Sag mir, wo die Blumen sind …

Es ist Anfang Juni. Als der Hobby-Imker seine Beute öffnet und nach den Bienen schaut, ist er mit dem Ergebnis recht zufrieden. Das Bienenvolk hat sich gut entwickelt, Tausende von Bienen bewegen sich zwischen den Wabengassen. Die Honigwaben sind gut gefüllt und in etwa einer Woche wird der Honig reif sein. Sprich, die Bienen werden es geschafft haben, durch ihre ständigen schnellen Flügelschläge und eventuell mehrmaliges Umtragen des Honigs von einer Wabenzelle in eine andere, dessen Feuchtegrad so weit verringert zu haben, dass er danach jahrelang haltbar bleibt.

Bienen finden kaum Futter

Eine Woche später: Die Honigzellen sind nicht wie erwartet randvoll mit Honig und mit einer dünnen Wachsschicht verschlossen. Im Gegenteil, der Honig scheint weniger geworden zu sein. Spontan entscheidet der Imker, nicht zu schleudern und das weitere Geschehen abzuwarten. Wie vermutet finden die Bienen in den darauf folgenden Wochen kaum mehr blühende Pflanzen, von denen sie Nektar hätten gewinnen können. Beerensträucher, Kirsch- und Apfelbäume sind verblüht, die Wiesen abgemäht. Hätte der Imker wie gewöhnlich geschleudert, wären seine Bienen mitten im Sommer verhungert, oder er hätte mit Zuckerwasser nachfüttern müssen. Was für den Hobby-Imker gerade noch zu verschmerzen ist, kann für den Berufsimker, der auf den Ertrag angewiesen ist, schnell zu einer Existenzfrage werden.

„Der Futtermangel in der Natur ist dramatisch“, sagt Imkermeister Günter Friedmann, Sprecher der biodynamischen Demeter-Imker. Beobachtungen an seinen eigenen Bienenvölkern und beunruhigende Meldungen von Imkerkollegen aus ganz Deutschland, hätten ihn veranlasst, „jetzt einen Alarmruf zu starten.“

„Wenn nicht rasch ein Umdenken und ein neues Handeln in der Landwirtschaft erfolgt, werden wir stumme Sommer erleben“, sagt Günter Friedmann. Und sehen, dass die Bienen für die Bestäubung und damit auch für die Ernten unersetzlich sind.

Friedmann, seit 30 Jahren Berufsimker und Träger des Förderpreises ökologischer Landbau, sagt, obwohl sich diese Entwicklung eigentlich seit mehreren Jahren anbahnt und auch zu den Bienenverlusten der letzten Jahre beigetragen hat, „mit einer solchen Situation wurde ich noch nie konfrontiert“.

Nach der Rapsblüte, Mitte bis Ende Mai, beginnt für die Bienen in vielen Regionen Deutschlands eine Zeit des Mangels und oft auch des Hungerns. Geschwächte Bienen  wiederum sind anfälliger für Krankheiten und Parasiten, wie die vor Jahren aus Asien eingeschleppte Varoamilbe, die auch für das massenhafte Bienensterben, das in den vergangen Jahren immer mal wieder aufgetreten ist, verantwortlich gemacht wird.

Doch die scheint nur Symptom zu sein. Ursache dagegen die immer weiter beschleunigende Intensivierung der Landwirtschaft. Auch Jürgen Tautz vom Biozentrum der Universität Würzburg sieht eine drastisch verschlechtere „Fitness“ der Bienenvölker durch das fehlende Blütenangebot, was „zur Schwächung und im Extremfall zum Zusammenbruch der Bienenvölker führt“. Viel schlechter als den Honigbienen geht es Wildbienen und Schmetterlingen, deren Lobby zu klein sei, sagt Friedmann und befürchtet für die Zukunft „stumme Sommer“, sollte die Politik nicht steuernd eingreifen, damit die Entwicklung sowohl den Landwirten als auch grundlegenden Bedürfnissen der Menschen und der Natur gerecht werden könne. (jel)

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 33/09

(Josef Jelkic/The Epoch Times)
(Josef Jelkic/The Epoch Times)
Quelle: https://www.epochtimes.de/umwelt/sag-mir-wo-die-blumen-sind-a486705.html