V. in Hamburg kümmert sich um das Wohlbefinden der kleinen stachligen Säugetieren.

Nanu! Ein Igel liegt auf dem Rasen, den Kopf auf die Seite gelegt – am helllichten Tag. Ist er tot? Irmgard Brook betrachtet den Fund aus der Nähe: Nein, tot ist er nicht. Der Igel geht wenige Schritte, taumelt, bleibt regungslos stehen, legt wieder seinen Kopf zur Seite. Wie wäre es mit etwas zu fressen, kleiner Igel? Schmatzend macht er sich über das angebotene Katzenfutter her. Verletzt scheint er nicht zu sein. Vermutlich ist der Igel gerade erst aus dem Winterschlaf erwacht und noch nicht ganz bei sich. Wenn er sich genug gestärkt hat, wird er sicherlich weiterziehen.

In der Nacht regnet es. Der Igel liegt am nächsten Tag nur wenige Meter vom Fundort entfernt. Die Stacheln glänzen vor Nässe und er will nun weder fressen noch trinken. Frau Brook setzt den Igel in einen Schuhkarton auf ein warmes Kissen – auf nach Stellingen, zur nächsten Igelstation!

Arbeit bis in die späte Nacht

Das Komitee für Igelschutz e.V. gründeten die Goroncys vor knapp zehn Jahren. 342 Igel nahm allein diese eine Station im letzen Jahr auf.

Derzeit klingelt laufend das Telefon: Menschen, die wie Frau Brook einen Igel aufgelesen haben oder jene, die einen Winterschläfer beherbergten und ihn nun auswildern und sich dafür beraten lassen wollen. In der Zentrale verfasst das Ehepaar auch Informationschriften, die auf ihrer Homepage veröffentlicht und an Infoständen verteilt werden. Täglich von 17 bis 2 Uhr nachts arbeitet das Ehepaar dann noch in der Igelstation.

Die Igelstation ist 500 Meter weiter. Um dorthin zu gelangen, durchquert man den Kleingarten der Goroncys. Dieser Garten bietet Igeln reichlich Insektenfutter und Unterschlupf. – Der Rasenmäher wird hier nur benutzt, um einen Trampelpfad durch die blühende Wildnis zu ebnen.

Das Grundstück hinter dem Garten ist die Igelstation. „Igelhospiz“ steht auf einem Holzschuppen – innen von Herrn Goroncy zu einer Krankenstation mit sechs Zimmern ausgebaut, wo jeder Igel je einen Futter- und Schlafkarton hat. Weitere Schuppen, ein alter auf dem Rücken liegender Kleiderschrank und eine erhöhte Holzsandkiste mit Deckel beherbergen die hölzernen Futter- und Schlafhäuser der Winterschläfer. Zusätzlich gibt es Freigehege. Alles wurde vom Igelvater selbst gebaut. Seit 32 Jahren kümmern sich Sigrun und Heiko Goroncy um Igel. Diese Erfahrung merkt man auch den praktischen Konstruktionen an.

Abgesägte Baumstümpfe werden von Kindern aus Schulklassen und Kindergärten als Sitzplatz benutzt. 2007 waren die Goroncys in 86 Schulklassen. Aufklärung tut not. Denn wer hätte gedacht, dass mehr Igel am Haus und im Garten verunglücken als auf der Straße? Zum Beispiel verfängt er sich mit seinem Stachelkleid und Beinen in dem, was der Mensch achtlos liegen lässt: Bänder, Becher, Meisenknödelnetze. Was man hingegen gerne liegen lassen darf und sollte, ist das Laub unter Büschen und Bäumen. Darin finden Igel und Vögel ihr Futter.

Igel voll im Griff

Sigrun Goroncy macht gerade einen Igel fertig für die Auswilderung: Gesundheitscheck, Ohrenputzen und Krallen schneiden.
Mit drei Fingern im Nacken des Igels und einem in der Brust verhindert Frau Goroncy, dass der Igel sich einrollt. „Nur so kann man wirklich schauen, ob der Igel gesund ist.“ Außerdem wendet man im Komitee für Igelschutz den Tellington Touch an, das sind gezielte Berührungen, die das Tier beruhigen.

Unwissenheit ist Gift

Zuvor nahm die Igelpflegerin einen Notfall auf, der in einem Zeckennest lag. Zeckenweibchen legen ihre Eier gern in Schlafnester kleiner Tiere. Etwa 40 graue Zecken zog sie aus diesem einen Igel! Die Insekten, die Frau Gorcony den Igeln aus ihren Pelzen zieht, schickt sie für Forschungszwecke an Labore.Nun ist Frau Brooks Schützling dran. Mit geschickten Handgriffen entfernt Frau Goroncy Flöhe und zwei Zecken aus dem Stachelpelz des Igels – und Fliegeneier. Fliegenmaden können einen Igel bei lebendigem Leibe auffressen, sagt sie.

Ein wenig Flohpuder

Etwas Flohpuder kommt auf das Rückgrat. „Manche Finder pudern den Igel von oben bis unten ein“, erzählt die Tierschützerin, sie ziehe dann nur noch einen toten Igel aus dem Karton. „Das ist kein Popuder für Babys sondern Gift. Das darf er nicht einatmen!“ Gift wird leider auch noch in Gärten verwendet. Das Schlimmste sei das Mesurol Schneckenkorn von Bayer (siehe grauen Kasten). Der Notfall-Igel mit den vielen Zecken hatte außerdem Rattengift aufgenommen. Das sah die Igelmutter an den weißen Schleimhäuten. Der Igel von Frau Brook hat Durchfall und ist viel zu kalt. Jetzt kommt er erst einmal auf ein körperwarmes Heizkissen.

www.Igelkomitee-Hamburg.de

Igel am Tage
Wenn Igel tagsüber umherirren oder in der Sonne liegen, sollten sie zu einem Tierarzt oder in eine Igelstation gebracht werden. Bei Bedarf leicht (!) mit einem Flohpuder einpudern, und zwar nur den Rückgrat entlang. Fühlt sich der Igel am Bauch kühl an, muss er unbedingt auf ein Heizkissen oder eine Wärmflasche mit etwa 29 Grad gelegt und mit einem Tuch abgedeckt werden. Igel-Nottelefon in Hamburg: 040-5404807.

Laub ist kein Müll
Igel fressen Käfer, Asseln, Tausendfüßler, Spinnen. Jene halten sich vorwiegend unter Laub auf. In „aufgeräumten“ Gärten muss der Igel hungern – oder er probiert Dinge, die ihm nicht gut tun. Zum Beispiel Nacktschnecken, die schädliche Lungenwürmer enthalten. Oder er sucht in „Gelben Säcken“, an deren Inhalt er sich verletzen oder mit Schimmelbakterien infizieren kann. Die Gelben Säcke bitte hochstellen!

Rattengift

Igel passen durch die vier Zentimeter der Öffnung der Köderboxen für Ratten. Man sollte diese Kisten darum unbedingt etwa 15 Zentimeter erhöht aufstellen (auf zwei Backsteine) oder besser aufhängen, da Igel im Gegensatz zu Ratten nicht hochspringen (klettern können sie aber!). Wer Rattengift in Erdlöchern oder ohne Gitter im Komposthaufen auslegt, muss mit einem Bußgeld bis zu 50.000 Euro rechnen.

Gefährlich: Schneckenkorn von Bayer!
Das Mesurol Schneckenkorn von Bayer enthält das Nervengift Methiocarb, das über Schnecken und Regenwürmer auch Vögel und Igel vergiftet. Methiocarb gilt als bienengefährdend. Laut Stiftung Warentest kann Methiocarb Wasser- und Bodenorganismen schaden und beim Menschen zu Erbrechen, Durchfall, Atemnot und Lungenödemen führen.
Die Goroncys hörten, dass ein Kind an zwei Gramm Schneckenkorn starb. Im Internet fanden sie in einem Forum die Symptome der Hunde bei Schneckenkornvergiftung: „Unruhe, starkes Erbrechen (mit Blut), starker Speichelfluss, starke Reizung der Augen- und Mundschleimhaut, Blaufärbung der Zunge, Blut in Kot und Urin, starker Durchfall, Zittern, Krämpfe, Kreislaufkollaps.“ Letztes Jahr kamen Igel mit den gleichen Symptomen in die Igelstation. Sie starben alle.

Text erschienen in Epoch Times Deutschland Nr. 20 (14.Mai – 20.Mai 2008)

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