„Der Augenblicksgier verfallen“: Publizist warnt vor neuen weltweiten Schuldenexzessen

Epoch Times18. Juni 2019 Aktualisiert: 18. Juni 2019 16:12
Verlangsamtes Wachstum in China, stockende Konjunktur in Europa, ein globaler Schuldenberg in Höhe des Dreifachen der Wirtschaftsleistung aller Staaten: Publizist Gabor Steingart hält eine Lockerung der Geldpolitik in dieser Situation für unverantwortlich – doch er rechnet fix damit, dass sie kommt.

Der Publizist und langjährige frühere „Handelsblatt“-Chefredakteur Gabor Steingart hat in einem Beitrag für den „Focus“ vor der Gefahr einer neuen exzessiven Schuldenpolitik auf globaler Ebene gewarnt. Bereits jetzt habe die Welt das Problem einer globalen Staatsverschuldung von nicht weniger als 250 Billionen US-Dollar, ohne dass dieses Thema überhaupt politisches Interesse erregte.

Der globale Schuldenberg aller Staaten entspreche dem Dreifachen der kombinierten Wirtschaftsleistung aller Staaten. An der Spitze der großen Industriestaaten stehe dem IWF zufolge dabei Japan mit einer Staatsverschuldung in Höhe von derzeit 237 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bereits 2014 hatte die Gesamtverschuldung des Landes – also die Summe der Schulden von öffentlichen und privaten Haushalten sowie der Unternehmen abseits des Bankensektors – bei 400 Prozent gelegen.

Verlangsamtes Wachstum in China

In den USA hat sich die Staatsverschuldung bei 105,8 Prozent des BIP eingependelt. Sie bewegen sich damit in etwa auf dem Level Singapurs und unter allen Ländern auf Platz 14, allerdings ist die Schuldenhöhe US-amerikanischer Unternehmen deutlich niedriger als in Fall der Spitzenreiter bei der Gesamtverschuldung. Bezüglich der Staatsschulden liegen die USA hinter Griechenland, Italien und Portugal – allerdings 20 Prozent als die Eurozone insgesamt.

Zum Sorgenkind im Bereich der Schuldenentwicklung wird zunehmend auch China. In Relation zum Wirtschaftswachstum hat die Staatsverschuldung sich seit 2008 verdoppelt – Tendenz: weiter steigend.

Der Grund dafür: Peking will den Zugang zu Krediten erleichtern und hat deshalb die Bedingungen gelockert. Das zuletzt gebremste Wirtschaftswachstum, das unter anderem auch auf die aktuellen Handelskonflikte zurückzuführen ist, macht dem Regime Sorgen. Ein Wachstum von fünf Prozent in den ersten Monaten des Jahres liegt deutlich unter den Erwartungen. Derzeit liegt der Leitzins seit fünf Jahren bei 4,35 Prozent. Weltweit stehen die Zeichen jedoch auf Senkung – und die Verlockungen des billigen Geldes könnten auch an Peking nicht spurlos vorübergehen.

„Weltweit erleben wir die Rückkehr der Schuldenpolitik und des billigen Geldes, ohne dass darüber je eine Parlamentsdebatte geführt worden wäre“, diagnostiziert Steingart und sieht einen Teufelskreis aus Angst vor Konjunktureintrübung, Handelskriegen und der Scheu vor Veränderungen des Status quo.

Schwellenländer bereiten sich auf Zinsen-Abwärtsspirale vor

Während die Eurozone jetzt schon bei einem Leitzins von 0,0 Prozent angelangt und Japans Notenbank einen Negativzins in Höhe von 0,1 vorgibt, rechnet die Fachwelt auch in den USA noch in diesem Jahr mit einer Trendwende, nachdem die Fed im Laufe der vorangegangenen Jahre den Leitzins kontinuierlich auf eine Spanne von zuletzt zwischen 2,25 und 2,5 Prozent erhöht hatte.

Die Schwellenländer wollen von dieser Entwicklung nicht auf dem falschen Fuß erwischt und halten die Leitzinsen niedrig: Brasilien setzte eine geplante Erhöhung aus, Russland, Indien, China und weitere Emerging Markets machen Kredite billiger.

Wie schädlich sich eine hohe Staatsverschuldung auf die jeweilige Volkswirtschaft und die öffentlichen Haushalte auswirkt, ist unterschiedlich. Eine besonders geringe Staatsverschuldung garantiert für sich allein noch keine gedeihliche Entwicklung – wie die Beispiele Bulgarien, Botswana oder Afghanistan zeigen.

Relevant sind auch Faktoren wie die Verschuldung von Unternehmen und Haushalten, die Geschwindigkeit und Richtung der Verschuldung und auch die Frage, ob es sich um Inlands- oder Auslandsschulden handelt.

Hohe Fremdwährungs- und Auslandsschulden, insbesondere kurzfristige, und geringe Devisenreserven sind geeignet, das Vertrauen potenzieller Investoren zu unterminieren. Ist demgegenüber die Sparneigung im Inland hoch und der Anteil der Schulden des Staates gegenüber Gläubigern im eigenen Land übersteigt jene der Auslandsschulden, kann der Schuldendienst leichter finanziert werden.

Es kommt nicht nur auf die Höhe an

Dies ist in Japan der Fall, weshalb die Schuldenhöhe in Prozent des Bruttoinlandsprodukts keine Panik auslöst. Man weiß dort: Nicht nur die Höhe der Schulden ist entscheidend, sondern auch die Schuldentragfähigkeit. Diese ist im Fall Japans intakt, sofern die Sparneigung der Privathaushalte hoch bleibt. Andernfalls aber drohen auch dort Obergrenzen der Belastbarkeit.

Im Fall der USA helfen der Sonderstatus als wichtigster Finanzmarkt und der Status des US-Dollar als Weltreservewährung, den hohen Auslandsschuldenstand zu bewältigen und in China sind Devisenreserven und Ersparnisse verhältnismäßig hoch – im Unterschied zur Auslandsverschuldung.

Gabor Steingart ist dennoch nicht ganz wohl beim Gedanken an eine wieder steigende Akzeptanz von billigem Geld und höherer Verschuldung, nicht zuletzt auch angesichts der EZB-Pläne zur Ausweitung der Aufkaufprogramme für Staatsanleihen, Aktien und die Schuldscheine von Firmen.

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China, Japan, die USA, wichtige Entwicklungsländer und das Team rund um EZB-Präsident Mario Draghi sind der Augenblicksgier verfallen“, resümiert Steingart.

„Die Status-quo-verliebten Völker – so jedenfalls die Einschätzung der politischen Klasse – sollen narkotisiert werden. Nicht die Religion, wie Karl Marx glaubte, sondern billiges Geld ist das moderne Opium für das Volk. Die Welt führt ihr Doppelleben mittlerweile im Halluzinarium weiter. Die Folgen können vielfältig sein – aber niemals nachhaltig.“