Wird Vogelgrippe über Hühnerkot verbreitet?

Von 9. März 2006 Aktualisiert: 20. September 2017 16:58
Mit dem Virus infizierte Abfälle und Geflügelprodukte könnten die Vogelgrippe eher verbreiten als Zugvögel, behauptet der internationale Dachverband des NABU Birdlife International.

Die Rolle der Zugvögel bei der Ausbreitung des Vogelgrippevirus muss neu bewertet werden. Dies fordert BirdLife International, der internationale Dachverband des NABU. Verantwortlich für globale Wanderung des Virus sind nicht Wildvögel, sondern der Handel mit Abfällen und infizierten Produkten der weltweit agierende Geflügelindustrie. Mit dem Export von täglichen mehreren Millionen Bruteiern und jung geschlüpften Hühnerküken kann H5N1 ungehindert von Kontinent zu Kontinent springen, warnt Birdlife International.

Auch der NABU warnt davor, sich bei der Bekämpfung der Vogelgrippe ausschließlich auf Wildvögel zu konzentrieren. „Die Ursachenforschung zur Ausbreitung der Geflügelpest darf nicht in eine Sackgasse geraten“, sagte NABU-Vogelschutzexperte Markus Nipkow. In der Bevölkerung würden Zugvögel noch immer und zu Unrecht als Gefahrenquelle Nummer Eins wahrgenommen. Der NABU beobachtet die dadurch um sich greifenden Reaktionen vieler Menschen zu Lasten der Vögel mit großer Sorge. So sind in Berlin bereits Anträge auf Entfernung von Mehlschwalbennestern gestellt worden. Auch in Gärten werden mancherorts Nistmöglichkeiten gezielt beseitigt und Kinder davor gewarnt, Vögeln generell zu nahe zu kommen.

Die aktuelle Entwicklung zeigt aber, dass die Zahl der Infektionen bei Wildvögeln auf sehr niedrigem Niveau verbleibt. Die Anzahl nachgewiesener Fälle der gefährlichen H5N1-Viren wächst nur langsam. Drei Wochen nach bekannt werden der Krankheit rund um die Insel Rügen sind den Viren bundesweit nur etwa 150 Vögel zum Opfer gefallen. Trotz einzelner Nachweise aus weiteren Regionen Deutschlands klingt die Ausbreitung unter Wildvögeln bereits merklich ab. Für die 180 bis 200 Millionen in Deutschland lebenden Vögel hat sich die Seuche damit bisher zu keinem ernsthaften Problem entwickelt. Auch in Asien und Südosteuropa hatte die Seuche unter Wildvögeln nur punktuell und nur für kurze Zeit um sich gegriffen.

Vor diesem Hintergrund weist der NABU ebenso wie Birdlife International auf die Ausbreitung infizierter Produkte hin: „Aktuelle Hinweise über gängige Praktiken im weltweiten Handel mit Geflügelprodukten und -abfällen geben alarmierende Signale, wo tatsächlich massive Risiken bestehen könnten“, betonte Nipkow. So ist bekannt geworden, dass Massentierhaltungen in China ihr Fäkalien-Entsorgungsproblem vielfach dadurch lösen, dass sie den Kot als Dünger in der Fischereiwirtschaft, aber auch in der Landwirtschaft verkaufen. Dabei ist noch unklar, auf welchen Wegen und in welchem Umfang dieser Handel zwischen asiatischen Ländern und auch in Europa stattfindet. „Es wäre fatal, wenn zur Bekämpfung der Geflügelpest nun Maßnahmen ergriffen werden, die der weiteren Industrialisierung der Geflügelhaltung auf der ganzen Welt Vorschub leisten“, so Nipkow.

Für Birdlife International spielen Wildvögel bei der Ausbreitung der Vogelgrippe nur eine untergeordnete Rolle. Sie sind Opfer nicht Täter. Als Beweis für ihre Position führt Birdlife die jüngste Infektionsfälle an. Die Seuchenausbrüche in Südostasien, Europa und Afrika folgten nicht dem geografischen und zeitlichen Musterder Vogelzüge. Zudem seien in der Türkei, Nigeria, Indien und Ägypten die ersten Infektionsfälle jeweils in Geflügelbeständen aufgetreten. Auch das Fehlen von Seuchenausbrüchen entlang der Zugrouten wirderspreche der These, dass H5N1 hauptsächlicht über Wildvögel übertragen werde.



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