Das EZB-Monster: Geld für Glasmurmeln

Von 20. April 2018 Aktualisiert: 20. April 2018 9:46
Der Geldumlauf, auf dem die EZB laut Selbstauskunft ein Auge haben soll, wird im Moment immer weiter erhöht. Da das jedoch – und so ist es im Moment – kaum Einfluss auf die allgemeine Inflation hat, stimmt offensichtlich mit dem Preis des Geldes, dem Zins, den festzulegen Aufgabe der EZB ist, etwas ganz und gar nicht mehr. Der müsste nämlich steigen, was er aber nicht tut. Eine Analyse von Roger Letsch.

Dass das Geld abgeschafft werde und manche Leute deshalb schon keins mehr hätten, ist ein Running-Gag von Vorgestern. Dass Geld aus dem Automaten komme, wenn man eine vierstellige Nummer eingibt, ist ein Kinderglaube, der sich bei manchen bis ins hohe Alter hält. Dass nur dann genug Geld für alle da sei, wenn man es anderen Leuten wegnimmt, ist Teil der Confessio linker Politiker.

Dass Geld immer gleichzeitig zu knapp, reichlich vorhanden und in den falschen Händen ist, wissen wir hingegen erst, seit unser Staat der Meinung ist, er wirtschafte gut. Was wir in den Krisen der letzten Jahre aber auch gelernt hatten: es ist eigentlich egal, ob wir Hosenknöpfe oder Euromünzen als Hilfsmittel und Äquivalent verwenden – schwindet der Glaube an das Geldsystem, bricht es schneller zusammen, als man “Kredit” buchstabieren kann.

Die EZB indes glaubt, dass Geld und Hosenknöpfe im Grunde ein und dasselbe sind, weil beide klappern, wenn man sie in der Tasche schüttelt. Keine Sorge, ich werde hier nicht über Preise, Wirtschaftskraft und das Zwangskorsett Euro-System referieren. Das können andere ohnehin besser. Aber ich bin bei meinen Recherchen zu einem Artikel über den ESM auf ein Kuriosum gestoßen, welches geradezu ein Paradebeispiel für die Kurzlebigkeit schöner Theorien und für ein bekanntes Zitat aus der Schatulle Adenauers ist: „Was schert mich mein Geschwätz von gestern.“

Skeptiker unseres derzeitigen Währungssystems mit der Europäischen Zentralbank (EZB) im Zentrum und den sie als eine Art Leibwache umgebenden Fazilitäten, Fonds und Schattenbanken, führen als Argumente für ihr Misstrauen gern Dinge wie die galoppierenden deutschen Target2-Salten oder die kreativen Buchungstricks bei Schuldenstaaten wie Griechenland oder Italien an. Das streife ich hiermit nur mal am Rande. Wer wissen möchte, wie schlimm die Dinge wirklich stehen und dabei noch lachen will, muss die aktuelle Lage mal durch eine sieben Jahre alte pädagogische Brille betrachten.

Das Inflationsmonster und der weiße Ritter von der EZB

Mein Fundstück stammt aus dem Jahr 2011, ist also jetzt sieben Jahre alt. Zu dieser Zeit war die erste Welle der Bankenpleiten bereits durch die Welt gerollt und die Kanzlerin und ihr damaliger Finanzminister hatten sich schon schützend vor die deutschen Spareinlagen geworfen, die HRE implodierte und auch die Commerzbank war längst teilverstaatlicht.

Zu dieser Zeit muss sich die EZB wohl Sorgen um ihr Image bei der nachwachsenden Generation gemacht haben, die Occupy-Bewegung stand ja auch vor ihrer Tür. Man ließ also einen kleinen „Lehrfilm“ samt Unterrichtsmaterial produzieren, um Schülern ein besseres Image von der segensreichen Einrichtung EZB und deren Street-Credibility zu vermitteln.

Dort säßen die Drachenbekämpfer und Prinzessinenretter unserer Zeit, denn die EZB bekämpfe zwei Monster: die Inflation und die Deflation. Auf der Schärpe des edlen Ritters steht sein Wahlspruch – Preisstabilität! Die allein sei wichtig, nur auf diese komme es an. Und so ist es ja auch tatsächlich festgeschrieben in den Statuten.

Die gute Tante Bundesbank mit ihrer D-Mark hatte einige Instrumente mehr zur Verfügung und konnte auch Arbeitsmarkt und Wettbewerbsfähigkeit im Blick behalten. Das lässt sich heute jedoch in der EZB kaum noch steuern, weil man innerhalb einer Währung nicht verschieden auf- oder abwerten kann: ein Euro kostet immer einen Euro. Aber sehen Sie sich bitte zunächst einmal das achtminütige Video an.

Kam Ihnen das Inflationsmonster irgendwie bekannt vor? Die Idee, ganz Europa mit Geld buchstäblich zuzuschütten, ist aktuelle EZB-Politik. Als der „Lehrfilm“ 2011 veröffentlicht wurde, war es noch etwas mehr als ein Jahr bis zu Mario Draghis berühmter „Whatever it takes“-Rede am 26.7.2012 und heute, im Jahr 2018, nach jahrelangem besinnungs- und bedingungslosen Schuldenaufkäufen* durch die EZB, kann man sich in etwa an dem Bild von Europa erfreuen, welches im Film vom 19./20. Jahrhundert gezeichnet wurde:

Die Ersparnisse verlieren an Wert, es gibt für Sparer kaum noch Zinsen, weil die Banken das Geld vom EZB-Monster fast geschenkt bekommen.

Immer noch kauft die EZB die Anleihen auf, für die sich am Markt kein Käufer findet. 60 Milliarden waren es monatlich bis Dezember 2017, die durch den Ankauf von teils wertlosen Staatsanleihen zurück ins Geldsystem gedrückt werden und 30 Milliarden sind es seit Januar immer noch pro Monat.

Und diese Gegenwertslose Liquidität von mittlerweile über 2.400.000.000.000 Euro muss ja irgendwo hin. Zweieinhalb. Billionen. Euro. Wie sagte der smarte Typ im Obama-Hemd doch so schön: „Mit Vertrauen spart und investiert es sich einfach leichter“. Lachen Sie ruhig, das befreit!

Aber anders als im Filmchen ist die heutige Inflation noch nicht beim Bäcker zu bemerken, sondern dort, wohin das Geld ausweicht, das von der Last riskanter Anleihen befreit ist. Da klassische Sparformen eher bestraft als belohnt werden, steckt das Geld in Immobilien. Und deren Preise gehen seit einiger Zeit geradezu durch die Decke!

Der Geldumlauf, auf dem die EZB laut Selbstauskunft ein Auge haben soll, wird im Moment immer weiter erhöht. Da das jedoch – und so ist es im Moment – kaum Einfluss auf die allgemeine Inflation hat, stimmt offensichtlich mit dem Preis des Geldes, dem Zins, den festzulegen Aufgabe der EZB ist, etwas ganz und gar nicht mehr. Der müsste nämlich steigen, was er aber nicht tut.

Siehe auch: Andreas Popp: Bevorstehender Finanzcrash wird uns alle erfassen

Die EZB steht also gewissermaßen gleichzeitig auf Gas und Bremse, wodurch man mit einem Motorrad schöne Donuts auf den Asphalt rubbeln kann. Man spürt etwas Fahrtwind, die Landschaft bewegt sich, man kommt jedoch nicht voran und der Reifenplatzer kommt gewiss.

Für ein Wirtschaftssystem, dass sich in einem Gleichgewicht aus Angebot, Nachfrage und Preis befinden sollte, kann das nur verheerend enden!

Angesichts der aktuellen Situation wird das kleine Video aus dem Jahr 2011 zum Menetekel, weil die EZB selbst es ist, die die Rolle des Inflationsmonsters übernommen hat und die des Deflationsmonsters gleich mit.

Ob unser Bankensystem sich tatsächlich schon von den Schockwellen zwischen 2007 und 2014 erholt hat, können wir folglich kaum wissen, weil sich EZB und ESM über das Eurosystem wie ein Sarkophag über die Ruine des Reaktors von Tschernobyl spannen, auf dem Dach Donuts drehen und die Sicht mit viel Rauch behindern.

Aus Angst vor großen privaten Banken, die Pleite gehen zu lassen man nicht den Mut hatte, baute man eine große supra-staatliche Super-Bank – da kann ja überhaupt nichts schiefgehen!

Der schwarze Fels in der Brandung

Als Merkel und Steinbrück 2008 vor die Kameras und die Sparstrümpfe der Bürger traten, sprangen sie zwar weit über ihre eigentlichen Fähigkeiten, aber das Garantieversprechen bezog sich auf einen Wirtschaftsraum, der zwischen Garmisch und Flensburg, Aachen und Cottbus lag. Die verängstigten Bürger beruhigte man letztlich damit, dass man ihnen versprach, die Banken Europas würden nun immer enger zusammenarbeiten, die Schultern fest geschlossen gewissermaßen.

Von Finanz-„Märkten“ kann man heute nur noch begrenzt sprechen, denn die „Europäische Bankenunion“ möchte den Weg weiter in Richtung gemeinsame Kasse gehen. Der letzte Schritt muss noch vollzogen werden, die Haftungsgemeinschaft. Vergessen wir für einen Moment, dass die Euro-Verträge das eigentlich ausschließen – Verträge kann man ja ändern. Vergessen wir auch, dass sich Merkel und Scholz bei vollendeter Bankenunion auch eines Tages vor die Kameras der italienischen RAI stellen könnten, um den Tifosi zu verkünden, dass „tutti paletti“ sei.

Fragen wir uns lieber, warum ausgerechnet die weltweit größte Fondsgesellschaft „Blackrock“, deren Bilanzsumme die Summe des EZB-Schrottpapierhaufens noch um ein paar Billionen übersteigt, sich am 19.April 2018 für eine rasche Vollendung der europäischen Bankenunion ausspricht. Altruismus? Begeisterung? Fürsorge? Ist es gar der „europäische Geist“? Oder ist es nicht vielmehr die Erkenntnis, dass es aus der verfahrenen Situation des Eurosystems keinen eleganten Weg hinaus gibt, weshalb man die bekloppten Euronauten einfach noch tiefer hinein rennen lässt?

Denn wenn zum Beispiel der Besitz italienischer Finanztitel zu kaltem Nachtschweiß führt, fühlt sich der Gedanke an Draghis Weltrettung-Phantasien und Merkels beruhigendes Gebrabbel wie eine pauschale “wherever it burns”-Feuerversicherung an. Das Problem jedoch kommt langfristig aber gewiss: wenn die Hütte erst mal brennt, wird es unter einem gemeinsamen Dach schnell ungemütlich.

Und so kübelt das EZB-Monster weiter lustig Geld für Glasmurmeln raus, welches dann in vermeintlich sichere Sachen wie Betongold oder den Deutschen Aktienindex gepumpt wird, der seit Jahren gerade deshalb abgeht wie eine Junggesellen-Abschiedsparty, während man bei Blackrock nur sehr vorsichtig von der ausgeschenkten Bowle schlürft und die Partygäste zu überzeugen versucht, einen gemeinsamen Blanko-Scheck für die anstehenden Renovierungsarbeiten zu unterzeichnen.

So eine große Haftungsgemeinschaft wird die Schäden schon tragen können! Aber wenn irgendwann alle für alles haften, haftet in Wirklichkeit niemand mehr für irgendetwas. Die Politiker übrigens, die das Treiben von EZB und ESM überwachen sollen, haften ohnehin für gar nichts.

* Einer der krassesten Fälle waren tatsächlich Staatsanleihen Portugals aus den Jahren 1940-1943, welche die EZB nun tatsächlich und ohne mit der Wimper zu zucken als Assets in den Büchern hat. Rückzahlung fällig im Jahr 9999 (später klammheimlich korrigiert auf 2199). Das ist das Jahr nach dem St. Nimmerleins-Tag.

Der Artikel erschien zuerst bei Unbesorgt.de und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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